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„Weil man da so schön klettern kann!“

Zauberwald in der Ravennaschlucht

Wandern mit Kindern: In der Ravennaschlucht braucht man keine Motivationstricks. Dort ist es auch so spannend genug. „Schau mal, da oben steht der Hirsch“, ruft meine kleine Tochter Maj, als wir mit dem Auto die engste Stelle des Höllentals passieren. Natürlich steht er da, wir sind ja schon oft genug daran vorbeigefahren, aber die überlebensgroße Bronzestatue hoch droben auf dem Felsen zieht die Blicke der Kinder jedes Mal an an wie ein Magnet. Früher mal war das Höllental eine enge, felsige Schlucht. Beklemmend und gefährlich. Wildwasser, Felsstürze und Unwetter hatten ein unwegsames Terrain geschaffen, durch das bloß ein schmaler Weg verlief.

von  Patrick Kunkel , 16. Januar 2015
  

Der Maultierpfad von einst ist heute eine vierspurige Bundesstraße, die wichtigste Verkehrsverbindung vom Rheintal auf den Hochschwarzwald. Die engsten Felsdurchlässe am Hirschsprung sind längst gesprengt und die Höllentalbahn führt über Viadukte und durch sieben Tunnel gen Hinterzarten. „Wie in der Hölle sieht es nicht aus“, meint Maj. „Aber ziemlich schön.“

Nein, keine Hölle mehr, so wie es die Soldaten eines tausendköpfigen französischen Revolutionsheers empfanden, die 1796 durch das Tal zogen, und es danach „Val d’enfer“ tauften, das „Tal der Hölle“. Verkehrshölle vielleicht, die gibt es hier heute, aber immerhin vor Bilderbuchkulisse. Als wir den Wagen auf dem Parkplatz vor dem Hofgut Sternen abstellen, rattert gerade ein roter Regionalzug über die größte Brücke des Schwarzwalds, das Ravennaviadukt und eine Gruppe chinesischer Touristen steigt aus ihrem vollklimatisierten Reisebus: Das altehrwürdige Wirtshaus Sternen beherbergt heute ein Sternehotel. Daneben wartet eine riesige Kuckucksuhr auf Schaulustige. Und wo früher das Raubrittergeschlecht der Falkensteiner Reisende ausnahm, gibt es heute Souvenirläden und das Selbstbedienungsrestaurant „Ravenna-Grill“, wo Touristen auf Europareise Schwarzwaldkitsch, Speck und Torte kaufen können. Und nebenbei einen schnellen Blick auf den Schwarzwald werfen dürfen – oder besser: Auf das, was sie dafür halten.

Manche wagen sich dabei sogar unter den mächtigen 36 Meter hohen Steinbögen der Ravennabrücke hindurch. Und da versteckt er sich: Der echte Schwarzwald! Ganz bezaubernd ist er. Grün, ein bisschen wild. Verwunschen und viele Bäume. Und er kommt hervorragend ohne rote Bollenhüte aus. Direkt hinter dem Eisenbahnviadukt liegt der Eingang zur Ravennaschlucht, ein schmales Seitental des Höllentals, dessen Name ebenfalls aus dem Französischen stammen soll: „La ravine “, die Schlucht.

Wie viel ruhiger es hier doch ist. So ruhig! Kaum hat man die Steinbögen der Bahnbrücke hinter sich gelassen, da verengt sich das Tal und man taucht zwischen Felswänden in die enge Schlucht ein, eine schmale Furche, die der Ravennabach während tausender Jahre ins steile Gneis- und Granitgebirge genagt hat: „Wie schön!“, ruft Meret und meine beiden Töchter stapfen begeistert los. Von Reisegruppen ist nichts mehr zu sehen, wir sind aber auch nicht die einzigen Wanderer auf dem gut zwei Kilometer langen Pfad durch die Schlucht.

Schattig und kühl ist es, hier rauscht das Wasser, die Felswände rücken eng zusammen und nach der ersten Wegbiegung klettern die Kinder begeistert auf umgestürzten Baumstämmen herum: „Das ist ja ein richtiger Zauberwald“, ruft Maj – da hat sie recht. Moospolster hängen wie lange Bärte von Felsen und von Baumstämmen. Die Sonne fällt durch das dichte Blätterdach und malt helle Punkte auf den weichen, dunklen Waldboden. Es duftet nach Erde, nach Tannennadeln, nach Feuchtigkeit.

Der Weg schlängelt sich an der engen Steilwand entlang und da, wo wuchtige Felsklötze im Weg liegen, führen Holzstege, Brücken und steile Treppen schluchtaufwärts – immer ganz nah an dem wilden Bach entlang, der über viele Kaskaden und Wasserfälle strömt. „Hier ist es so toll“, sagt Maj, „wegen dem Wasser. Und weil man überall so schön klettern kann!“

Die beiden balancieren über nasse, glitschige Wurzeln, rutschige Felsen und tauchen, als wir rasten, die nackten Füße ins dahinschießende Wasser. Nach zwei Kilometern endet der erste Abschnitt der Ravennaschlucht - praktischerweise vor dem Gasthaus Ketterer, das immerhin für kalte Getränke und Eis gut ist. Doch die Kinder wollen weiter: Spielen. Toben. Klettern: Erst durch die obere Ravenna, die nicht mehr ganz so wild ist wie der untere Teil – und dann hinauf auf dem Querweg Freiburg-Bodensee. Zum Piketfelsen, Kaiserwacht und Posthaldefelsen. „Ist es noch weit?“, fragt Meret. „Ja“, antworte ich. Und dann ereignet sich so etwas wie das Motivationswunder der Ravennaschlucht: „Ist es da genau so schön?“ - Fast.“ - „Na, dann schnell los!“

Über den Autor

Patrick Kunkel ist Reisejournalist aus Freiburg im Breisgau. Am liebsten erkundet er die Welt mit dem Fahrrad oder mit Wanderschuhen an den Füßen. Er lebt und arbeitet derzeit in Bilbao, Nordspanien und reist von dort regelmäßig in seine Lieblingsregion – den Schwarzwald. Folgen Sie Patrick auf Google+

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Ravennaschlucht

frei zugänglich / immer geöffnet

Die Ravennaschlucht ist ein schmales und steiles Seitental des Höllentals, durch das sich der wilde Bach Ravenna über viele Kaskaden und Wasserfälle seinen Weg bahnt. Die beiden größten sind der große Ravenna-Fall mit 16 und der kleine Ravenna-Fall mit 6 Metern Fallhöhe.

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