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Fiere, Fockaffe, fiere! Im Katamaran-Tiefflug über den Schluchsee

Einmal durch den Hochschwarzwald, von Süd nach Nord: Moritz hat sich auf einen Roadtrip begeben. Auf allen Sorten Rädern, im Kanu, zu Fuß. Heute: Die seltsame Sprache der Segler – und warum die Einheit „Bäume pro Minute“ bei einer rasanten Fahrt ein schlechter Indikator für die Geschwindigkeit ist.

von Moritz Baumstieger, 30. Juli 2013

Der Katamaran vom Herrn Dr. Dischler liegt einigermaßen sicher im Wasser, denn er hat zwei Rümpfe.
Der Katamaran vom Herrn Dr. Dischler liegt einigermaßen sicher im Wasser, denn er hat zwei Rümpfe.  - © Moritz Baumstieger

Als ich sehe, was der Herr Dr. Dischler da so alles auf der Wiese ausgebreitet hat, habe ich sofort wieder den Geschmack der Wutach im Mund. Die ist ein Fluss hier ganz in der Nähe, und als ich bei meinem ersten Besuch im Hochschwarzwald ein paar kräftige Schlucke von ihr probiert habe, da hatte ich ganz ähnliche Sachen an: einen Neoprenanzug, eine dicke Windjacke drüber und eine Schwimmweste.

Als ich sehe, was da so alles auf der Wiese ausgebreitet ist, habe ich sofort wieder den Geschmack der Wutach im Mund.
Als ich sehe, was da so alles auf der Wiese ausgebreitet ist, habe ich sofort wieder den Geschmack der Wutach im Mund. - © Moritz Baumstieger

Dass wir heute aber auch kentern werden, glaube ich nicht: Denn eigentlich müsste der Katamaran vom Herrn Dr. Dischler ja einigermaßen sicher im Wasser liegen, er hat ja zwei Rümpfe. Und außerdem wird er ja mit an Bord gehen und sowohl das Boot, als auch unsere Geschicke lenken – und da scheint er nach 13 Jahren Segeln auf dem Schluchsee schon ein wenig Erfahrung zu haben.

Da will wirklich keiner baden gehen

Hoffe ich zumindest. Denn das Thermometer, das am Steg des Segelclubs in das Holz eingelassen ist und die Temperatur des Wassers drunter misst, zeigt schlanke 17,9 Grad Celsius an. Obwohl ich jeden Morgen zumindest kurz kalt dusche ist das keine Badetemperatur, bei der ich eine halbe Stunde an Land schwimmen will, zwischen den Zähnen ein Seil, an dem ein gekenterter Katamaran und ein Dr. Dischler hängen.

Weil der Katamaran keinen Tacho hat, versuche ich es mit der Messeinheit Fichten pro Minute.
Weil der Katamaran keinen Tacho hat, versuche ich es mit der Messeinheit Fichten pro Minute. - © Moritz Baumstieger

Den Fockaffen gab es schon vor mir

Als wir das Boot besteigen, wird aus dem Herrn Dr. Dischler ein Ralf. Auf dem Wasser duzt man sich. Angenehm, Moritz – oder heute gerne auch: Fockaffe. So nennt man beim Segeln den, der vorne sitzt und für das vordere Segel zuständig ist, die Fock eben. Wie nun genau das Wort „Affe“ dazu kam, weiß Ralf nicht. Ich auch nicht, möchte aber betonen, dass es schon vor mir so hieß. Denn eigentlich stelle ich mich gar nicht so doof an. Wenn Ralf „Klar zu Wende“ ruft, dann rufe ich zurück: „Is` klar.“ Ganz so, wie er mir es eben beigebracht hat. Ralf wendet dann, das Hauptsegel dreht sich auf die andere Seite – und ich krabbele mal mehr, mal weniger elegant unter der Schot durch, der Stange, die das untere Ende des Segels markiert. Dabei halte ich den Kopf immer schön weit unten, sonst wäre er zwar nicht vielleicht gleich weg, aber würde ziemlich schmerzen, wenn das Segel die Seiten wechselt.

Das alles klappt ganz gut, auch bei der großen Auswahl an Schnüren hier vorne halte ich immer die richtige, nämlich die, mit der man das vordere Segel verstellen kann. Nur wenn Ralf von hinten „Fieren!“ ruft, mache ich immer das falsche. Eigentlich will er mir sagen, dass ich die Schnur etwas lockerer halten soll, aber ich ziehe immer an. Anfängerfehler – andererseits haben die auch eine ganz schöne eigene Sprache, diese Segler.

Als wir das Boot besteigen, wird aus dem Herrn Dr. Dischler ein Ralf. Auf dem Wasser duzt man sich.
Als wir das Boot besteigen, wird aus dem Herrn Dr. Dischler ein Ralf. Auf dem Wasser duzt man sich. - © Moritz Baumstieger

Ich versteh nur Bouillabaisse

Ralf versucht, dem Ganzen mit ein wenig Theorie beizukommen – und referiert hinten am Steuer etwas über den Bernoullie-Effekt, das physikalische Prinzip, das dafür sorgt, dass wir gerade über den schwarzen Schluchsee fliegen, während der Wind doch von der Seite kommt. Ich mag ein mittelguter Fockaffe sein, bin heute aber ein ganz schlechter Schüler: Ich höre leider nicht richtig hin, verstehe wahlweise „Bouillabaisse-“ oder „Beaujolais“-Effekt, Ralf seufzt und gibt bald auf. Aber das Wetter ist zu schön, die Landschaft ist zu schön, um ernsthaft nachdenken zu wollen.

Außerdem bin ich damit beschäftigt, die Bäume zu zählen, die da am Ufer vorbei zischen – weil der Katamaran nämlich keinen Tacho hat und ich keine Strippe, mit der ich unsere Geschwindigkeit in Knoten zählen könnte, versuche ich es mit der Messeinheit Fichten pro Minute. Klappt aber auch nicht richtig: Immer, wenn ich gerade zu zählen begonnen habe, ruft Ralf: „Klar zu Wende?“, ich rufe „Is klar“ – und muss wieder von vorne anfangen.

Das lasse ich aber auch bald bleiben: Der Wind frischt auf, ein Rumpf hebt sich aus dem Wasser, der Katamaran steht schief wie die Schwarzwaldtannen nach dem Orkan Lothar und ich kann am Ufer keine einzelnen Bäume mehr erkennen, sie verwischen zu einem grau-grünen Streifen. „Jetzt fliegen wir!“, ruft Ralf.

Der Wind frischt auf, ein Rumpf hebt sich aus dem Wasser.
Der Wind frischt auf, ein Rumpf hebt sich aus dem Wasser. - © Moritz Baumstieger

Ich denke erst, das meint er im übertragenen Sinne, denn wir werden plötzlich ganz schön schnell. Aber Ralf scheint das ganz wörtlich zu meinen. Er richtet sich auf – und als ich schon fast denke, er will springen und mich hier mit dem Boot, den Segeln und dem Bernoullie-Effekt allein lassen, springt er doch nicht. Sondern hängt sich mit einer Art Windel mit Haken dran in das Trapez ein und stemmt die Beine gegen den Rumpf. Obwohl er Kapitän, Steuermann und Erster Offizier in einer Person ist, fährt er jetzt gewissermaßen außerhalb des Bootes mit, unter sich nur Wind und Wasser. Ich liege weiterhin auf der Trampolin-artigen Liegefläche zwischen den beiden Rümpfen und habe selbst bei dieser relativ gemütlichen Position genug damit zu tun, nicht ins Wasser zu fallen.

Weil ich eine Hand zum Festhalten brauche, die andere für die Fock, klemme ich mir das Spinnaker-Seil einfach zwischen den großen und den Zeige-Zeh.
Weil ich eine Hand zum Festhalten brauche, die andere für die Fock, klemme ich mir das Spinnaker-Seil einfach zwischen den großen und den Zeige-Zeh. - © Moritz Baumstieger

Meine ganz eigene Technik

Ralf will aber noch schneller zu werden, wir holen den Spinnaker heraus, ein großes, bauchiges Extra-Segel, das noch vor meine Fock kommt. Für das bin ich nun auch zuständig, weil ich aber eine Hand zum Festhalten brauche, die andere für die Fock, klemme ich mir das Spinnaker-Seil einfach zwischen den großen und den Zeige-Zeh. Ralf findet das sehr interessant, ist sich aber sicher, dass er mit solch einer Technik im Frühjahr nie den Segelschein geschafft hätte. „Im Frühjahr?“, rufe ich fragend, angesichts unserer Geschwindigkeit aber auch etwas panisch. „Ja“ antwortet Ralf, manchmal schiebe man Sachen eben ein wenig auf. Aber segeln, das tun er und seine Familie hier schon seit 13 Jahren. Ich bin beruhigt, Schluchseewasser muss ich wohl doch nicht probieren. Und ziehe gleich mal wieder fest am Seil, als Ralf von hinten „fieren“ ruft.

Gut zu wissen

Wer nicht wie unser Autor das Glück hat, bei Ralf Dischler auf dem Katamaran mitfahren zu dürfen, kann sich mit einem Segelschein bei der Segelschule Schluchsee Boote leihen.

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