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Simon Stiegeler musste seine Heimat verlassen, um die Schwarzwälder Traditionen schätzen zu lernen.

Aus ganz eignem Holz geschnitzt

Zu Dutzenden schauen sie von oben herab. Verschmitzt und übermütig, spöttisch und einfältig, verwegen und bedrohlich. Unter den Blicken vom „Dängeligeist“, „Gaudi-Hans“, „Galgenvogel“ und wie sie alle heißen, verrichtet der Holzbildhauer Simon Stiegeler seine Arbeit.

von  Barbara Bollwahn , 22. November 2013
  

Als er klein war, hockte er oft bei seinem Vater Adalbert am Küchentisch oder in der Werkstatt, die dieser 1965 in Grafenhausen eröffnet hatte, und in der er vor allem traditionelle Fasnetfiguren und Weihnachtskrippen anfertigte. Mit Begeisterung hat der Sohn gezeichnet, vor allem Comics, „ebbe Menschen“. Mit zwölf Jahren fertigte er den ersten Entwurf für eine Fasnetmaske an. Es war der Beginn der Suche nach einem eigenen Stil.

Simon Stiegeler war 19, als sein Vater mit 52 Jahren starb. Er hatte mit dessen typischen Masken, die zur schwäbisch-alemannischen Fasnet gehören wie das Kirschwasser in die Schwarzwälder Kirschtorte, nicht viel am Hut. Schnitzer waren für ihn alte Männer mit Vollbart. Er war ein junger Mann mit erstem Flaum im Gesicht, der sein eigenes Ding machen wollte.

Jetzt führt der 37 Jährige, der mittlerweile einen Kinn- und Schnurrbart trägt, die Werkstatt schon seit über 15 Jahren. 30 Jahre nachdem sein Vater sie eröffnet hatte, übernahm er sie. Die Holzwerkstatt ist ein Familienunternehmen. Seine Mutter kümmert sich um Buchhaltung und Verkauf, das Bemalen der Masken übernimmt seine Frau, eine gelernte Floristin.

Simon Stiegeler musste seine Heimat verlassen, um die Schwarzwälder Traditionen schätzen zu lernen. Nachdem ihn seine Mutter überredet hatte, bei der Aufnahmeprüfung an der Fachschule für Bildhauerei in Österreich anzutreten, traf er „auf lauter gleichgesinnte Kreative“ und war begeistert. Er bestand die Prüfung, beendete die Ausbildung mit Auszeichnung und besuchte anschließend die Hochschule für bildende Kunst in Freiburg. In dieser Zeit war er drei Tage an der Schule und drei Tage in der Werkstatt in Grafenhausen.

Nachdem er die Werkstatt übernommen hatte, machte er sich viele Gedanken, wie es weiter gehen sollte. „Man kennt diese Familienbetriebe, wo es dann heißt: Der Alte war besser oder das hätte der Alte nie gemacht.“ Bei den Masken konnte er auf den guten Namen seines Vaters bauen. Aber er entwickelte sie weiter, zu seinem eigenen, unverkennbaren Stil. Und: Er macht seine eigenen freien Sachen, von denen er anfangs nicht wusste, wie sie ankommen würden. Stiegeler gestaltet nach eigenen Entwürfen sowohl moderne skulpturale Räume als auch Kinderspielplätze. Er schnitzt Krippenfiguren, übernimmt Auftragsarbeiten für Grabgestaltungen, Wappen und Kreuze, und fertigt für mehr als 120 Narrengruppen aus dem süddeutschen Raum Masken an.

Arbeit

„Ich wollte immer Kunscht machen und nicht der typische Holzschnitzer sein“, erzählt er, während er an einem modernen Familienrelief für ein Wandbild arbeitet. Auch wenn er viel gesehen hat von der Welt, spricht Stiegeler ganz unaufgeregt von „Kunscht“. Längst hat er seinen Platz gefunden zwischen Tradition und Moderne. Dazu gehören die schlicht schönen blauen Sternensucher im Skulpturenpark in Grafenhausen, die im Rahmen eines Symposiums entstanden sind, ebenso wie die Engel in seinem Geschäft, die er „Flügelwesen“ nennt. Sie sind grob geschnitzt und doch fragil. Ihre Köpfe haben keine Gesichter und doch einen Ausdruck. Ihre Flügel sind verrostet und doch zart.

Während es bei den Fasnetmasken darauf ankommt, sehr detailliert zu arbeiten, liebt es Stiegeler bei den freien Arbeiten, „die Rauheit auszuleben“. Die im Schwarzwald typische Fichte und Tanne eignen sich dafür nicht. Stiegeler arbeitet mit heimischem Lindenholz, das mindestens fünf Jahre trocknen muss. Und er benutzt gerne Hölzer mit Verwundungen. „Es ist reizvoll, wenn sie nicht perfekt sind.“

Die Suche des jungen Simon Stiegeler ist einer Zuversicht gewichen und der Überzeugung, den Spagat zwischen alt und neu, früher und heute zu schaffen. Einzel- und Gruppenausstellungen, Preise, Masken in öffentlichen und privaten Sammlungen im In- und Ausland, Symposien, Workshops, Simon Stiegeler bewegt sich zwischen seiner Heimat und der weiten Welt. So übernahm er für die SWR-Fernsehsendung „Die Fallers“ – die „Lindenstraße“ des Schwarzwaldes - die künstlerische Beratung für Masken. Auf der Expo, der Weltausstellung in Shanghai 2010, präsentierte er deutsche Kunst, indem er Fasnetmasken aufhängte, hinter die Millionen Besucher ihre Köpfe steckten. „Da war die Hölle los“, erzählt er noch drei Jahre später begeistert. „Fünf Millionen Menschen!“ Simon Stiegeler aus dem Schwarzwald wurde in China zum Kulturträger.

Der Schwarzwälder Holzschnitzer Simon Stiegler fertigt im Familienbetrieb hauptsächlich Fasnetsmasken und Krippenfiguren.
Simon Stiegler präsentierte auf der Expo, der Weltausstellung in Shanghai, deutsche Kunst, indem er Fasnetmasken aufhängte.  -  © Barbara Bollwahn

Seine Arbeit und auch die Bestätigung dafür haben ihn selbstbewusst werden lassen. „Was ich mache, ist total authentisch“, sagt Simon Stiegeler. Zu den alten, überlieferten Masken sind mittlerweile fünfzig eigene Entwürfe hinzugekommen, von furchterregenden Dämonen, Teufeln, Hexen und Porträts. Seine Kunden kommen aus Bayern oder den USA, weltweit gibt es Sammler.

Als Simon Stiegeler vor knapp zwanzig Jahren mit sich und seiner Berufswahl haderte, gab es noch in jedem Dorf einen Schnitzer. „Unser Betrieb“, sagt er heute, „ist einer der wenigen, die davon leben können“. In seiner Stimme mischen sich Befriedigung und Bescheidenheit. „Ich stecke immense Energie rein. Aber jeden Tag freue ich mich. Das ist keine Arbeit. Das ist Berufung.“ Und dann, als hätte man es nicht schon längst verstanden, fügt er noch hinzu: „So ein erfüllender Beruf.“

Gut zu wissen

Holzbildhauerei Stiegeler, Kirchsteig 5, 79865 Grafenhausen , Tel.: 07748/283

www.holzbildhauerei-stiegeler.de

Über den Autor

Barbara Bollwahn, Journalistin und Autorin aus Berlin. 2009 kam sie das erste Mal in den Schwarzwald, als Dorfschreiberin nach Eisenbach. Auch wenn die Schwarzwälder ihr Herz nicht unbedingt auf der Zunge tragen und sie für Schwarzwälder Verhältnisse sehr direkt ist, ist sie mit ihnen warm geworden. Seitdem kommt sie immer wieder. Ihr alemannisches Lieblingswort ist wunderfitzig, neugierig. Folgen Sie Barbara auf Google+

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Das Rothauser Land mit den Gemeinden Grafenhausen und Ühlingen-Birkendorf liegt am südlichen Rand des Hochschwarzwaldes auf 450 bis 1100 Höhenmetern in nahezu direkter Nachbarschaft mit der Schweiz. Bei gutem Wetter lässt sich sogar das wunderbare Alpenpanorama genießen.

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Die Skulpturen im Skulpturengarten sind wie fast alle Skulpturen in der Stadt während der zahlreichen Internationalen Holzbildhauersymposien in St. Blasien entstanden.

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