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Hochrunterhochrunter: Warum die Tachonadel beim Rennrad fahren im Hochschwarzwald nur zwei Positionen kennt

Alpe d'Äule mit Aha-Effekt

Einmal durch den Hochschwarzwald, von Süd nach Nord: Moritz hat sich auf einen Roadtrip begeben. Auf allen Sorten Rädern, im Kanu, zu Fuß. Heute: Schweißtreibender Abendsport – in teils unheimlichen Ecken.

von  Moritz Baumstieger , 30. Juli 2013
  

Wenn man seine ausgeglichen-freundlichen Bewohner, seine gemütlichen Bauernhäuser und seine malerischen Landschaften sieht, würde man ja nicht unbedingt sagen: Der Hochschwarzwald ist eine Region der Extreme. Das wirkt alles so harmonisch, das passt so gut zusammen.

Und trotzdem: Nach 60 Kilometern, unzählbaren Höhenmetern und drei Stunden im Sattel meines Rennrads muss ich sagen: Ist so. Der Hochschwarzwald ist immer extrem, schizophren fast.

Und das kann ich belegen, mit unfehlbarer Technik beweisen: Mein Tacho und diese App auf dem Smartphone, die meine Runde aufgezeichnet hat, sie beide zeigen Außergewöhnliches an. Entweder zitterte die Nadel bei 50 km/h, wenn es wieder einmal halsbrecherisch in irgendein Schwarzwald-Tal hinunterging. Oder sie pendelte um die Zehner-Marke, wenn die Straße aus dem Tal wieder hinaus führte, schwarzwaldsteil natürlich. Nur die Zahl auf meinem Pulsmesser, die war konstant, unbeweglich wie eine alte Weißtanne. Immer schön bei 160, manchmal vielleicht bei 180. Bei den Abfahrten wegen der Aufregung, bei den Bergsprints wegen der Anstrengung.

Rennrad-Tour im Schwarzwald
Eigentlich hatte ich an eine Art Panorama-Fahrt gedacht, Schwarzwald-Höfe-Gucken vom Sattel aus. Doch dann kam der Aha-Effekt, und dass schon nach wenigen Kilometern.  -  © Moritz Baumstieger

Das war eigentlich nicht so geplant. Nach einem gemütlichen Vormittag am See, den ich stehend auf einem Surfboard und bei eher überschaubarer Geschwindigkeit verbracht hatte (knapper Sieg im Rennen gegen eine Entenfamilie), wollte ich zwar noch ein wenig Kontrastprogramm. Aber eigentlich hatte ich an eine Art Panorama-Fahrt gedacht, Schwarzwald-Höfe-Gucken vom Sattel aus, vielleicht ist ja ein geeigneter Alterssitz dabei.

Doch dann kam der Aha-Effekt, und dass schon nach wenigen Kilometern. Aha-Effekt deshalb, weil es hurtig nach oben ging, kaum, dass ich den Weiler mit dem lustigen Namen Aha am Schluchsee passiert hatte. Erst eine lange Gerade, dann eine langgeschwungene Linkskurve, die Straße frei und immer gleichmäßig ansteigend – bald tropfte der Schweiß in kurzen Abständen von meinem Gesicht in Richtung Lenker. Erst langsam, dann schneller. Spätestens ab der Rechtskurve, die dann folgte, wurde jeder einzelne Höhenmeter mit ein paar Spritzern Salzwasser markiert.

Auf der Passhöhe Äule wusste ich, dass es keine gute Idee gewesen war, jetzt im Hochsommer mit schwarzem Trikot und schwarzer Hose den Hochschwarzwald befahren zu wollen.

Nach der Abfahrt Richtung Menzenschwand wusste ich, dass der Maler des berühmten Porträts der Kaiserin Sisi aus dem Hochschwarzwald kam. An meinem ewigen Geschwindigkeits-Rekord kratzend, hatte ich auf einer eigentlich nicht zu übersehenden Infotafel aus den Augenwinkeln nur die Worte „Sisi“ und „Heimatdorf“ wahrgenommen. Weil ich die kindliche Kaiserin bisher gedanklich aber immer eher am Starnberger See denn am Schluchsee verortet hatte, legte ich eine Vollbremsung hin und drehte um. Und siehe da, es war der Maler, Franz Xaver mit Vornamen, Winterhalter mit Nachnamen, der hier aus der Gegend stammte, nicht die Kaiserin. Logisch, dass der gut war – er hatte daheim ja viele schöne Landschaften zum Üben.

Die nächsten neun Kilometer: Nicht mehr so steil, aber immer noch schön abschüssig. Auf dem Weg nach Sankt Blasien flitzen Blumenwiesen an mir vorbei, in Sankt Blasien selbst der runde Dom. Und schon geht es wieder bergauf Richtung Dachsberg, in den wilden Süden des Hochschwarzwalds. Und wieder bergab. Und wieder bergauf. Der Schweiß tropftropftopft, der Tacho springt zwar nicht von Null auf Hundert auf Null, aber pendelt doch zwischen sehr schnell und sehr langsam. Und ich verstehe nun, warum der Ullrich Jan sich damals in der Nähe von Freiburg angesiedelt hat: Einerseits sicher wegen der guten Ärzte am Uni-Klinikum, die sind ja für Profi-Fahrer nicht ganz unwichtig. Andererseits aber sicher wegen dem idealen Trainingsgelände namens Hochschwarzwald: Alle fünf Kilometer lässt sich hier der Schlussspurt auf die Alp d´Huez simulieren – ohne vorher den langen Anstieg vor dem Schlussspurt hinaufstrampeln zu müssen.

Im Gegensatz zum Ullrich Jan damals bin ich heute nur mit einer Debreziner nebst Brötchen aus dem Strandbad Windgfällweiher gedopt, das muss reichen. Nicht selten fahre ich zwar an sehr verlockenden Gasthöfen vorbei, die in Weizen-Gläsern leckere isotonische Getränke mit und ohne Alkohol ausschenken, doch ich schaffe es nicht zu halten. Entweder bin ich zu schnell (bergab), so dass ich schon längst einen Kilometer weiter bin, bis meine Augen die Information an mein Gehirn weitergeleitet haben. Oder ich bin so verschwitzt und außer Atem (bergauf), dass ich Angst hätte, die Bedienung würde mir eher eine Epo-Spritze bringen, als ein Weizenbier.

Rennrad-Tour im Schwarzwald
Sehr witzig, liebes Albtal. Aber auch sehr passend, das muss ich zugeben.  -  © Moritz Baumstieger

Und schließlich wird mir die Gegend zu unheimlich, um abzusteigen. Die Landschaft ist zwar äußerst reizend, aber die Ortsnamen verschrecken mich: Erst kommt Wolpadingen – auch, wenn sich hier ein kleiner Schreibfehler eingeschlichen hat, kann das nur die Heimat dieser schrecklichen, widerlichen Fabeltiere sein, von denen man sich in meiner bayerischen Heimat zur Geisterstunde erzählt. Da trete ich lieber schnell in die Pedale, gleich darauf wird es aber noch schlimmer: Als ich von Wilfingen hinunter Richtung Albtal sause, wollen mich immer und immer wieder Wegweiser in Richtung „Teufelsküche“ locken. Brrrr. Einen Teufel werde ich tun, bremse aber lieber ein bisschen runter. Denn die Abfahrt ist steil, sehr steil – nicht, dass ich noch auf andere Weise in Teufelsküche lande.

Das Albtal dann, das zurück nach Sankt Blasien führt (von wo es nur noch eine Rampe zum Nachtlager am Schluchsee ist): Lang, schön, sanft ansteigend – und mit einem trockenen Humor ausgestattet. Als ich leicht nass geschwitzt bin, schickt mir ein Traktor mit Heu auf dem Anhänger eine Wolke trockenes Gras entgegen. Das bleibt schön am nassen Trikot und am nassen Gesicht kleben, ist außerdem sicher sehr gesund. Und als ich meine Heupackung wieder komplett weggeschwitzt habe, steht da am Wegesrand ein lustiges Ortsschild. „Schmelze“ steht da drauf. Sehr witzig, liebes Albtal. Aber auch sehr passend, das muss ich zugeben.

Über den Autor

Moritz Baumstieger, 30, ist gerne draußen – der Hochschwarzwald ist jedoch Neuland für ihn. Bisher zog es ihn eher in die Berge in der Nähe seiner Heimatstadt München oder gleich weiter weg. Wenn er mal in seinem Büro sitzt, schreibt er für die Süddeutsche Zeitung, NEON und den stern. Folgen Sie Moritz auf Google+

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