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Was sind schon die Rocky Mountains?

Superlative und Schnapstankstellen

Einmal durch den Hochschwarzwald, von West nach Ost: Moritz hat sich auf einen Roadtrip begeben. Auf allen Sorten Skiern, im Kanu, zu Fuß. Heute: Die längste Piste des Universums – und was der Hochschwarzwald den Rocky Mountains voraus hat.

von  Moritz Baumstieger , 16. Mai 2013
  

Das Dumme an Konzepten ist, dass sie einengen. Ist ja auch ihre Aufgabe: Eine Linie vorgeben, Gedanken und Taten konzentriert in eine Richtung lenken. Was macht man aber, wenn etwas Spannendes entdeckt, das leider in eine andere Richtung führt?

Man macht es am besten trotzdem. Vor allem, wenn man Ferien hat und eine Region erkunden will. Mein Konzept, meine Richtung, das ist eigentlich: Der Hochschwarzwald von West nach Ost. Die Hinterwald-Abfahrt geht dooferweise ziemlich genau in die andere Richtung, Und führt sogar ein Stück weit aus dem Hochschwarzwald hinaus. Aber soll ich sie deshalb links liegen lassen? Nein. Das geht nicht. Die Hinterwald-Abfahrt ist nämlich 9,3 Kilometer lang und damit die längste Skiroute Deutschlands. Und nachdem ich schon das höchste Gipfelkreuz der Welt entdeckt habe, muss ich diesen Superlativ auf jeden Fall mitnehmen.

Die Hinterwald-Abfahrt am Feldberg ist mit 9,3 Kilometern die längste Skiroute Deutschlands
Bereit für den Superlativ. Aber auch ein bisschen erschrocken, weil unten rechts, da steht: „Gesperrt“.  -  © Moritz Baumstieger

Daran kann mich auch das Schild nicht hindern, dass neben der Bergstation des Skilifts Grafenmatt aufgestellt ist: „Hinterwald-Abfahrt. Hier verlassen Sie die präparierten Pisten des Liftverbundes Feldberg. Befahren auf eigene Gefahr.“ Das geht ja noch. Aber drunter steht: „Gesperrt“.

Egal. Der Skiclub Todtnau (der älteste Deutschlands, aber das nur ganz nebenbei und nicht wegen des Superlativs bemerkt) präpariert die Skiroute, wenn es die Schneeverhältnisse zulassen. Und falls das heute nur in Teilen der Fall ist, habe ich zur Not ja noch die Felle für meine Tourenski dabei, mit denen ich wieder aufsteigen könnte. Also los.

Oder doch nicht gleich. Schon nach wenigen Metern der erste Stopp. Auf die längste Abfahrt der Welt, nein, Deutschlands, verteilen sich nämlich nur 736 Höhenmeter. Das heißt: Sie ist nicht unbedingt an jeder Stelle so steil wie die berüchtigte Streif in Kitzbühel. Also besser: Rechts rangefahren, die Teleskopstöcke lang gemacht und ein bisschen angeschoben. Dann flutscht es.

Sogar richtig. Eine Kollegin von der Lokalpresse hat das so ausgedrückt: „Nach dem Start gleitet man geradezu über den Schnee und hat einen weiten Blick über Berg und Tal.“ Ich konzentriere meinen Blick besser auf die Piste. Was beim gleichzeitigen Gleiten und Gucken passieren kann, habe ich schon am Herzogenhorn gelernt. Außerdem habe ich es eilig: Die ganzen Superlative haben mich angestachelt, nun will ich sehen, ob ich nicht ein wenig am Streckenrekord kratzen kann. Den hat 2012 ein Bernd Lais aus Todtnau aufgestellt. Beim Hinterwald-Inferno, dem natürlich längsten Skirennen Deutschlands. 10:00:90 Minuten hat er für die Abfahrt gebraucht. Das muss doch zu schaffen sein.

Ist es aber nicht. Nachdem ich an einigen verdutzten Schneeschuhgängern vorbeigesaust bin, geht es plötzlich nicht weiter runter. Sondern rauf – Gegenanstieg! Mein Ehrgeiz, es dem Lais Bernd zu zeigen, ist schlagartig verflogen. Ich mache die Stöcke noch ein wenig länger, schiebe ein bisschen. Dann gehe ich zu diesem Tannenbaum-Schritt über, bei dem man sich immer ein wenig vorkommt wie ein Pinguin auf Glatteis. Aber Tannenbaum, das passt ja ganz gut zum Schwarzwald.

Und gleich darauf wird es noch schwarzwaldiger: Am Ende des Gegenanstiegs steht eine Hütte. Und gegenüber der Hütte ist ein Baumstumpf. Und an dem Baumstumpf ist ein großes Vogelhäuschen. Und vorne an dem Vogelhäuschen, da ist eine Art Tür mit Riegel. Und hinter der Tür mit dem Riegel, da ist was? 

Kirschwasser.

Schnapstankstelle mit Kirschwasser im Schwarzwald
© Moritz Baumstieger
Schnapstankstelle auf der Zielgeraden der Hinterwald-Abfahrt, 9,3 Kilometer lang und damit die längste Skiroute Deutschlands
Vogelhäuschen? Schnapstankstelle! Mit dem Rekord wird es wohl nichts mehr. Also ein Prost auf den Lais Bernd.  -  © Moritz Baumstieger

Zwei Liter, in einer blauen Flasche. Wohl für Wanderer und Skifahrer, die Durst vom Gegenanstieg haben, denn daneben stehen gleich noch ein paar Plastikgläschen. Ich habe Durst. Die zwei Liter trinke ich aber nicht aus, vor mir liegt ja noch ein wenig Abfahrt.

Ob die wirklich so viel steiler ist als der erste Teil, oder ob es am Kirschwasser liegt, kann ich nicht sagen. Sicher ist nur: Plötzlich läuft es. Die Schwarzwald-Tannen und -Fichten rauschen links und rechts an mir vorbei, an manche ihrer Stämme ist mit grellgrüner Farbe ein Pfeil gesprüht, damit man sich auch ja nicht verfährt. Anstatt anzuschieben, muss ich jetzt bremsen. Vor allem an der Stelle, an der ein verwaschenes Schild nach rechts weist. „Zur Haltestelle“ steht darauf. Ich habe es leider zu spät gesehen.

Wegmarkierung der Hinterwald-Abfahrt zwischen Feldberg und Todtnau
Wo bitte geht es hier weiter? Achso, dem Pfeil nach.  -  © Moritz Baumstieger

Als mich der Bus dann doch endlich wieder zurück zum Feldbergpass bringt, höre ich ein bisschen bei der Unterhaltung der beiden Sifahrer in der Reihe vor mir zu. Durch mich inspiriert – ich war der einzige, der an der Haltestelle eingestiegen war – anscheinend über die Hinterwald-Abfahrt.

„Das ist die längste Deutschlands“, sagt der eine. „Fast zehn Kilometer lang.“

„Ich war mal in den Rocky Mountains“, sagt der andere. „Da gab es noch viel längere Pisten.“

„Pffff“, denke ich.

Denn was sind schon die Rocky Mountains? Hochschwarzwald ohne Schnapstankstellen. Höchstens.

Bushaltestelle Todtnau
© Moritz Baumstieger
Bus Ski
Bushaltestelle, nicht ganz einfach zu finden. Und dann, im Bus: die Skier der Rocky-Mountains-Ignoranten.  -  © Moritz Baumstieger

Über den Autor

Moritz Baumstieger, 30, ist gerne draußen – der Hochschwarzwald ist jedoch Neuland für ihn. Bisher zog es ihn eher in die Berge in der Nähe seiner Heimatstadt München oder gleich weiter weg. Wenn er mal in seinem Büro sitzt, schreibt er für die Süddeutsche Zeitung, NEON und den stern. Folgen Sie Moritz auf Google+

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