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Je wertvoller die Materialien eines Schäppels, desto besser die Partie.

Tradition auf dem Kopf

Anita Wehrle kann etwas, was nicht mehr viele Menschen können. Die 71-jährige aus dem traditionellen Schwarzwaldort St. Peter, der Filmkulisse war für den ersten deutschen Farbfilm, den legendären Heimatfilm „Schwarzwaldmädel“, kann Schäppel herstellen. Die traditionelle und aufwändige Kopfbedeckung leitet sich von dem französischen Wort chapeau ab.

von  Barbara Bollwahn , 22. Juli 2014
  

Die Schäppelmacherin Anita Wehrle lebt in der bedeutendsten Trachtengemeinde des Hochschwarzwaldes und ist auf Tradition bedacht. Deshalb erklärt sie die Herstellung eines Schäppels bei sich zu Hause auch nicht in der Kittelschürze, sondern hat ihre Tracht angelegt. Auf dem Kopf trägt sie jedoch keinen Schäppel. Der wurde nur von ledigen, unberührten Mädchen im hochzeitsfähigen Alter getragen, zum ersten Mal zur Erstkommunion, danach an hohen Feiertagen wie Fronleichnam, und zum letzten Mal zur Hochzeit, vorausgesetzt die Eltern hatten das Geld dazu. Dann kamen die jungen Frauen unter die Haube und trugen fortan Tracht mit einer Haube. Anita Wehrle trägt einen weißen Schnapphut aus Strohgeflecht zur Tracht.

Der kronenartige Kopfschmuck des Schäppels symbolisierte früher die Reinheit, die Unberührbarkeit, aber auch den Reichtum der Braut. Für Männer auf Brautschau hieß das: Je wertvoller die Materialien eines Schäppels, desto besser die Partie. An der Vielfalt der Materialien hat sich bis heute kaum etwas geändert. Auf dem Wohnzimmertisch hat Anita Wehrle ausgebreitet, was sie braucht: Drähte, Perlen, Glassteine, Pailletten, „Livraien", aufwendig verzierte Seidenbänder, die in die Zöpfe eingebunden werden und fast bis zum Rocksaum reichen, „Böschle“, kleine bunte Verzierungen, Zangen und Pinzetten.

38.000 bis 40.000 Teilchen werden in einem Schäppel verarbeitet. „Erscht emol die Drähtle“, erklärt sie den Anfang und biegt Silberdrähte zurecht, die zu Ösen gebogen werden, durch die wiederum Draht gezogen wird, so dass „Bäumlein“ mit vier Ästen entsteht, an denen blaue, rote, grüne, silberne und goldene Perlen baumeln. Diese bindet sie zu „Sträußchen“, die sie an einem Ring befestigt, der gepolstert ist, damit er gut auf dem Kopf liegt. Das wie eine Krone geformte Gestell wird mit roten Bändern umwickelt, anschließend werden bunte Perlensträußchen mit weißen Bändern eingeflochten.

Vor etwa 40 Jahren hat Anita dieses alte Handwerk gelernt. „Man muss e bissle übrig haben für die Tracht“, sagt sie und spricht von „Fisselarbeit“. Neben viel Geduld und Handfertigkeit erfordert die Herstellung eines Schäppels jede Menge Idealismus. Die Materialien sind nicht billig und der zeitliche Aufwand ist mit 60 Stunden hoch. Warum sie es dennoch macht, erklärt sie so: „Ich mache es aus Spaß an der Freude und damit die Tracht erhalten bleibt.“ Sieht man ihr zu, wie sie die Drähte biegt, die Perlen auffädelt, mit der Pinzette so lange zupft, bis alles sitzt, bekommt man schnell eine Vorstellung von der aufwändigen Arbeit.

Die letzte Schäppelbestellung hatte Anita Wehrle vor vier, fünf Jahren, für ein Kommunionsskind. Heute, das bedauert sie sehr, werden die Schäppel meist ausgeliehen, so wie auch die Trachten. Anita Wehrle findet es generell gut, dass es einen Fundus zum Ausleihen gibt. Aber mit Sorge sieht sie auch die Nachteile: „Nix neues wird mehr hergestellt und es gibt keine Beziehung mehr zur Tracht. Das ist, wie man so schön sagt, die neue Zeit.“

Vor einigen Jahren beeindruckten zwei Schäppel aus St. Peter sogar den mächtigsten Mann der Welt. 2009 gab es im Rathaus von Baden-Baden einen Staatsempfang für den amerikanischen Präsidenten Barak Obama, bei dem zwei Trachtenmaidli aus St. Peter dabei waren. Er schüttelte ihnen die Hand, „Nice to see you“. Und seine Frau Michelle interessierte sich besonders für die Schäppel. Dreimal darf man raten, wer diese zwei Schäppel hergestellt hat.

Einige Male im Jahr zeigt Anita Wehrle die Herstellung eines Schäppels auf Festen oder Bauernmärkten. „Schaulaufen“ nennt sie das. Aber damit die Menschen eine Vorstellung bekommen, wie die traditionelle Kopfbedeckung entsteht, nimmt sie immer wieder „auf dem Präsentierteller“ Platz, wenn sie gefragt wird. Ihre zwei Töchter, die ihr früher bei der „Fisselarbeit“ zugeschaut haben, beherrschen das Handwerk auch. Aber weil eben die Nachfrage zu gering ist, widmet sich eine Tochter der Herstellung von Schnapphüten.

Über den Autor

Barbara Bollwahn, Journalistin und Autorin aus Berlin. 2009 kam sie das erste Mal in den Schwarzwald, als Dorfschreiberin nach Eisenbach. Auch wenn die Schwarzwälder ihr Herz nicht unbedingt auf der Zunge tragen und sie für Schwarzwälder Verhältnisse sehr direkt ist, ist sie mit ihnen warm geworden. Seitdem kommt sie immer wieder. Ihr alemannisches Lieblingswort ist wunderfitzig, neugierig. Folgen Sie Barbara auf Google+

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St. Peter

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St. Peter, das barocke Kleinod an der Schwarzwald-Panoramastraße, liegt auf einem Hochplateau am Südhang des Kandels. Ende des 11. Jahrhunderts stifteten hier die Herzöge von Zähringen unweit ihrer Stammburg bei Freiburg eine Benediktinerabtei.

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