Die Erlebnis-Werkstatt In der Schaffhauser Säge kann man mitten im Schwarzwald Möbel selber bauen

Tief im Wald, fernab vom Schuss, bietet Josche Frankenberger Workshops im Möbelbau an. Wer den Künstler und Designer in seinem Reich besucht, kehrt nicht nur mit einer Mini-Schreinerlehre samt Gesellenstück nach Hause zurück. Erholung gibt es obendrauf.

von Charlotte Janz , 29. Oktober 2018

WOLKEN
KRATZER
Wolkenkratzer
Wolkenkratzer - © Hochschwarzwald Tourismus GmbH

Josche Frankenberger tritt aus seiner Werkstatt und begrüßt mich mit den Worten „Hallo, Herr Eichhorn“. Erstaunt blicke ich mich um. Hinter mir, im Wald, der nahtlos in die Schaffhauser Säge  überzugehen scheint, kauert ein Eichhörnchen am Boden und legt den Kopf schräg. „Die Nachbarn und ich, wir hocken hier so eng aufeinander, da muss man ein gutes Verhältnis pflegen“, sagt Frankenberger augenzwinkernd, macht eine einladende Geste und führt mich in sein Reich.

Sein Reich, das war einmal die Säge eines Klosters, dann ein Forsthaus für Saisonarbeiter, später ein Ferienhaus. Heute ist es ein Ort, an dem Kunst entsteht. Die Schaffhauser Säge steht verlassen auf einer Lichtung im Wald. Grafenhausen liegt zwar nur zwei Kilometer entfernt, fühlt sich aber weit weg an. Hinter der Fassade aus Holzschindeln führt ein zugewucherter Wanderweg entlang. Vor dem Haus plätschert ein Bach. Im Wald raschelt das Leben. Es ist erstaunlich leicht, Josche Frankenberger zu glauben, dass er sich hier nicht einsam fühlt.

Die über 200 Jahre alte „Säge
Die über 200 Jahre alte „Säge" liegt idyllisch bei Grafenhausen.  - © Charlotte Janz

Er führt mich durch die Schaffhauser Säge. Zwei Jahre lang hat er das Haus ziemlich im Alleingang restauriert. Es gibt wenig, was Frankenberger nicht selbst machen kann. Ausgebildet wurde er zum Feinmechaniker, zum Einrahmer und Vergolder, zum Fotografen und zum Projektmanager. Jahrelang hat er im Kulissen- und Messebau gearbeitet. Während Frankenberger mich in eine Welt führt, in der auch die alltäglichsten Gegenstände Unikate sind  - mich begeistert vor allem ein Waschtisch aus einer alten Tür - kann sich der 45-Jährige den ein oder anderen Seitenhieb auf das Leben in der Stadt nicht verkneifen. Das ist nicht überheblich gemeint. Josche Frankenberger ist einfach ein Mann, der gefunden hat, wonach er gesucht hat. Er wirkt zufrieden, wenn die alten Dielen unter seinen Schritten knarzen, wenn er den Kopf mit der Schiebermütze unter den niedrigen Decken einziehen muss.

Mehr als nur eine Werkstatt

Die Schaffhauser Säge ist viererlei für ihn: Sein Zuhause. Sein Atelier für Malerei und Siebdruck. Eine Galerie, in der er eine Dauerausstellung hat. Und Möbelschau für die Teilnehmer seiner Holz-Workshops. Da steht er, der Hocker, nach dessen Vorbild ich heute einen bauen möchte.

Möbel selber bauen und dies in einer schönen Umgebung, in einer professionellen Werkstatt.
Möbel selber bauen und dies in einer schönen Umgebung, in einer professionellen Werkstatt.  - © Charlotte Janz

Die Werkstatt lässt mein Herz höher schlagen. Sägespäne kringeln sich in den Ecken. Der Geruch nach Holz weckt Erinnerungen an den Werkraum meiner Schule. Aber die große Formatkreissäge in der Mitte des Raumes, das Heer von Stechbeiteln an der Wand und die üppige Auswahl an Schleifmaschinen und Fräsen haben nichts zu tun mit den popeligen Laubsägearbeiten von damals. Bevor ich mich ans Werk machen darf, zitiert Frankenberger mich an die Tafel. “Erst planen, dann sägen”, sagt er. Gemeinsam legen wir die Dimensionen des Hockers fest. Als die Skizze steht, schaltet er Blues-Musik ein und wir beginnen.

Erst planen, dann sägen.
Erst planen, dann sägen. - © Charlotte Janz

Josche Frankenberger kommt vom Holz, zum Holz ist er zurückgekehrt. Seine Beziehung dazu begann mit drei Onkeln. Einer hatte einen Wald, der zweite war Drechsler, der dritte Berufsschullehrer. Schon als Fünfjähriger drechselte er unbeaufsichtigt kleine Figuren, die er dann in der Nachbarschaft verschenkte. Eigentlich wollte Frankenberger Schreiner werden. Bei einem Praktikum wurde er zwei Wochen lang zum Lackieren abgestellt. Da war das mit der Schreinerlehre vom Tisch. Und trotzdem macht er heute genau das: Aus Holz Möbel herstellen. Frankenberger wohnt mitten im Wald. Seine Nase ziert ein hölzernes Brillengestell.

Ran an die Arbeit

Nachdem ich bewiesen habe, dass ich mit Werkzeug umgehen kann, lässt Frankenberger mir ziemlich freie Hand. Während ich den Corpus des Hockers verleime, arbeitet er in einer anderen Ecke der Werkstatt an einem Stuhl. Gerade will ich den Deckel des Truhenhockers anbringen. Da steht Frankenberger plötzlich hinter mir und bewahrt mich vor einem Rechenfehler. Danach widmet er sich pfeifend wieder seinem Stuhl.

In liebevoller Handarbeit entstehen in Josches Atelier Möbelstücke und Unikate.
In liebevoller Handarbeit entstehen in Josches Atelier Möbelstücke und Unikate. - © Charlotte Janz

“Die Möbel, die ich mir leisten konnte, gefielen mir nicht. Und die mir gefielen, konnte ich mir nicht leisten. Also habe ich angefangen, selbst welche zu schreinern.” So erzählt Frankenberger die Entstehungsgeschichte seiner Workshops. Anderen Menschen hätten seine Designs gefallen. Immer wieder sei er gefragt worden, ob er ihnen helfen könnte, ihre eigenen Möbel zu bauen. Das wollte er. Und er wollte raus aufs Land. “Die Großstadt war nicht mehr meine Welt.” Im Herbst 2014 stieß Frankenberger auf die Schaffhauser Säge. Innerhalb von zwölf Wochen löste er sein Leben in Stuttgart auf. Im Januar 2015 rückte er mit drei Lastwagen im Schwarzwald an.

Wir sind nicht mehr alleine in der Werkstatt. Lilli Waishar, eine junge Frau aus Indlekofen, ist vorbeigekommen, um ihre Holzstühle zu restaurieren. Frankenberger und die 27-Jährige scherzen vertraut miteinander. “Jeden Stuhl von Hand abzuschmirgeln, dauert eben eine Weile”, sagt Waishar lachend.

Frankenberger bietet nicht nur Kurse an. In seine Werkstatt kann man sich auch für eigene Projekte einmieten. Ein Ehepaar hat sich etwa mit seiner Hilfe eine eigene Küche geschreinert. Ein anderer Kunde hat das Innenleben eines Klaviers in eine Garderobe verwandelt. 

Schwabe Josche Frankenberger hat im Schwarzwald eine neue Heimat gefunden.
Schwabe Josche Frankenberger hat im Schwarzwald eine neue Heimat gefunden. - © Charlotte Janz

Dabei waren die Schwarzwälder zunächst zurückhaltend. “Ich bin ein Schwab’ und ein Städter. Das sind gleich zwei Stigmata, gegen die ich ankämpfen musste”, sagt Frankenberger. Dann bot er an, die Kulissen für die lokale Theater-Truppe zu bauen. Er fühlt sich wohl bei den Wäldern.

Mein Hocker ist fertig. Gut sieht er aus, was weniger mit meinem Talent als mit Josches Gabe zu tun hat, immer dann zur Stelle zu sein, wenn ich kurz davor war, einen Fehler zu begehen. Als ich ihn ins Auto stelle, raschelt es hinter mir im Wald. Bis bald, Herr Eichhorn. Schön war’s.

Das vollendete Werk.
Das vollendete Werk.  - © Charlotte Janz

Gut zu wissen

Josche Frankenberger bietet in der Schaffhauser Säge bei Grafenhausen regelmäßig Wochenendkurse an, bei denen die Teilnehmer unter Anleitung ihr eigenes Mobiliar schreinern – vom Hocker bis zum Kleiderschrank. Infos und Anmeldung unter schaffhauer-saege.de

zum nächsten Reisebericht