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Zack? Peng? Wo war nochmal das Gewehr?

Biathlon für Anfänger

Erwin hat Ladehemmungen. Das kommt mal vor und im Biathlonwettkampf wäre das ziemlich ärgerlich. Kostet ja wertvolle Zeit, Nerven sowieso und am Ende kann man die Olympiamedaille abschreiben. Bloß sind wir nicht bei Olympia oder im Worldcup. Aber immerhin am Nordic-Center Notschrei, wo sonst Deutschlands Elite-Biathletinnen und -Biathleten ihre Trainingsrunden drehen. Jedenfalls dann, wenn wir nicht da sind.

von  Patrick Kunkel , 18. Februar 2014
  

Erwin hat also Ladehemmungen. Liegt mit Langlaufski an den Füßen auf einer roten Gummimatte im Schnee, 50 Meter weiter vor sich fünf klitzekleine Schießscheiben. Und dann streikt das Gewehr.

Aber zum Glück gibt es da noch den Michael. Der ist waschechter Hochschwarzwälder Biathlet und heute unser Trainer. Im – ich sag es lieber gleich – Anfängerkurs für Biathleten. Michael ist ziemlich jung, keine 20, bestreitet aber Wettkämpfe im Landeskader von Baden-Württemberg. Er weiß also genau, worum es geht und heute will er uns dieses Wissen vermitteln.

Wir, das sind vier Biathlonanfänger, die alle gerne die mitreißenden Wettkämpfe daheim vor der Mattscheibe verfolgen und jetzt einmal wissen wollen, wie das wirklich ist. Wenn man aus vollem Lauf am Schießstand stoppt. Wenn der Puls rast und der schnelle Atem die Brust hebt und senkt. Und man dann im Liegen oder, noch schlimmer, im Stehen mit ruhiger Hand eine kleine Scheibe in 50 Meter Entfernung treffen soll, die gerade einmal viereinhalb Zentimeter Durchmesser hat. „Langlauf ist ein Ausdauersport, beim Schießen geht es um Präzision“, sagt Michael, „das macht es für mich so reizvoll.“

Schießen kann keiner von uns vier. Langlaufen immerhin ein Drittel. Aber das solle kein Problem sein, meint Michael zu Beginn des drei Stunden-Kurses. Erwin stand bislang nur auf Alpinski, erweist sich aber als Naturtalent im Skating. Und sein Problem mit dem Gewehr ist jetzt auch behoben. Ist ja auch kein echter Schießprügel, sondern eine Laserwaffe. Sie wiegt vier Kilo, sieht aus wie echt und macht auch solche Geräusche: Zieht man den Abzug durch, erklingt ein tolles Schussgeräusch aus einem Lautsprecher hinten am Ende des Schießstandes: „Peng“. Das ist eine feine Sache, zumal wenn man abdrückt und die Scheibe, auf die man gezielt hat, einfach weiß bleibt. Was bedeutet: Nicht getroffen. Aber wenigstens macht es „Peng“.

Bei meinem ersten Versuch schaffe ich drei weiße „Peng“ und zwei schwarze. Nicht schlecht. Zwei Treffer! Henning, ein Freund aus Freiburg, der mit mir heute an den Notschreipass zum Biathlonkurs gekommen ist, stellt sich da schon besser an: Fünf Mal „Peng“, davon vier Mal schwarz. „Das ist nicht so einfach, wie es vom Sofa aus aussieht“, ruft Erwin rüber.

Patrick Kunkel
Wir, das sind vier Biathlonanfänger, die alle gerne die mitreißenden Wettkämpfe daheim vor der Mattscheibe verfolgen und jetzt einmal wissen wollen, wie das wirklich ist.  -  ©  Biathlon Kurs für Anfänger am Notschrei im Schwarzwald.

Michael rät: „Beim Liegen müssen die rechte Schulter und das Bein schön eine Linie bilden, so dass man hinter dem Gewehr liegt. Das andere Bein streckt ihr auf die andere Seite weg. Dann visiert man das Ziel an. Dann hält man die Luft an. Zack. Und drückt ab. Dann wieder vorspannen. Und Zack.“

Zack? Peng? Bei mir klappt's nach ein paar Versuchen auch ganz gut im Liegen: Im Ringkorn, also dem Metallring am Ende des Gewehrlaufs, visiere ich die weiße Scheibe vor mir an. „Du musst die Luft kurz bevor du abdrückst anhalten“, rät Michael, „damit du komplett ruhig bist.“ Luft anhalten. Und: Zackpeng! Durchladen. Luft anhalten. Zack! Peng! Fünf Treffer! „Sehr gut“, lobt Michael. Dann ist es Zeit für die Fahrtechnikübungen auf Ski. Das Gewehr lassen wir im Schießstand liegen, anders als die Profis, die es auf dem Rücken tragen müssen, wenn sie ihre Runden absolvieren.

Ebenfalls anders als die Profis hantieren wir auch nicht mit scharfen Waffen. „Normalerweise schießen wir mit Kleinkalibergewehren“, erklärt Michael. „Da spielt dann auch der Wind eine Rolle, der das Projektil ablenken kann.“ Eine solche Waffe ist allerdings auch viel gefährlicher. Der kleine Waffenschein und der europäische Feuerwaffenpass sind Pflicht, denn die Projektile treten mit einer Geschwindigkeit von 300 Metern pro Sekunde aus dem Lauf aus. Was genügt, um einen Menschen zu töten. Die echten Biathletinnen und Biathleten müssen ihre Waffe daher außerhalb des Schießstands stets mit dem Lauf nach oben tragen – und ohne eingelegtes Magazin. Nordische Unfallprävention sozusagen.

Ein Magazin haben wir auch, das wir vor jedem Schießen einlegen müssen. Mit einem Klicken rastet das Magazin ein. Dann leuchtet eine Reihe blauer LED-Lämpchen an der Seite des Gewehres, und man kann seine fünf Schuss abgeben. Möglichst realitätsnah sollen diese Laserwaffen sein, sie wurden auch eigens für das Profitraining angeschafft – bloß, so sagt es Michael, schießen die viel lieber mit den echten Waffen, weil sie diese auch im Wettkampf nutzen.

Die Fahrtechnikübungen gehören fest zum Bestandteil des Kurses, erklärt Michael. Wir üben Gleichgewicht auf Ski, verschiedene Stock- und Kurventechniken. Dann erklärt Michael, dass wir nun bereit seien für den Staffelwettkampf. In Zweiergruppen treten wir an. Startschuss: Wir rasen los und noch vor der ersten Kurve rast auch der Puls.

Mit Herzklopfen komme ich nach drei Runden am Schießstand an. Was bei den Profis im Fernsehen so elegant aussieht – sich mit den Ski an den Füßen in einer fließenden Bewegung zu Boden gleiten lassen – ist komplizierter, als es scheint. Wohin jetzt mit den Stöcken? Wie bekomme ich die Skispitze wieder unter der roten Matte raus? Äh, wo war nochmal das Gewehr? Die Brust hebt und senkt sich, der Gewehrlauf pendelt hin und her wie ein Schiffsmast auf hoher See. Zack! Peng! Scheibe weiß. Zackpeng! Wieder daneben. Peng! Treffer.

Wer ausprobieren will, wie schwer es ist mit rasendem Puls und zittrigen Händen eine 50 Meter entfernte Zielscheibe in Größe eines Untertellers zu treffen, ist hier genau richtig. Statt Extrarunden wie bei den Profis, brummt uns Michael für jeden Fehlschuss eine Zeitstrafe von zehn Sekunden auf. Wie hat er das kurz zuvor noch ausgedrückt? „Die Herausforderung beim Biathlon ist die Kombination von körperlicher Verausgabung und Konzentration. Beim Weltcup spielt ja auch noch die Psyche eine große Rolle. Wer kommt als erster an den Schießstand?“ Jedenfalls sind vierzig Sekunden Zeistrafe lang genug, um über solche Fragen zu sinnieren.Dann schickt er mich wieder auf die Strecke. Ob's noch für die Goldmedaille reicht? Der Vorsprung der anderen ist groß.

Ich klatsche Henning ab, meinen Staffelpartner. Er startet durch. Und erweist sich als unerwarteter Meister des Zackpeng! Fünf Treffer, während Erwin verzieht. Die anderen warten, Henning ist schon unterwegs. Bis zum Ende bleibt es knapp. Welche Dramatik! Viel besser, als im Fernsehen...

Gut zu wissen

Rainer Kiefer aus dem Wiesenthal hat die Nordic-Schule Notschrei 2012 gegründet.

Anmeldung und Info:
Nordic-Center Notschrei (Notschrei-Passhöhe 6)
Tel: 0174 3207666, E-Mail: info@nordic-schule-notschrei.de

Über den Autor

Patrick Kunkel ist Reisejournalist aus Freiburg im Breisgau. Am liebsten erkundet er die Welt mit dem Fahrrad oder mit Wanderschuhen an den Füßen. Er lebt und arbeitet derzeit in Bilbao, Nordspanien und reist von dort regelmäßig in seine Lieblingsregion – den Schwarzwald. Folgen Sie Patrick auf Google+

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