Duft der Kindheit – Urlaubs-Erinnerungen aus den fünfziger Jahren in Löffingen und Umgebung

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In meinem Schreibgiebel unter dem Dach steht ein uralter Koffer, mit dem es eine besondere Bewandtnis hat: Er ist der Koffer, mit dem mein Vater jahrzehntelang mit seiner Familie – schon mit seiner 1939 verstorbenen ersten Frau! – nach Löffingen in Urlaub gefahren war.

An ihm hängt ein Gedicht, das ich vor einigen in lieber Erinnerung an meine eigenen Urlaube in dem sympathischen Baarstädtchen geschrieben habe. Es sagt mehr über die Bedeutung dieses Koffers und meine unbeschwerte Kindheit als tausend Worte:

Duft der Kindheit


Immer, wenn ich
des „Erwachsenseins“ müde bin,
greife ich zum Reisekoffer meines Vaters,
öffne ihn bedächtig
und trete die Rückreise an
in meine Kindheit.

Der Duft,
der diesem Koffer entströmt,
hüllt mich ein
in die Atmosphäre
unbeschwerter Geborgenheit.

Wenigstens einen Augenblick
darf ich verkosten,
was mich befreit
von Zwängen und Ängsten.

Auf der Rückreise
in die Wirklichkeit,
verspüre ich jene Kraft,
welche mich fähig macht,
den Forderungen der Gegenwart
gegenüberzutreten
und mir eine Hintertür offenzuhalten
für jene Lande,
die mir leben helfen.

Eben öffnete ich den Koffer wieder, und mit dem heimeligen Geruch der Pappe, aus der zur damaligen Zeit Koffer hergestellt wurden, im Zusammenwirken mit den „Duftwolken der Vergangenheit“ steigen mir auch alle andere Düfte und Gerüche dieser Zeit wieder in die Nase und ins Gedächtnis zurück: der frische Duft unseres fein säuberlich hergerichteten Gastzimmers nach frischer Wäsche,sprich: Handtüchern,  der wohlige Stallgeruch der Landwirtschaft“, der uns von der Viehwiese unter dem Fenster entgegenstieg und uns bewusst machte, dass wir wieder im Hochschwarzwald am Übergang zur weiten Baar in Ferien sind.

Je älter ich werde, desto klarer treten mir die Bilder aus Löffingen, wo ich eben wesentliche Zeiten meiner Kindheit und Jugend in meiner quasi “zweiten Heimat” verbringen durfte, in seliger Verklärung vor Augen. Wie sehr ich als Kind mit diesem Ort als zweiter Heimat verbunden war, zeigt die Tatsache, dass ich alljährlich in den ersten Tagen nach der Rückkehr von dort immer wieder los-heulen musste: „Ich will aber nach Löffingen zurück“. “Wesentliche Zeiten ” dies heißt für ein Kind bei aller Begeisterung, die es – zumindest in der Grundschulzeit – für die Schule  hegt: Ferienzeit. Diese Vorfreude begann alljährlich schon einige Wochen vor Ferienbeginn mit einem echten Reisefieber. Dieses war damals, als man noch nicht so leicht und schnell entschlossen eine Reise im nächstbesten Reisebüro buchte, meiner Auffassung nach viel tiefer zu erleben.

Bereits die Vorbereitungen wie Kofferpacken nahmen viel mehr Zeit und Überlegung in Anspruch. Man wusste, dass das Gepäck am besten am Vortag vor der Reise zum Bahnhof zu bringen war, wenn  es rechtzeitig mit den Reisenden eintreffen sollte. Jeder Koffer war ordnungsgemäß mit einem Aufkleber und am besten zusätzlich mit einem Anhänger mit der Adresse des Reisenden sowie dessen Reiseziel zu versehen.

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Unsere Koffer brachte mein Vater mit mir immer in einem nahezu feierlichen Zug – fast, als wollten wir auswandern – zu unserem Bahnhof, einem kleinen Bahnhof der Achertalbahn, einer Nebenstrecke der Bahnlinie Karlsruhe – Freiburg. Wichtig dabei hatte es auch mein sonst oft etwas schrulliger Onkel, der zwar nie in Urlaub fuhr, aber umso eifriger aufladen half und darüber wachte, dass das Gepäck auch wohlbehalten am Bahnhof, der etwa fünfhundert Meter von unserem Haus entfernt lag, ankam. Als Gefährt diente uns ein kleiner gummibereifter Fahrradanhänger, auf dem sonst zur Erntezeit Körbe mit Zwetschgen zur Obstsammelstelle transportiert wurden. Den Koffer verfolgte mein Blick im Bahnhof sehnsüchtig und fast etwas neidisch, dass der schon losreisen durfte, über die metallbeschichtete Gepäckabgabe hinweg auf den Gepäcktransportwagen. Am nächsten Morgen würde ich ihm folgen dürfen.

War das Gepäck am Bahnhof abgeliefert, war die Bahn frei für die nächste Stufe des Reisefiebers. Ein leicht erhöhter Pulsschlag begleitete mich von da an, bis ich dann endlich in Löffingen war.

Die Anreise
Was sonst aus Sparsamkeitsgründen kaum vorkam: Für die Anfahrt zum Bahnhof Achern an der Hauptstrecke – nur mit dem Kleingepäck in der Hand – wurde von meinem Vater rechtzeitig am Vortag vor der Reise beim örtlichen Taxiunternehmer ein Taxi bestellt. Der Taxiunternehmer fuhr sonst mit kleineren Lastwagen auch Kohlen und Briketts aus. In meiner Erinnerung bewahrt geblieben ist mir der alte, schwarze und vom Motorgeräusch her auch dem Anlass entsprechend recht feierlich tuckernde Mercedes, der am Morgen des Reisetags langsam vor unserem Haus vorfuhr – nahezu so würdig wirkend wie eine Staatskarosse vor einem Regierungssitz.

Die Fahrt mit der Eisenbahn in die Baar war nahezu eine regelrechte Tagesreise. Die erste Etappe reichte erst einmal bis Freiburg, wo wir regelmäßig die Mittagspause einlegten, ehe die für mich besonders aufregende Fahrt durch das Höllental bevorstand. Ein Besuch im Freiburger Münster war jedes Mal nahezu obligatorisch.

Ferienstimmung kam in mir richtig auf, wenn wir im Zug durch das noch ebene, weite Dreisamtal an reifen Kornfeldern mit prallen, leicht gebräunten Ähren vorbeifuhren. Und auch dieser symbolische Eindruck einer nunmehr begonnenen Ferienzeit ist mir bis heute geblieben – auch, wenn ich durch den ebenso mit Feldern und Wiesen weit geöffneten Schoß des vorderen Kinzigtals in Richtung Bodensee fahre.

Markant für mich war auch in  ersten Jahren meiner Urlaube in Löffingen der Halt in Neustadt, der einen besonderen Grund hatte: Die Höllentalbahn war anfangs nur bis hierher elektrifiziert, sodass im Neustadter Bahnhof die grünen “Krokodile” als E-Loks ausgespannt und durch Dampflokomotiven ersetzt werden mussten. Die dunkelgrünen Loks wirkten tatsächlich auf mich wie große Ungeheuer, die sich wie zur Besänftigung und, um “guten Wind bei uns zu machen”, gezähmt „in den guten Dienst der Sache“ stellten, uns hierher zu bringen. Abgelöst wurden sie hier allerdings von anderen Ungeheuern, die mit ihrer riesigen Schwärze auch nicht gerade vertraulich, sondern ebenfalls eher achtunggebietend wirkten: von den heranschnaubenden Dampfloks.

Stolz, selbstbewusst und ganz von ihrer Aufgabe erfüllt, schnaubten sie auf dem Nebengleis daher, um sich sachte an unseren Zug ankoppeln zu lassen. Diesen schwarzen Ungeheuern schien es ja geradezu Spaß zu machen, durch die finsteren Wälder, über kühn errichtete Brücken über tiefe Schluchten hinwegzujagen und uns durch die Bäuche noch finstererer Tunnel hindurchzuschleusen. Das kribbbelnde und doch leicht wohlige Unbehagen dabei auf diesem letzten Streckenabschnitt vor der Ankunft in der freien, weiten Landschaft der Baar vor Rötenbach bescherte mir immer einen zusätzlichen prickelnden Nervenkitzel.

Das “Witterschneekreuz“, die Wallfahrtskirche in den weiten Fluren nord-westlich der Stadt Löffingen, begrüßte uns wie alte Vertraute, die in ihre Heimat zurückkehrten. Und schon bald darauf rollte der Zug – gleichsam feierlich seine Fahrt verlangsamend – im Löffinger Bahnhof ein.

Hier angekommen, entwickelte sich hinsichtlich unseres Gepäcks dasselbe, etwas umfangreich bis leicht umständlich wirkende Ritual wie bei der  Abreise: Anfangs wurden wir noch samt Gepäck von jemand – meist einer Bedienung des “Pilgerhofs”, die wir auch schon ewig kannten, oder von einem Familienmitglied  der Wirtsfamilie Müller vom “Pilgerhof” mit einem kleinen Leiterwagen, auf welchem das Gepäck verstaut wurde, abgeholt. Später ersetzte das hauseigene Auto den Leiterwagen.

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Auf dem Weg zum “Pilgerhof”
Wie schon beim Anfahren auf Löffingen zu war mir außer der Ansicht des Baar-Städtchens vom Zug aus auch so ziemlich jedes Haus am Weg zum Pilgerhof vertraut wie die eigene Nachbarschaft.
Gleich vor dem ersten Haus nach dem Bahnhof auf der rechten Seite erinnere ich mich, einen älteren Mann regelmäßig in einem Stuhl am Weg in der Sonne sitzen gesehen zu haben. Er gehörte fast wie ein Bildstock am Feldweg einfach schon dazu.

Bald nach einer scharfen Rechtskurve, an der die Bahnhofstraße in die leicht abfallende Rötengasse überging, stand – oder von seiner langgestreckten Form her eher: lag – schon der erste riesige Brunnen, der wie viele andere im Städtchen zum Tränken des Weideviehs diente. An ihm sollten wir wie an etlichen anderen Brunnen des Städtchens in den folgenden Tagen abends wieder mitverfolgen können, wie das Weidevieh in seinem typischen schlingernden Gang hinzog, um vor dem Gang in den Stall in großen, schlürfenden Zügen aus dem Trog Wasser zu trinken. Ein mächtiger Hof lag dem Brunnen gegenüber – etwas tiefer aufgrund der bereits erwähnten leichten Anhöhe, auf der der Bahnhof lag und von der unser Weg zum Pilgerhof  auf die Bodenhöhe der Innenstadt herabführte.

An der nächsten Kreuzung wies die Maienlandstraße zur Rechten den Weg  durch das “Mailänder Tor” ins Städtchen, während sie uns zur Linken zum Ziel unseres Ferienaufenthalts, dem “Pilgerhof” geleitete. An der Kreuzung geradeaus blickend zum Alenberg, dem Hausberg Löffingens, winkte fast etwas majestätisch wie ein Schloss an der zum Hausberg der Stadt weiterführenden Rötengasse das riesig wirkende Haus der Weinhandlung “Hogg” uns Gästen entgegen.

Die Straße, an der der “Pilgerhof“ lag, war wohl vorzeiten auch ein vielbegangener Pilgerpfad gewesen, was auch der Name des einst so heimeligen, wie stattlichen Gasthofs besagt. Führt doch die Straße an ihm vorbei weiter zum “Witterschneekreuz”, der bereits erwähnten Wallfahrtskirche, die es in der freien Flur nordwestlich der Stadt gleich in zwei Versionen gibt: in der älteren Form der Holzkirche sowie in der späteren Form der größeren Steinkirche.  Errichtet worden war die alte Holzkirche einst durch einen dankbaren Pilger, der sich an dieser Stelle  in einem verheerenden Schneesturm verirrt hatte und die Errichtung einer Kapelle für den Fall versprochen hatte, dass er Errettung erfahren und sich wieder zurechtfinden, das heißt: zu einer Siedlung gelangen würde.

Danach weitete sich der Blick wieder auf “unseren Pilgerhof”. Rechts davor lag ein weiterer großer Bauernhof, dessen Vieh auf einer ziemlich steil ansteigenden Weide neben und hinter dem riesigen Stallgebäude zu grasen pflegte. Das trauliche Läuten der Glocken an den Hälsen der Weidetiere vertiefte bisweilen noch die Urlaubsstimmung in mir.

Wenn ich nicht gleich im Vorbeigehen wieder nach den Kühen im Stall schaute, so sicherlich am nächsten Morgen. Für den einstimmenden “Duft ” sorgte in Löffingen eben auch die Landwirtschaft, und wenn wir andernorts wohl gesagt hätten: “Es stinkt” – hier gehörte dies einfach dazu und hüllte uns in die “Wolken freier, erlöster Ferienzeit” ein, die mir später zum Synonym für diese und andere Ferienzeiten wurden.

Wir hatten fast immer ein Zimmer im Obergeschoss des Gästehauses unter dem Giebel, dessen Fenster zum Städtchen hin lagen. Die Zimmer atmeten jedes Jahr den gleichen anheimelnden “Feriengeruch” des Holzes von gediegenen Möbeln und von der frischen Wäsche in den Zimmern aus. Ebenso typisch roch und riecht heute noch der alte Pappkoffer meines Vaters, den ich mir deshalb bis heute aufgehoben habe und in den ich heute noch mit über fünfzig Jahren immer wieder einmal hineinschnuppere, um mich – zumindest im Geiste  – in diese Zeiten zurückzuversetzen .

Aufgrund der besonders reizvollen Lage des Zimmers schweifte nach dem Einziehen erst einmal mein Blick über das Panorama an Häusern und Dächern mit den in dieser Region typischen Staffelgiebeln. Im Halbrund schwenkte er vom Alenberg zur Linken nach rechts hinüber auf die sanften Hügel in Richtung Göschweiler. Während meine Eltern noch vor dem obligatorischen Begrüßungskaffee mit den Wirtleuten in aller Ruhe auspackten, schwang ich mich schon einmal in Wiedersehensfreude auf einer etwas höher gelegenen Ebene hinter dem Haus auf  die längst liebgewonnene Schaukel mit ihren für mich damals recht lang wirkenden Seilen. Bei entsprechend kraftvollem Schwingen gewährte mir diese Länge der Seile am höchsten und „toten Punkt“ des Schwingens einen zauberhaften Ausblick über das Städtchen Löffingen mit seinen bereits erwähnten anheimelnd wie auch stolz wirkenden Staffelgiebeln.

Das gesamte Gelände des Pilgerhofs war für erwachsene Gäste eine regelrechte  “Erholungslandschaft” mit Stil, für Kinder geradezu ein Paradies mit lauschigen Winkeln auf verschieden Ebenen. Das großzügige Areal des Hauses an den Ausläufern des Alenberg erstreckte sich von der Maienlandstraße im Tal den Hang hinauf bis zur nächsten Parallelstraße, der Alenbergstraße, die am Südwestrand des gleichnamigen Bergs entlangführte und herrliche Ausblicke auf die ganze Umgebung von Westen  bis Süden eröffnete.

Auf den zwei unteren Ebenen des Biergartens, die dick mit Kies belegt waren, luden Tische unter großen Rosskastanien um Verweilen ein. Bei sonnigem Wetter wurde dieser Garten – gerade auch bei den Mahlzeiten –  für die Pensionsgäste genutzt, dazwischen von den meist zahlreich vorhandenen Kindern zum Spielen.

Auf der dritten Ebene stand die bereits erwähnte, für mich damals besonders hoch wirkende Schaukel, die ich nicht allein des Schaukelns wegen, sondern der auch schon angesprochenen zauberhaften Ausblicke am höchsten” toten Punkt” der Schaukel wegen meist schon frühmorgens vor dem Frühstück aufsuchte. Es gab also so viel Raum, dass Gäste, falls sie  für sich sein wollten, einander jederzeit aus dem Weg gehen konnten, ohne sich im Zimmer “vergraben” zu müssen. Gewöhnlich bildeten sich aber immer wieder kleine Gruppen von Gästen, die das jahrelange Urlaubmachen hier zu gleicher Zeit verband. Dies gab auch alljährlich Gesprächsstoff für gemeinsame Erinnerungen oder zu miteinander zu planende Ausflugsvorhaben.

Wenn auch die Besucher aus ganz unterschiedlichen Gesellschaftsschichten stammten und sowohl kinderreichere Familien als auch Ein-Kind-Familien, kinderlose Ehepaare oder auch ledige Freundinnen gleichermaßen die Gäste waren – der Herr Studienrat und Titelträger anderer Couleur fanden einander hier eben doch immer unwillkürlich wieder – und wenn dies auch nur von der gemeinsamen, besonders stilvoll gepflegten Hochsprache herrührte.

Der erste Bummel ins Städtchen
Ein fester Programmpunkt war  – gerade zu Beginn unserer Urlaubsaufenthalte – immer der Gang ins Städtchen, und hier meistens zuerst ins Schreibwarengeschäft Rebholz. Damals war es ja angenehme wie strenge Pflicht, den zu Hause gebliebenen Tanten und Onkels artig eine Karte vom Ferienort zu schreiben.

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Vom Rathaus führte uns der Weg dann erst mal – wie, um zu erkunden, ob nach einem Jahr immer noch alles am rechten Platz war – bergan zum Alenberg.

Hatte ich auf dem Alenberg im recht hohen und weichen Gras jeweils wieder die ersten Räder geschlagen, war für mich gleich einem “Jagdrevier” auch mein “Ferienrevier” wieder für vierzehn Tage in Besitz genommen. Zur gern gepflegten Turnübung kam auch immer das Bockspringen über eine Art “Metallstutzen” eines Wasserreservoirs, das sich auf dem Alenberg befand. Damalige Gepflogenheit war auch das Besuchen des Aussichtspavillons und das ruhende und Ausschau haltende Verweilen auf einer der Bänke an der Aussichtsseite des Alenbergs. Bei Vollpension im “Pilgerhof” regelten im Übrigen die Mahlzeiten die Länge unserer Spaziergänge und Ausflüge. Mittags war man dann wieder pünktlich bei Tisch.

 Im Café Fuß
Eine schon fast geheiligte Handlung war innerhalb unserer Café-Besuche auch immer eine Visite im Café Fuß, das zwischen dem Mailänder Tor und dem Rathaus in der Stadtmitte liegt. Für diesen Besuch sparte ich das ganze Jahr über schon irgendwie in besonderer Weise. Dies nicht, weil es dort besonders teuer gewesen wäre, sondern weil sich im Laufe der Jahre ein Brauch entwickelt hatte, der mich immer mit einem gewissen Stolz erfüllte: Ich wollte und durfte wenigstens einmal während der Ferien meine Eltern ins Café einladen, wobei ich immer voller Stolz aus meinem kleinen roten Geldbeutel, dessen Duft im Innern des Geldfachs mir eben auch wieder ins Gedächtnis steigt, die Zeche bezahlte. Eigenartigerweise wurde dieser Brauch jedes Jahr nur im Café Fuß gepflegt, obwohl wir im Lauf der Ferientage auch etliche Cafés in der Umgebung besuchten.

Die markante Außenansicht des Cafés mit den Bäumchen davor, die nahezu kugelförmige Kronen trugen, ist mir in der Erinnerung fest verankert. Sahnehäubchen des Erlebens war es für mich beziehungsweise uns in diesem Café einmal, dass ein Oberacherner dort seine Konditorlehre machte und uns beim Besuch des Cafés begrüßen konnte.

Freitagmorgen im Witterschneekreuz
Auf unseren Spaziergängen und Wanderungen kamen wir immer wieder mal an den Wallfahrtskirchen zum „Witterschneekreuz“ vorbei. Schon obligatorisch dabei war ein Besuch in der alten Holzkapelle, die später nur noch durch ein Guckfenster zu besichtigen war, sowie in der neueren Steinkirche, die eine besonders auffallend reichhaltige Innenbemalung aufweist.

Fester Bestandteil unseres Ferienaufenthalts, der immer vierzehn Tage dauerte, war jeweils am Freitagmorgen der Besuch der Wallfahrtsmesse  im Witterschneekreuz – also alljährlich zweimal. Dafür nahmen wir es gerne in Kauf, einmal in der Woche trotz Ferien etwas früher aufzustehen und erst nach dem Wallfahrtsgottesdienst, der bereits um 7 Uhr begann, zu frühstücken.

An einen Regentag kann ich mich dabei eigentlich nicht erinnern. Uns empfing draußen immer ein zauberhafter Sommermorgen, wenn wir auf der Straße parallel zu dem Spazierweg mit den Kreuzwegstationen zur Kirche hinauszogen.

Ausflüge in die Umgebung
Wie die Rundgänge im Städtchen sich alljährlich in ähnlicher Weise wiederholten, so auch die Ausflüge in die nähere Umgebung, so beispielsweisenach Seppenhofen ins “Bergcafé”, nach Dittishausen in ein Café am Ortsrand – und auch in die “Linsimühle”, die immer ein besonders idyllisches Eldorado für mich war. Nach dem bekannten Leitsatz “Der Weg ist das Ziel” blieb mir der Weg dorthin mit seinen unterschiedlichen Abschnitten auch in besonderer Erinnerung.

Der Botaniker in meinem Vater schlug auch hier durch: Auf einem fast zugewachsen Waldweg gegenüber dem Seppenhofener Bahnhof oberhalb der Gleise wusste er den blauen Enzian zu entdecken, der sicherlich für die Gäste des Pilgerhofs zum Besehen interessant sein musste.

Nach dem ersten Plauderstündchen bei Eis mit Sahne oder Kuchen war ich meistens gleich wieder draußen, wo verschiedenes Federvieh und ein Teich für mich interessanter waren als die Weisheiten der Erwachsenen. Bisweilen gönnten wir uns den Luxus, die kurze Strecke zurück nach Löffingen mit dem Zug zurückzulegen – als wenn wir von weiß Gott, woher kämen.

Nach Dittishausen ins Cafe “Waldblick”
Unsere Spaziergänge und Ausflüge führten im Grund von Löffingen aus strahlenförmig in alle Richtungen. Eine Richtung war auch alljährlich die nach dem nördlich der Stadt gelegenen Dittishausen.

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Für uns Botanikerfamilie waren am Wegrand zumindest die Schafgarbe, etliche Glockenblumen, Türkenbund und im Feld der rote Klatschmohn treue Weggefährten.
An einem alten Gehöft vorbei, das immer etwas unheimlich wirkte –schon, weil es so einsam und ablegen in dem schmalen Tal lag – berührten wir kurz die Straße nach Dittishausen, um sogleich wieder auf einen Weg einzubiegen, der uns am Waldrand entlang “zu unserem Waldcafé” führte, wo wir alljährlich als treue Gäste – oft zusammen mit anderen Gästen des “Pilgerhofs” – einkehrten.

Den Namen “Waldblick” trug das Café wirklich zu Recht. Bei der Kaffeestunde am Fenster, das einen weiten Ausblick die herrliche Landschaft der Baar und der Ausläufer des Schwarzwaldes gewährte, streifte mein Blick immer wieder zurück auf den Wald und den Waldrand, an dem entlang uns der uns nun schon so vertraute Weg geführt hatte.

Auf dem Rückweg machten wir nach kurzem Besuch in der Pfarrkirche ferner stets bei einer kleinen Kapelle am Ortsrand von Dittishausen Halt, später auch noch an einem Abhang rechts der Straße nach Löffingen, an welchem mein Vater den gelben Enzian zu finden wusste, den er abends den wissbegierigen Gästen des Pilgerhofs zu zeigen gedachte.

Ins Bergcafé nach Seppenhofen
Hatten wir die “Linsimühle” schon besucht, so strebten wir auf nahezu gleichem Weg mindestens einmal im Verlauf unseres Urlaub auch das “Bergcafé” in Seppenhofen an. Überall war mein Vater als langjähriger Gast – er war ja im Verlauf dieser ganzen über dreißig Ferienaufenthalte eines Abends im Pilgerhof in meinem Beisein für dreißig Aufenthalte geehrt worden– mit den Besitzern recht gut bekannt und bei ihnen – denke ich – immer gern wiedergesehen.

Wie ein Adlernest am Felsvorsprung schien für mich das Café im Ort über dem Tal zu liegen oder eher zu „hängen“. Der Blick schweifte von dort hinüber zur anderen bewaldeten Talseite, auch hinunter zur Bahnlinie, die von Döggingen und Bachheim her in einen Bogen an Seppenhofen vorbei nach Löffingen hin schlug.

In Erinnerungen sind mir nicht nur solche liebenswerten Bilder, sondern auch die Eindrücke einer übermächtigen Sahnemeringe, die ich einmal in meiner Vorliebe für Süßes bestellt hatte und dann doch fast nicht zu bewältigen vermochte.

Das Erdloch bei Göschweiler
Eines Morgens herrschte unter den Gästen des Pilgerhofs einige Aufregung: Man ließ sich von den Wirtsleuten erzählen, was die Runde machte und in der Zeitung gestanden hatte: Auf dem freien Feld zwischen Löffingen und Göschweiler war am Tag zuvor urplötzlich die Erde eingebrochen. Ein etwa neunzig Meter tiefer Krater hatte sich gebildet. Ursache dafür war in dem Muschelkalkgebiet wohl ein unterirdischer Flusslauf gewesen, der die Erde hatte einbrechen  lassen und sie mit sich fortspült hatte.

Aus Interesse an der Natur und nicht aus Neugier oder gar Sensationsgier war es für uns selbstverständlich, dass wir an diesem Tag unseren Spaziergang zu dem Krater hin richteten. Dieser war aus Sicherheitsgründen schnellstens eingezäunt worden. Wir traten zwar nahe an den Stacheldraht heran, vermochten jedoch nicht die Kratersohle einzusehen. Dazu war er zu tief und die Erde wohl zu überhängend. Zu weit trauten wir uns nicht vor, aus Angst, die Erde könnte unter unseren Füßen nachbrechen. Ein Schauer lief mir über den Rücken, wenn wir ich mir vorstellte, jemand von uns wäre aus Neugier zu weit vorgegangen und auf Nimmerwiedersehen in der Tiefe verschwunden. Es reichte schon für eine kräftige Gänsehaut, wenn man sich zuraunte, am Tag vor dem Erdeinbruch sei noch ein Bauer mit seinem Pflug über die besagte Stelle gegangen. Beim Pflügen habe er seine Pfeife verloren, die ihm wohl aus der Tasche gefallen war. Man hatte sie nie wieder auf dem Acker gefunden.

Weitere Wanderziele
Es gab noch viele reizvolle Wanderziele, die wir alljährlich ansteuerten: den Nachbarort Rötenbach, der für mich nur deshalb nicht den höchsten Reiz besaß, weil er eben zur Sommerzeit immer in der prallen, heißen Sonne lag, der Luftkurort Friedenweiler, den wir immer auf Wegen durch wundervolle dunkle Tannenwälder erreichten, der Ort Rudenberg, der friedlich an einem zu Neustadt hin abfallenden Bergrücken lag, die selbst im Sommer angenehm kühle Wutach-schlucht mit der Schattenmühle, die Gauchachschlucht sowie die Rötenbachklamm.

Eine Wanderung durch das – zumindest damals noch – idyllische Friedenweiler und über Rudenberg nach Neustadt hinunter ist mir in besonderer Erinnerung geblieben. Als Junge einer grundsätzlich religiösen Familie hatte ich mich (damals noch) zu grenzenlosem religiösem Ehrgeiz anspornen lassen, was in mir als für mich damals als einzig richtigen erscheinenden Berufsweg den zum Priestertum erweckt hatte.

Die anmutige Stadt Lenzkirch erreichten wir damals noch über eine kleine, schmale Nebenbahn – freilich auch von einer kleineren Dampflok gezogen – die bei Kappel-Gutachbrücke auf ihren Weg durch dunkle Tannenwälder abbog. Bonndorf, Gündelwangen, Schluchsee – alles Orte, die in mir die Melodien der Kindheit immer wieder erklingen lassen. Aber das „Hauptmotiv“ in einer „Kindheits-Sinfonie“ würde für mich immer noch Löffingen selbst für sich beanspruchen dürfen.

Heimweh nach Löffingen
„Heimweh“ bedeutet ja dem Wortsinn nach, dass man „Weh nach der (eigenen) Heimat“ empfindet.
Wenn Heimweh jedoch bedeutet, dass man sich nicht immer nur dorthin zurück sehnt, wo man zu Hause ist, sondern auch dorthin, wo man sich zu Hause fühlt, so ist eher zu verstehen, dass nach der Rückkehr aus Löffingen alljährlich in mir erst einmal einig Tage lang ein regelrechtes Heimweh ausbrach. Bittere Tränen rannen mir jedes Mal über meine Wangen, wenn ich an die Tage der Seligkeit dort zurückdachte. „Ich will wieder nach Löffingen!“ rief ich dann durch das ganze Haus.

Löffingen

Da hatte die Einsicht von Erwachsenen, dass ein Leben eben nicht nur aus Urlaub bestehen kann, keine Chance. Es ging darum, nicht immer nur Ferien zum Nichtstun, sprich: Faulenzen zu haben, sondern es ging mir eher darum, diese unbeschwerte Seligkeit aufrechtzuerhalten. Zu dieser unbeschwerten Ferienatmosphäre und dem Flair von Löffingen gehörte damals wie auch bis heute immer der wohlige “Stallgeruch“ der großen Bauernhöfe, die es damals noch zahlreicher in Löffingen und Umgebung gab. Und sooft ich wieder einmal im Schwarzwald auf Streifzügen diesen Geruch in meine Nase steigen verspüren, ist Löffingen in der Baar wieder mit klaren Bildern der Erinnerung vor meinen inneren Augen.

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