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"Das Schneidemesser muss laufen, es muss marschieren“

Es war einmal ein Schindelmacher

Der Ort, an dem Ernst Kreuz wohnt, ist fast zu schön, um wahr zu sein. Der Redeckhof liegt mitten im schwarzen Wald, viele Kilometer von der nächsten Straße entfernt, auf 1.150 Meter Höhe am Nordwesthang einer Lichtung.

von  Barbara Bollwahn , 17. Juli 2013
  

Der Blick von dort oben geht auf ein weites trichterförmiges Tal, Dobel genannt, über das Wildgutachtal zu den Höhen von St. Märgen und zum Kandel. Seine nächsten Nachbarn sind hoch gewachsene Fichten und Tannen und ein aus Holz geschnitzter Uhu, der am Wegesrand wacht.

Schindelmacher Blick
Der Ort, an dem Ernst Kreuz wohnt, ist fast zu schön, um wahr zu sein.  -  © Barbara Bollwahn

Dieser idyllische Ort scheint ähnlich aus der Zeit gefallen wie das Handwerk, das der 77jährige mit den weißen Haaren und dem weißen Vollbart als einer der Wenigen noch beherrscht. Ernst Kreuz ist Schindelmacher und lebt dort, wo er dem Holz für die Schindeln, die große Schneelasten tragen können, die langlebig sind und den Häusern im Schwarzwald ihr typisches Aussehen verleihen, am nächsten ist.

Die Schindeln stellt Ernst Kreuz noch so her wie vor 100 Jahren. Wie, das will er in seiner Werkstatt zeigen. Aber vorher zeigt seine Frau Maria eine andere Besonderheit des Hofes, der vor mehreren hundert Jahren als Pfahlbau errichtet und mehrmals umgebaut und renoviert wurde, und auf dem sie vor 74 Jahren zur Welt kam und aufwuchs. Im Flur in der ersten Etage hängt ein sehr altes Foto einer Uhr, auf dem in altdeutscher Schrift geschrieben steht, dass die Gebrüder Kreutz – die Schreibweise des Namens änderte sich im Laufe der Zeit – in diesem Haus die allererste Schwarzwälder Uhr gefertigt haben, im Jahr 1640, eine Waaguhr mit einem einzigen Zeiger, der nur die Stunden anzeigte. „Die Waldauer streiten das aber ab“, merkt Maria Kreuz lachend an. „Uns ist das egal“, pflichtet ihr Mann, der in Waldau geboren ist, gelassen bei und geht über die Wiese rüber zu seiner Werkstatt.

Durch das kleine Fenster in dem Holzschuppen, unter dem einige Obstbrände stehen, gibt es einen spektakulären Blick hinunter ins Tal. Ernst Kreuz aber verliert keine Zeit, greift nach einem Stück Holz und einem Hammer, der ebenfalls aus Holz ist. Mit gezielten Schlägen spaltet er auf einem Klotz die ersten wenige Millimeter dünnen Schindeln. Durch das Spalten wird der natürliche Faserverlauf des Holzes nicht zerstört. Das macht, so erklärt der erfahrene Handwerker, die gespaltenen Schindeln haltbarer als gesägte.

Mit wenigen Handgriffen rundet er die Ecken ab und dann geht’s im Sitzen weiter. Ernst Kreuz nimmt Platz auf dem hölzernen Schneideesel, dem Bschniedesel, wie man früher gesagt hat, den schon sein Großvater benutzt hat. Über ein Pedal, das mit dem Fuß betätigt wird, klemmt er die erste Schindel fest, und bearbeitet diese so flink mit einem Messer mit zwei Griffen, dass die Späne nur so fliegen. „Das Schneidemesser muss laufen, es muss marschieren“, sagt er. So lange, bis die Schindel weich und zart ist wie ein Babypopo. „Sonst blamierst dich“, sagt er lachend und klemmt die nächste Schindel fest. In einer Stunde schafft er locker 80 Stück. Für einen Quadratmeter braucht es vierzig Schindeln mehr. Ganz wichtig ist, betont Kreuz, dass die Schindeln auf Holzlatten angebracht werden, im Abstand von 12 Zentimetern, und dass sie so genagelt werden, dass die Nägel nicht zu sehen sind. „Sonst ist es gemurkst.“ Und: „Die Haltbarkeit ist wahnsinnig lang. 30, manchmal sogar 50 Jahre.“

Ernst Kreuz ist gelernter Dachdecker, mit 14 Jahren ging er 1950 in die Lehre, das Schindelmachen war früher Teil des Berufes. Bis Mitte der 60er Jahre hat er jedes Jahr im Winter kurz vor Weihnachten Holz geschlagen. „Das A und O vom Schindelmachen ist das Holz“, erzählt er und lobt die Vorzüge der Fichte.

Von zehn Bäumen seien in der Regel nur einer oder zwei geeignet. Das Holz darf sich nicht drehen, der Durchmesser darf nicht zu groß sein, sonst gibt es zu viel Abfall. Nach dem Schlagen muss das Holz mehrere Monate ruhen und wird an eine Hauswand unter dem Dach gelehnt. Nachdem Mitte der 60er Jahre Schiefer und Ziegel zunehmend die Schindeln ersetzten, erlebten sie in den 80er Jahren eine Renaissance. Doch heutzutage werden sie meist industriell und oftmals im Ausland gefertigt. „Viele werden in Polen hergestellt“, weiß Ernst Kreuz. „Aber die Polen haben sich das vom Schwarzwald abgeguckt!“, sagt er nicht ohne Stolz.

Wer Ernst Kreuz auf seinem Schneideesel in Aktion erleben will, kann ihn mehrmals im Jahr bei Vorführungen auf Festen im Hochschwarzwald antreffen. Ab und an fertigt er auch noch das eine oder andere Schindeldach an. Diese Dächer sind sehr klein – sie bieten den Jesusfiguren an Wegekreuzen Schutz vor Regen und Schnee. Fährt der Schindelmacher an ihnen vorbei, dann freut er sich.

Über den Autor

Barbara Bollwahn, Journalistin und Autorin aus Berlin. 2009 kam sie das erste Mal in den Schwarzwald, als Dorfschreiberin nach Eisenbach. Auch wenn die Schwarzwälder ihr Herz nicht unbedingt auf der Zunge tragen und sie für Schwarzwälder Verhältnisse sehr direkt ist, ist sie mit ihnen warm geworden. Seitdem kommt sie immer wieder. Ihr alemannisches Lieblingswort ist wunderfitzig, neugierig. Folgen Sie Barbara auf Google+

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