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Mit Schneeschuhen und Stirnlampe im Winterwald am Feldberg

Ein Gefühl von Glück

Heinz Blodek, Wirt des Naturfreundehauses Feldberg, liebt den Winterwald. Besonders gerne ist er unterwegs, wenn alle anderen drinnen am warmen Ofen sitzen: Bei Schneesturm, Nebel oder tiefer Dunkelheit. 

von  Patrick Kunkel , 09. September 2016
  

Ein Knacken von Links. Dann ein Rascheln irgendwo im Unterholz. Weit weg oder doch ganz nah? Der Wind rauscht sachte in den Baumwipfeln. Als wir weiterstapfen, mitten hinein ins tiefste Dunkel, da hören wir wieder nur noch das monotone Schlurfen unserer Schneeschuhe im tiefen Pulverschnee. Nichts als Schwärze umgibt uns, die Stirnlampen haben wir ausgeschaltet, um diesen Moment ganz besonders intensiv erleben zu können.

Für Heinz Blodek ist die Wanderung durch den nächtlichen Winterwald am Feldberg ein Heimspiel. Unzählige Male schon hat sich der Hüttenwart des Naturfreundehauses Feldberg die Schneeschuhe unter die Füße geschnallt, um im tiefsten Winter durch den Bergwald zu streifen, erzählt er uns später, als wir bei einem heißen Tee am Kachelofen sitzen: „Es fällt mir schwer, meine Empfindungen für den Winterwald in Worte zu fassen. Es ist ein Gefühl von Glück, wenn ich alleine hier draußen unterwegs bin.“ Im Winter sei es stiller, der Schnee schlucke die Geräusche: „Ich brauche nur ein paar Meter zu gehen, dann ist alles andere unwichtig.“ Am schönsten sei es in der Dämmerung: „Die Verbindung aus Schnee, Wald, Lichter, Weihnachten. Und dann ein warmer Ofen. Das kann man hier oben fantastisch erleben.“

Schneeschuhwanderung am Feldsee, Brücke bei Tag
Wir wollen gemeinsam in die Dämmerung hineinlaufen, um die schöne Landschaft zu genießen.  -  © Patrick Kunkel

Seit 12 Jahren lebt Heinz im Naturfreundehaus, das ein Stück unterhalb des Feldberggipfels liegt. Anfangs nur als Vertretung für den damaligen Hüttenwirt, doch dann übernahm er selbst dessen Job. Viele Wanderer übernachten in dem 1923 errichteten Haus. Und viele Gruppen, die Heinz als Guide durch den Winterwald führt. „Für mich bedeutet es sehr viel alleine im Winter im Wald zu sein. Ich bin dann ganz schnell in der Natur und werde ein Teil davon. Zurzeit bin ich aber nicht so oft alleine unterwegs, wir haben sehr viele Schneeschuhgruppen. Es gibt zwar auch ruhige Gruppen, aber ich finde keine Muße, wenn ich für andere verantwortlich bin.“ Am liebsten seien ihm daher Tage mit richtig miesem Wetter, wenn Nebel die raue Gipfelwelt verhüllt, wenn es schneit oder in Strömen gießt: „Sobald es draußen grottenschlecht ist, kann ich alleine losziehen.“

Als uns Heinz uns am frühen Nachmittag in unserer tief eingeschneiten Waldhütte aufgabelte, rieselten zwar noch feine Schneeflocken vom Himmel, aber der Sturm vom Vortag hatte sich gelegt. Über Nacht war fast ein halber Meter Neuschnee gefallen: Jetzt zeigt das Thermometer ein paar Grad unter null an, Heinz rauscht mit dem Schneemobil heran und trotz des eisigen Fahrtwinds trägt er bloß eine Windweste, aus der die kürzen Ärmel seines roten T-Shirts und die nackten Unterarme ragen. Immerhin hat er lange Hosen an und Handschuhe.

„Ist Dir nicht kalt?“, fragt Sven. Heinz grinst bloß verschmitzt unter seinem mächtigen Vollbart: „Wisst ihr, vor ein paar Jahren hatten wir im Februar ein paar Tage lang minus 25 Grad. Das war für mich der schönste Winter hier oben am Feldberg. Weil ich dann in der warmen Jacke laufen konnte ohne zu schwitzen. Ein Fallensteller aus Alaska war damals zu Besuch. Wir beide haben uns wohl gefühlt, alle anderen haben gefroren.“

Heinz Blodek am Ufer Feldsee Schneeschuhwanderung
„Mit Schneeschuhen bist du der Natur im Winter besonders nah.“  -  © Patrick Kunkel

Die Tour, die uns Heinz heute zeigen will, sei eine seiner liebsten Schneeschuhrunden durch den Bergwald rund um den Feldsee. „Schmale Pfade, steil, und ganz einsam!“ Wir wollen gemeinsam in die Dämmerung hineinlaufen, um die schöne Landschaft zu genießen und dann im Dunkel mit der Stirnlampe zurück durch den stillen Winterwald: „Mit Schneeschuhen bist du der Natur im Winter besonders nah“, sagt Heinz.

Auch im Winterwald bei Nacht findet sich Heinz gut zurecht: „Es ist ja oft so, dass man bei widrigen Bedingungen nichts mehr sieht, dass die Orientierung schlecht ist. Jeder von den Hüttenwirten hier oben einschließlich mir hat sich schon verlaufen. Ich kenne keinen, der sich noch nicht verlaufen hat. Besonders auf der Hochfläche oben auf dem Feldberg. Da hast du bei Sturm, bei Schneefall oder Wolken und Nebel keine Sicht mehr, dann läuft eigentlich jeder im Kreis.“

Einmal sei er bei Schneetreiben vom Naturfreundehaus losgezogen Richtung Herzogenhorn: „Am Baldenweger Buck waren schon Lawinen runtergegangen, ich bin deshalb weit untenrum gelaufen durch den Tännlefriedhof und gesehen hat man gar nichts. Trotzdem habe ich einen anderen getroffen, man sieht ja immer die gleiche Handvoll Leute, die bei solchem Wetter gehen“, sagt er und grinst. „Er ist dann Richtung Feldberggipfel und ich weiter Richtung Herzogenhorn. Ich dachte, ich müsste längst am Grüblesattel unterhalb des Feldbergs angekommen sein. Dann riss der Nebel auf und ich stand direkt oberhalb des Naturfreundehauses. Ich bin einfach die ganze Zeit im Kreis gelaufen, ohne das zu merken.“

Schneeschuhe an Hüttenwand
Unzählige Male schon hat sich der Hüttenwart des Naturfreundehauses Feldberg die Schneeschuhe unter die Füße geschnallt.  -  © Patrick Kunkel

Als wir gemeinsam mit Heinz losstapfen, ist die Sicht perfekt. Die Bäume im Winterwald sind weiß bepudert. Inzwischen ist auch die Nachmittagssonne noch einmal herausgekommen. Warmes Licht fällt durch die Baumreihen und der Weg vor uns ist tief verschneit.

Gemächlich schlurfen wir durch die Stille. Von den Wegweisern, denen wir zuerst über einen verschneiten Wanderpfad gefolgt sind, ist längst nichts mehr zu sehen – doch Heinz kennt hier jeden Baum. Ein kleiner Bachlauf liegt vor uns und teilt das Schneefeld. Ganz allmählich wird der Wald wilder und das Unterholz dichter. Eine Zeit lang stapfen wir schweigend nebeneinander durch den verschwiegenen Wald. Es geht steil bergan. Als sich die Baumreihen lichten, stehen wir an einer schroff abfallenden Bergflanke weit oberhalb des Feldsees. „Wunderschön, oder?“, sagt Heinz.

Feldsee bei Nacht, Ufer, Schneeschuh
Der See ist komplett zugefroren, nur an einer Uferseite schimmert das Wasser türkisblau durch die hauchdünne Eisschicht.  -  © Patrick Kunkel

Der Abstieg zum Feldsee, der rund 200 Meter tiefer liegt, ist eine wahre Freude: in dem weichen Neuschnee gleiten wir auf den Schneeschuhen nur so dahin – und lassen auch das letzte Tageslicht hinter uns. Der See ist komplett zugefroren, nur an einer Uferseite schimmert das Wasser türkisblau durch die hauchdünne Eisschicht. Längst ist die Dämmerung hereingebrochen, Wolken ziehen über den steilen Karwänden des Feldsees auf: „Zeit für den Rückweg“, verkündet Heinz. Wir stapfen mit angeschalteten Stirnlampen auf dem schmalen Pfad, den andere Schneeschuhgänger vor uns ausgetreten haben, doch schon bald bewegen wir uns wieder über unberührtes Terrain. Die Bäume um uns sind längst zu schwarzen, geheimnisvollen Schattenrissen geworden. Der Lampenschein erhellt nur einen kleinen Kreis vor uns, Drumherum Schwärze und tiefer, dunkler Wald. Dann bleiben wir stehen und schalten die Lampen aus.

Der Wind rauscht in den Baumwipfeln. Leise rieselt der Schnee. Was sagte Heinz vorhin über die Einsamkeit im Winterwald? „Es ist ein Gefühl von Glück.“

Über den Autor

Patrick Kunkel ist Reisejournalist aus Freiburg im Breisgau. Am liebsten erkundet er die Welt mit dem Fahrrad oder mit Wanderschuhen an den Füßen. Er lebt und arbeitet derzeit in Bilbao, Nordspanien und reist von dort regelmäßig in seine Lieblingsregion – den Schwarzwald. Folgen Sie Patrick auf Google+

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