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An de Blosmusik hät er di gröschd Bläsiir

Je oller, desto doller

Albert Reich ist ein sehr zuverlässiger und korrekter Mensch, eine richtig treue Seele. Würde man den Schwarzwälder fragen, mit wem er enger verbunden ist, mit seiner Frau oder der Blasmusik, würde man ihn in die Bredouille bringen.

von  Barbara Bollwahn , 16. Juni 2014
  

Fest steht, dass die Musik zuerst da war. Seit 58 Jahren ist der 83-jährige Schwarzwälder mit seiner Frau verheiratet, er hat vier Kinder und acht Enkelkinder. Der Musik aber hält er noch länger die Treue. Es sind so viele Jahrzehnte, ein Dreivierteljahrhundert fast, dass die Wände des Wohnzimmers in seinem Zuhause in Lenzkirch kaum ausreichen, um all die Urkunden, Ehrenurkunden, Sonderehrennadeln und Ehrennadeln in Gold und Diamant zu platzieren.

Vor 70 Jahren, 1944, als Albert Reich ein 14-jähriger Junge war und Deutschland sich in der Endphase des Zweiten Weltkrieges befand, fing er mit der Blasmusik an. Als zweitjüngstes von sechs Kindern in St. Märgen geboren, der Vater starb, als er sieben Jahre alt war, hat er als Hütejunge gearbeitet, Holz gespalten, auf dem Hof geholfen. Den Beginn seiner Liebe zur Musik beschreibt er mit der ihm eigenen Bescheidenheit: „Das war folgendermaßen: Ich lernte Kaufmann, mein Chef war im Vorstand der Musik in Lenzkirch und als der Dirigent sagte, ich solle Posaune lernen, habe ich gesagt, also gut, lerne ich Posaune.“ Später kamen das Tenorhorn und das Waldhorn hinzu. Als er gefragt wurde, ob er das zweite Flügelhorn blasen würde, antwortete er: „Natürlich, mach ich.“ Auf die spätere Frage, ob er das erste Flügelhorn übernehmen würde, sagte er unter einer Bedingung zu: „Nur, wenn ich eigene Noten bekomme.“

„Ich bin da reingewandert“, sagt Albert Reich zu seiner langen Verbundenheit mit der Musik. 67 Jahre, mehr als drei Musikergenerationen, hat er bei der Stadtkapelle Lenzkirch gespielt, er war Schriftführer, Beisitzer, Mitbegründer der Bläserjugend. Erst im vergangenen Jahr ist er ausgeschieden. Bis 2007 stand er als Präsident dem Blasmusikverband Hochschwarzwald vor, dem 35 Vereine und elf Bläserjugenden mit mehr als 2.200 Mitgliedern angehören. Ist die Blasmusik ein Kulturgut, ist Albert Reich, mittlerweile Ehrenpräsident des Blasmusikverbandes, ein Kulturträger. "An de Blosmusik hät er di gröschd Bläsiir."

Seit 2002 ist der Maurermeister und Bauzeichner im Ruhestand, aber zur Ruhe gesetzt hat er sich noch lange nicht. „Ich bin ein AA-Rentner“, sagt er und lacht, ein Rentner auf Arbeit. Jeden Tag unter der Woche steigt er runter in den Keller in sein Arbeitszimmer, macht Baupläne- und zeichnungen, „alles mit Tusche, das kann man noch in 50 Jahren lesen“. Auch mit der modernen Technik eines Computers ist er vertraut. Jeden Tag übt er im Büro auf seinem Flügelhorn eine halbe oder dreiviertel Stunde. Walzer, Märsche, Polkas, gutbürgerliche Blasmusik. Do hock ich na un blos.“

Einmal im Monat fährt er zur Probe der Seniorenblaskapelle Hochschwarzwald, zu deren Mitbegründern er gehört, und für die er auch die Termine macht. Die etwa 50 Mitglieder sind ehemalige und teilweise noch aktive Mitglieder aus den Musikvereinen im Blasmusikverband, die auf Sommerfesten und Kurkonzerten, in Gasthäusern und Altenheimen auftreten. Albert Reich ist der Zweitälteste der Kapelle, bei der die jüngsten Herren um die 50 sind. Der älteste Musiker ist fünf Tage älter als Albert Reich und schlägt die Trommel.

Der Besuch einer Probe der Seniorenkapelle ist der beste Beweis dafür, dass Musik tatsächlich jung hält, auch wenn in der Satzung steht, dass nur Mitglied werden kann, wer „dem jugendlichen Alter entwachsen ist“. Viele Zähne sind nicht mehr echt, auch nicht alle Knie- und-Hüftgelenke, Herzklappen und Bandscheiben. Aber an der Begeisterung, mit der die Männer musizieren, nagt der Zahn der Zeit nicht. Die ist echt. Hochkonzentriert folgen sie den Worten des musikalischen Leiters Wolfgang Spiegelhalder, der auch schon Anfang 70 ist. Bisweilen werden Hände hinter die Ohren gelegt, um seine Anweisungen besser zu verstehen. Auf vielen Nasen sitzen Brillen, die die kleinen Noten größer machen.

Instrumente werden gestimmt, Tonleitern gespielt, es wird aber auch getuschelt und gelacht wie auf einem Klassenausflug. Doch kaum schlägt der Dirigent mit dem Taktstock aufs Pult, sind alle voll dabei. „Gucke mehr mol, dass mer des nakriege“, beginnt der Dirigent, der immer wieder zwischen alemannisch und hochdeutsch wechselt. Die Musiker spielen den „Tiroler Adlermarsch“, „Rot sind die Rosen“, „Böhmisches Herzklopfen“ und werden immer wieder unterbrochen. „Paar Töne waren nicht ganz koscher.“ „E weng hoch.“ „Wo bleibt de Achtelschlag?“ „Piano, mezzoforte, wie's do schtoht.“ „Da steht e P. Das heißt Piano und nicht Power.“

Albert Reich hält neben der Musik, der Arbeit und der Familie noch etwas anderes jung: Jeden morgen trinkt er auf nüchternen Magen ein Glas Schnaps und bereitet das Frühstück für seine Frau und sich zu, das macht er seit sie verheiratet sind, regelmäßig schwitzen sie zusammen in der Sauna im Keller. Albert Reich, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche, wird so lange Musik machen, wie er kann.

Gut zu wissen

Senioren Blaskapelle Hochschwarzwald: www.senioren-blaskapelle-hochschwarzwald.de

Über den Autor

Barbara Bollwahn, Journalistin und Autorin aus Berlin. 2009 kam sie das erste Mal in den Schwarzwald, als Dorfschreiberin nach Eisenbach. Auch wenn die Schwarzwälder ihr Herz nicht unbedingt auf der Zunge tragen und sie für Schwarzwälder Verhältnisse sehr direkt ist, ist sie mit ihnen warm geworden. Seitdem kommt sie immer wieder. Ihr alemannisches Lieblingswort ist wunderfitzig, neugierig. Folgen Sie Barbara auf Google+

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