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Warum der Schluchseer Jägersteig eigentlich Jägerpfad heißen müsste

Pirschen, Schleichen, Barfuss gehen

Diese Schuhe sind eine einzige Lachplatte. Hobbitlatschen. Sehen aus wie die Schwimmhäute einer Stockente. Dann habe ich mich bekehrt. Ich bin jetzt eine von denen. Diesen seltsamen Zehenfußträgern, die mit der Zehenbox und den profilierten Schlappen. Wie konnte das nur geschehen?

von  Birgit-Cathrin Duval , 16. Juli 2013
  

Schwere Wanderstiefel sind out. Wandern im Schwarzwald ist schließlich kein Manöver. Genuss steht an erster Stelle. Dazu wurden eigens die Schwarzwälder Genießerpfade generiert. 

Die allseits propagierte Entschleunigung wahrnehmen. Den Wald mit allen Sinnen spüren. Warum nicht auch mit den Füßen? Nachdem jahrzehntelang der Fuß gestützt und gedämpft wurde, geht es jetzt zurück zur Natur. Natürliches Gehen ist angesagt und minimalistisches Fußwerk ist in. Wie damals bei den Indianern, die sich in ihren Moccasins lautlos auf die Pirsch machten. Wobei wir beim Jägersteig gelandet sind. Genauer gesagt beim Wolfsgrund, wo sich das Jägersteig-Portal befindet. Mit meinen neuen Zehenschuhen will ich mir den Jägersteig erschleichen.

Gut nur, dass Tiere farbenblind sind. Meine Zehenschuhe würden sie sonst in eine überstürzte Flucht treiben. Die Füße sehen aus, als hätte man ihnen eine Warnweste verpasst. Schrille Orange-Töne und kreischendes Gelb, damit macht man bei einer Techno-Party (gibt es die eigentlich noch?) eine gute Figur, äh, Fuß.

Am Wolfsgrund heulen keine Wölfe, dafür lärmen die Motoren. Nichts wie weg von der viel befahrenen Straße, ab in den Wald. Der empfängt mich mit samtenem Moos, auf denen meine Schritte auf und ab federn. Ich spüre ein kühles, erdiges Gefühl, das meinen Fuß umgibt. Der schmale Pfad schlängelt durch Fichtenwald und bald schon sind die Straßengeräusche vom Wald geschluckt. Ich höre Vögel zwitschern.

Wander-Bericht vom neuen Wanderweg im Schwarzwald, dem Jägersteig am Schluchsee.
Es geht auf dem alten Jägerpfad leicht aufwärts zum Ahaberg. Vereinzelt flirrt Sonnenlicht durch das Blätterdach, es ist angenehm schattig an diesem heißen Sommertag.  -  ©  Birgit-Cathrin Duval

Es geht auf dem alten Jägerpfad leicht aufwärts zum Ahaberg. Vereinzelt flirrt Sonnenlicht durch das Blätterdach, es ist angenehm schattig an diesem heißen Sommertag. Feine Spinnweben kitzeln auf der Haut. Der Waldboden ist weich, mit den Zehenschuhen ist es fast wie barfuss gehen. Ich gehe langsamer, achtsamer, spüre den Boden unter den Füßen, wo ich sonst in dicken Wandersocken schwitze und mit fester Sohle auftrete. Mit den Zehenschuhen bin ich erdverbundener, spüre Steine und Wurzeln, auf eine nicht unangenehme Weise.

Nach zwei Kilometern öffnet sich der Wald auf belohnt den Anstieg mit einem herrlichen Blick auf den Schluchsee. Verweilidylle mit Tisch und Bank. Der fußbreite Pfad zieht sich weiter in den Wald hinein. Mächtige Ameisenhügel säumen den Weg. Ein wirres Gewusel kleiner schwarzer Punkte, faszinierend beobachte ich, was wie ein fürchterliches Chaos aussieht, sich zu einer unsichtbaren, ja unheimlichen Ordnung zusammenfügt.

Der Jägersteig zählt zu den Schwarzwälder Genießerpfaden. Damit ist er als Premiumwanderweg vom Deutschen Wanderinstitut zertifiziert, das Wanderern naturbelassene Wege, abwechslungsreiche Landschaft und einen hohen Erlebniswert verspricht. Unterwegs informieren Schautafeln über die Zeit, als Jäger und Fischer, lange vor der Besiedlung des Schwarzwaldes, die Wälder durchstreiften.

Wir erreichen einen alten Grenzstein. Hier stoßen vom Norden die ehemalige Standesherrschaft Fürstenberg, im Osten der Gemeindewald Schluchsee und südwestlich der Staatswald des Landes Baden-Württembergs, der aus dem ehemaligen Besitz des Klosters St. Blasien hervorging, zusammen.

Ab hier verläuft der Pfad direkt auf der Grenze zwischen dem Staatswald und dem Fürstenbergischen Waldbesitz. Die Grenzen haben seit vielen Jahren keine Bedeutung mehr, sind allerdings als Jagdgrenzen heute noch von Bedeutung.

Und dann sehen wir sie! Ein Reh mit Rehkitz im Wald. Sie stehen ganz still und bewegen sich nicht. Vorsichtig pirschen wir uns näher heran. Erst auf den zweiten Blick erkennen wir, dass es eine Silhouette ist. Wir steigen auf den Hochsitz und entdecken auf der anderen Seite einen Hirsch. Im Spiel von Licht und Schatten sehen die hölzernen Tiere verdammt echt aus.

Am Jägersitz zweigt der Pirschpfad ab. Hier lauert so manche Überraschung, die das Herz von kleinen Wanderern höher schlagen und einen weiteren Hochsitz erklimmen lässt, bevor die Pirsch zu Ende ist und wieder zurück zum Jägersteig führt.

Panorama-Aussicht auf den größten See im Schwarzwald, den Schluchsee.
Wir folgen dem Felsenweg, der uns aus dem Wald auf den Bildsteinfelsen bringt. Die Aussicht ist atemberaubend. Tief unter uns glänzt der Schluchsee.  -  ©  Birgit-Cathrin Duval

Am 1.134 Meter hohen Bildsteingrad zweigt ein enger Weg rechts ab: „Stichweg zum Bildstein, 200 Meter“. Wir folgen dem Felsenweg, der uns aus dem Wald auf den Bildsteinfelsen bringt. Die Aussicht ist atemberaubend. Tief unter uns glänzt der Schluchsee, weiße Segel heben sich von der blauen Farbe des Wassers ab, leichte Wellen glitzern im Sonnenlicht. An klaren Tagen sieht man bis hin zum Säntis in den Schweizer Alpen. Der Bildstein wird als Loreleyfelsen des Schluchsees bezeichnet, denn er hat eines mit dem berühmten Unesco Welterbes bei Sankt Goarshausen gemein. Beide Felsen bestehen aus dem gleichen Gestein, einem rund 400 Millionen Jahre alten Tonschiefer. Der Versuch, mir vorzustellen, wie es hier wohl vor 400 Millionen Jahren ausgesehen hat, macht mich schwindlig.

Gut die Hälfte des 11,3 Kilometer langen Jägersteigs haben wir geschafft. Die 340 erklommenen Höhenmeter steigen wir auf einem Serpentinenweg wieder ab. Erst auf einem Waldpfad, später dann auf einer steinig-felsigen Wegstrecke, bis wir in Aha das Seeufer des Schluchsees erreichen. Wir folgen dem Seeuferpfad, genießen Strandfeeling am Schluchsee, erfrischen unsere Füße im kühlen Nass des Sees. Eine Gruppe Stand Up Paddler wartet auf die Welle des Ausflugbootes. Der weiße Strand und die Surfbretter wecken Hawaii-Feeling, mitten im Schwarzwald.

Nach der einsamen Stille des Waldes tobt am Seeufer das Leben. Ausflügler in Flip Flops blicken verwundert auf unsere Schuhe. Ich wundere ich mich über etwas ganz anderes. Wieso der Jägersteig eigentlich Jägersteig heißt? Weil man auf einen Hochsitz steigen kann? Jägerpfad wäre der bessere Name. Denn das ist er, der Jägersteig – ein Pfad zum Pirschen, Schleichen, Barfuss gehen. Von denen man viel mehr entdecken möchte. Auf leisen Sohlen versteht sich.

Gut zu wissen

Schluchseer Jägersteig: Start am Wanderparkplatz „Im Wolfsgrund“ oder alternativ am Bahnhof Schluchsee-Aha (Einstieg beim Seglerheim)

11,3 Kilometer, 312 Höhenmeter Aufstieg und Abstieg, Dauer 3 Stunden, Schwierigkeit mittel

Eignet sich gut für Zehenschuhe, für alle anderen wird festes Schuhwerk empfohlen.

Über den Autor

Birgit-Cathrin Duval ist am Rande des südlichen Schwarzwalds aufgewachsen. Nachdem sie die ferne Welt bereist hat, stellte sie fest: Der Schwarzwald ist alles – außer spießig. Die Reisejournalistin hat sich auf Kanada und den Schwarzwald spezialisiert und erkundet am liebsten neue Trails unter extremen Wetterbedingungen. Ihre Reportagen erscheinen regelmäßig in Tageszeitungen und im Outdoor Magazin. Folgen Sie Birgit-Cathrin auf Google+

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In diesem Artikel erwähnt

Tour Kategorie  Premiumweg Deutsches Wandersiegel Rundtour

Genießerpfad - Schluchseer Jägersteig

  • Schwierigkeit
    mittel
  • Strecke
    11 km
  • Dauer
    4 h
  • Aufstieg
    303 m
  • Abstieg
    303 m
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