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Mit dem Mountainbike auf schmalen Pfaden von Einsiedler-Hof zu Einsiedler-Hof – runter schnell, hoch deutlich langsamer

Schwarzwald-Panorama – geschüttelt, nicht gerüht

Einmal durch den Hochschwarzwald, von Süd nach Nord: Moritz hat sich auf einen Roadtrip begeben. Auf allen Sorten Rädern, im Kanu, zu Fuß. Heute: Kleine Trails und große Geschwindigkeit und ein erfrischender Reim.

von  Moritz Baumstieger , 12. August 2013
  

Bisher kannte ich Mountainbiken so: Man fährt im Tal los, schwitzt und schnauft, bis man auf dem Berg angekommen ist. Dann trinkt man einen Radler auf einer Alm oder eine Buttermilch, zur Erfrischung und damit man beim Runterfahren noch ein wenig mehr Gewicht in die Kurve schmeißen kann.

Im Hochschwarzwald ist das aber anders. Erst das Vergnügen, dann die Arbeit, das scheint die Einstellung meines Begleiters Jan zu sein, als er in St. Märgen das Rad aus dem Schuppen holt und sich draufschwingt. Und schon ist er weg – zischt auf der Straße davon Richtung Glasträgerhof.

Ich zische hinterher, trotzdem sehe ich Jan zunächst nur von hinten. Die schicken Scheibenbremsen an seinem Mountainbike setzt er äußerst sparsam ein. Das ändert sich auch nicht, als wir vom Asphalt in die Wildnis wechseln, es über Wiesen zum Zwerisberg geht, oder durch den Wald und über Stock und Stein zum Winterkapf. Bäume sausen links und rechts an mir vorbei, Zaunpfähle, Wiesenblumen. Nichts ist wirklich gut zu erkennen, dazu bin ich viel zu schnell. Das Bild ist stark verwackelt: Mein Mountainbike ist zwar gefedert, aber nur vorne. Einmal Hochschwarzwald-Panorama, geschüttelt, nicht gerührt.

Mountainbike Singletrail-Tour bei St. Märgen im Schwarzwald
Dann aber fährt auch Jan Bleifuß plötzlich langsamer: Wir verlassen den Wald, fahren auf einer Art flachem Grat entlang, unter uns fallen die Wiesen steil bis zum Wirtshäusle-Hof ab.  -  © Moritz Baumstieger

Dann aber fährt auch Jan Bleifuß plötzlich langsamer: Wir verlassen den Wald, fahren auf einer Art flachem Grat entlang, unter uns fallen die Wiesen steil bis zum "Wirtshäusle"-Hof ab. Der liegt so einsam und verlassen, so romantisch und schön hier am Bergrücken, dass wir Adrenalin-Junkies einen kurzen Moment anhalten und absteigen müssen, um vor Rührung nicht vom Rad zu fallen. Und um die Bikes über den Zaun der Kuhweide zu heben, das natürlich auch.

Damit der Pulsschlag aber ja nicht unter 150 fällt, fahren wir gleich weiter. Wieder geht es durch den Wald, auf schmalen Steigen den Knappeneck hinab über Äste, Wurzeln, Felsen. Kurve links, Kurve rechts. Kurzer Sprung, Spitzkehre. Jan kennt sich hier glücklicherweise bestens aus, warnt mich vor jeder Stelle, an der man stürzen könnte. Die hat er nämlich alle schon ausprobiert.

Nach 450 hinunter gerasten Höhenmetern kommen wir in Wiesneck-Buchenbach an, tief im Tal, unten am Fuße des Hochschwarzwalds. Als ich meinen Helm abnehme, merke ich, dass meine Haare pitschnass geschwitzt sind. Und das, obwohl es bisher doch nur bergab ging.

„Das Vergnügen ist hier ja auch Arbeit“, rufe ich Jan zu, als ich ihn das erste Mal wieder einhole.

„Kriegst einen Radler“, antwortet der. Praktischerweise fahren wir gerade am Gasthof Adler vorbei. Radler, Adler, das reimt sich wunderbar. Um die ganzen Fliegen und Mücken hinunter zu spülen, die mir während der Abfahrt in den Mund geflogen sind, hätte ich den Drink aber auch ohne Reim genommen.

Nach dem Radler im Adler dann: die Arbeit. Jan will als erstes testen, ob ich in der Lage bin, schmale Wurzelpfade auch schnell nach oben zu fahren. Bin ich nicht. Immer, wenn ich einer Wurzel oder einem Stein ausweichen will, steigt mein Lenker nach oben und mein Rad wirft mich ab wie ein störrisches Pferd. Jan fährt schon wieder davon, und während ich schiebe, schwöre ich Rache.

Die bekomme ich schneller als gedacht: Der Wurzelpfad mündet in eine Forststraße, die einer Rampe gleich in Richtung Bellecksattel führt. Ich trete langsam, aber gleichmäßig – und schalte einen Gang hoch, als ich Jan eingeholt habe. Jetzt trete ich zwar noch langsamer, trotzdem wird der Abstand zwischen uns mit jeder Pedalumdrehung größer. Das Training an der Alp d´Äule zahlt sich aus.

Herrlicher Aussichtspunkt bei St. Märgen im Schwarzwald
Auch auf dem Weg nach oben: Immer wieder Höfe, die so einsam und verwunschen auf ihren Waldlichtungen liegen, dass man es fast nicht glauben möchte.  -  © Moritz Baumstieger

Auch auf dem Weg nach oben: Immer wieder Höfe, die so einsam und verwunschen auf ihren Waldlichtungen liegen, dass man es fast nicht glauben möchte. Denn wo wir gerade mit dem Mountainbike aus reinem Vergnügen entlangfahren, mussten die Bauern früher  jedes Mal zu Fuß gehen, wenn zum Beispiel wieder mal die Schokostreusel für die Schwarzwälder Kirschtorte alle waren. Wahrscheinlich haben sie die dann lieber ohne gebacken. Die Oma jedenfalls, die in einem Bauerngarten Unkraut rupft, schaut eher so aus, als würde sie nur im Notfall ihren Hof verlassen – das letzte Mal vielleicht 1973, und auch da kam sie bestimmt nicht weiter als bis zum Zahnarzt nach Sankt Märgen, um sich den letzten Zahn ziehen zu lassen.

Bevor wir dorthin kommen, müssen wir noch einige Höhenmeter ziehen. Wir kommen am Hof des Postboten von Sankt Märgen vorbei, der jeden Tag die Ralley fahren darf, die wir gerade hinter uns bringen. Hoffentlich hat ihm die Post ein Auto zur Verfügung gestellt. Mit einem dieser gelben Drei-Gang-Räder, mit denen die Postboten sonst unterwegs sind, dürfte es schwer werden.

Die letzten Meter hoch ins Dorf zum Beispiel sind so schwer, dass sogar Jan absteigt. Wir schieben auf einem nur fußbreiten Pfad, an einem Bach entlang. Für kurze Zeit fließt neben dem Bach ein zweiter, hinter mir. Die letzten Reste vom Radler aus dem Adler, die ich nun hinaus schwitze. Dann sind die Klostertürme von Sankt Märgen in Sicht. Und damit eine kalte Dusche in Reichweite und ein weiterer kalter Radler für den Radler, dem sehr heiß ist. Vergnügen nach der Arbeit nach dem Vergnügen: ich komme.

Über den Autor

Moritz Baumstieger, 30, ist gerne draußen – der Hochschwarzwald ist jedoch Neuland für ihn. Bisher zog es ihn eher in die Berge in der Nähe seiner Heimatstadt München oder gleich weiter weg. Wenn er mal in seinem Büro sitzt, schreibt er für die Süddeutsche Zeitung, NEON und den stern. Folgen Sie Moritz auf Google+

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