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Winterliebe

Das gibt‘s im Sommer auch nicht...

Cego ist wie Mon Chérie

An langen Winterabenden im Schwarzwald treffen sich Anfänger wie Profis zum Cego-Kartenspiel.

von  Stella Schewe-Bohnert , 13. November 2014
  

„Jetzt kriege mir einer verbrezelt!“ tönt es von Tisch 4, während von Tisch 1 neben dem grünen Kachelofen ein Seufzer aufsteigt: „Mensch, hätt'sch doch sell Herz noch brocht!“.

Für alle Nicht-Schwarzwälder noch mal auf Hochdeutsch: „Jetzt bekommen wir eins aufs Dach“ und „Hättest Du doch das Herz noch gebracht!“.

Es ist Donnerstag Abend im Naturfreundehaus in Breitnau und es ist, wie so oft beim Kartenspiel und im Leben: Hinterher, also nach dem Spiel, weiß man es besser.

Bei den berüchtigten Cego-Abenden auf dem Fahrenberg im Hochschwarzwald geht es hoch her. Bis zu 40 Menschen treffen sich während der Wintermonate einmal pro Woche, um sich in dem traditionsreichen badischen Kartenspiel zu üben, das neuerdings immer mehr Anhänger findet. Hier treffen blutige Anfänger auf alte Hasen, alteingesessene Ur-Schwarzwälder auf „Reing'schmeckte“, also auf Menschen, die aus anderen Teilen Deutschlands stammen. An Tisch zwei etwa spielen Kati und ihre 86-jährige Mutter Karline, beide echte Cego-Profis, agil und auf Zack, gegen Claus aus dem Glottertal und Udo aus Köln, der von sich selbst sagt: „Wenn man so kartendoof ist wie ich, ist das hier wie auf der Titanic.“ Nur lustiger, meint Karline, denn hier gehe es darum, Spaß zu haben und den Neulingen bei dem nicht ganz einfachen Spiel auch mal zu helfen. „Sagt sie jetzt so“, wirft ihre Tochter ein, „aber wehe, sie verliert.“ Da höre der Spaß dann auf, erklärt sie mir mit einem Augenzwinkern. Und erzählt von ihrer Kindheit, als ihre Mutter einmal wöchentlich mit ihren Freundinnen Cego spielte. „Wehe, wir haben da gestört, das war gefährlich!“

Kein Wunder, denn das Spiel, das badische Soldaten während der napoleonischen Kriege aus Spanien mitbrachten, hat es in sich. Gespielt wird mit Tarock-Karten, zu denen auch Trümpfe wie Mond, Geiß oder der Gitarrenmann „Gstieß“ (der höchste Trumpf) gehören, außerdem die sogenannten „Leeren“ oder Luschen, das sind Karten ohne Bild. Benannt ist das Spiel nach dem spanischen Wort „cego“ für blind, denn in der Tischmitte liegen die 'Blinden', das sind zehn unbekannte Karten.

Das eigentliche Spiel ist einfach, der Ansagende legt eine Karte und die anderen Spieler müssen Farbe bekennen; wer die höchste Karte gelegt hat, bekommt den Stich. Allerdings gibt es Sonderspiele wie Bettel, Piccolo, Ultimo oder Räuber, die für Anfänger überaus verwirrend sein können. Das Bieten und Reizen ähnelt dem Skatspiel, doch wegen der Blinden in der Mitte spielt der Zufall beim Cego eine viel größere Rolle, der „Glücksfaktor“ ist höher. „Man hat's eben nicht in der Hand“, sagt Karline. Und Claus freut sich: „Das ist das Schöne, man kann auch mal gegen die Guten gewinnen!“

Cego Abend im Naturfreundehaus Breitnau im Hochschwarzwald
Wenn drei sich streiten freut sich der vierte.  -  © Stella Schewe-Bohnert

Wie viele, die zum Cego-Abend kommen, hat er das Spiel in einem Volkshochschulkurs in Breitnau gelernt. Als Lehrer gewann die VHS Martin Wangler und Nikolaus König, die beide in der Schwarzwald-Fernsehserie „Die Fallers“ mitspielten, und Feldberg-Ranger Achim Laber. Die Kurse wurden 2013 zum ersten Mal angeboten und waren sofort ausgebucht. Doch ein Kurs alleine, befanden die drei Lehrer, reicht nicht aus, Spielpraxis war von Nöten und deswegen, erzählt Martin Wangler, habe man eine „gute Location“ gesucht. Und gefunden: Die gemütliche Stube des Naturfreundehauses eignet sich prima für lange Spieleabende, gutes Essen wie zum Beispiel Maultaschen mit Kartoffelsalat gibt's auf Bestellung dazu. „Man muss sich Zeit nehmen und dran bleiben“, sagt Wangler, „dann geht es auch mit dem Cego-Spielen.“

Allerdings finden die Cego-Abende nur im Winterhalbjahr statt. „Cego ist wie Mon Chérie“, ergänzt sein Kollege Achim Laber, „das gibt’s im Sommer auch nicht.“ Und das hat Tradition: Schon früher wurde Cego hauptsächlich in langen Winternächten gespielt – allerdings ging es damals, im Gegensatz zu heute, nicht um Cent-Beträge, sondern bisweilen um die eigene Existenz. „Da wurden schon mal Höfe und Äcker verspielt“, erzählt Martin Wangler und Achim Laber berichtet von so manchem Hof, der nach einem Cego-Abend nur noch ein Drittel seiner Fläche hatte. „Noch heute gibt es Landwirte, die ihren Urgroßvätern böse sind, weil sie zu viel Cego gespielt haben.“

Noch etwas hat sich verändert. Rund die Hälfte der Spieler im Naturfreundehaus sind Frauen – was früher natürlich undenkbar war. Cego sei ein Männerspiel gewesen, erzählt Martin Wangler. „Im Winter haben die Frauen Socken gestrickt und Handarbeiten gemacht und die Kerle haben halt gespielt.“

Cego ist ein gewachsenes Spiel, das an vielen Orten unterschiedlich gespielt wird, die Regeln waren lange nicht festgeschrieben. Das änderte sich mit dem Boom der vergangenen Jahre. Es wurden Schwarzwaldmeisterschaften initiiert und Regeln festgelegt. Zur Verbreitung beigetragen hat auch die Internetseite „Cego-online“ der Hochschule Furtwangen University mit einem Cego-Lehrgang und der Möglichkeit online zu spielen.
Viel lustiger aber sind die Cego-Abende in Breitnau. „Hier habe ich viele nette Hochschwarzwälder getroffen“, erzählt Udo von Tisch zwei, „die hätte ich sonst nie kennengelernt.“

Und man lernt etwas fürs Leben, denn: Cego-Spielen sei wie das Leben an sich, erklärt mir Feldberg-Ranger Achim Laber. „Einmal gewinnsch und einmal verliersch. Einmal geht’s Wasser bergauf und dann wieder bergab.“

Gut zu wissen

Cego-Abende: Anfang November bis Ostern jeweils donnerstags ab 19 Uhr im Naturfreundehaus in Breitnau

Cego Online-Kurs

Über den Autor

Stella Schewe-Bohnert war viele Jahre lang als rasende Reporterin für den Südwestrundfunk in Freiburg unterwegs. Inzwischen hat sie einen Gang runtergeschaltet und erkundet per Mountainbike, mit Wander- oder auf Schneeschuhen den Hochschwarzwald – immer auf der Suche nach einer spannenden Geschichte. Die Journalistin ist beim Badischen Zeitschriften-Verlag tätig und lebt mit ihrer Familie in Freiburg.

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