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Mit Überhängen und so... Klettern mit Kindern

Am Abgrund: Der Klettersteig in Todtnau ist die einzige echte „Via Ferrata“ im ganzen Schwarzwald und (nicht nur) für Kinder ein ganz besonderes Abenteuer

von Patrick Kunkel, 10. Februar 2016

Herbert erwartet uns bereits am Fuße der Felswand.
Herbert erwartet uns bereits am Fuße der Felswand. - © Patrick Kunkel

Mit der Linken krallt sich Meret an einem kaum sichtbaren Vorsprung fest, jetzt tastet ihre rechte Hand nach einem Halt suchend über den rauen Fels: Da! Ein Griff! Der ist zwar kaum mehr als ein schmaler Ritz im Gestein. „Aber das reicht schon“, sagt Herbert, unser Bergführer. „Jetzt suche einen festen Stand für den rechten Fuß. Und dann mit dem linken!“

Keine Angst, Papa!

Meret steht jetzt bloß noch auf einem schmalen Leisten, unter ihren Füßen geht es senkrecht bergab. Über 50 Meter bis zum Boden. Jetzt ein falscher Schritt . . . Meine Güte, das Kind ist neun Jahre alt und kennt Klettern nur aus dem Hochseilgarten oder von Kraxelpassagen bei etwas schwereren Bergtouren! Aber noch ehe Panik in mir aufwallt, meint meine neunjährige Tochter gelassen: „Keine Angst, Papa, es gibt ja das Seil.“ 

„Das Seil“ ist ein robustes, im grauen Gneis verankertes Drahtseil, dem unsere kleine Gruppe durch die Felswand folgt: Meine beiden Töchter Meret und Mila, deren Freundinnen Josefine und Elena. Und ich: Vater, erst besorgt, jetzt zunehmend entspannter: „Wird schon!“, denke ich mir und sehe beruhigt, wie Meret mit jedem Schritt und jedem Griff konzentrierter und sicherer wird. Außerdem gibt es da ja noch den Herbert, mit dem wir uns heute zu unserer Erstbesteigung des Todtnauer Klettersteigs verabredet haben.

Der Aufstieg beginnt mit einem harmlosen, schmalen Wanderweg über Steine und Wurzeln durch lichten Laubwald.
Der Aufstieg beginnt mit einem harmlosen, schmalen Wanderweg über Steine und Wurzeln durch lichten Laubwald. - © Patrick Kunkel

Früh am Morgen sind wir von Freiburg aus nach Todtnau rauf gefahren; tief eingeschnitten sind die Berghänge hier und dicht bewaldet. Doch gleich am Ortsrand ragt ein massiver Klotz aus dem struppigen Grün: Der Schwimmbadfelsen, das Klettergebiet der „Todtnauer Kletterfreunde“. Am Fuße des mächtigen Brockens wartete bereits Herbert auf uns. Herbert trägt passenderweise den Nachnamen „Steiger“, ist passionierter Hochschwarzwälder Kletterer und bei den Kletterfreunden für die Jugendarbeit zuständig. Unter seinem grauen Haar und dem Vollbart verbirgt sich ein gutmütiges, von Sonne, Wind und Lachen zerfurchtes Gesicht, dem man ansieht, dass er wohl die meiste Zeit draußen am Fels verbringt. „Etwa 100 Meter hoch ist der Felsen“, erklärt Herbert:

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„Wir haben hier gut 100 Kletterrouten sämtlicher Schwierigkeitsgrade.“

" Herbert Steiger

Für Einsteiger am besten geeignet sei der Klettersteig. „Wir haben zwei Touren, eine leichte und eine, die etwas tiefer durch den Felsen durchgeht“, sagt er: „Mit Überhängen und so. Da muss man schon so ein bisschen Klettererfahrungen haben. Wir machen jetzt die einfache Tour, aber wenn wir Zeit haben und ich kann es befürworten, dass wir auch die schwere machen, dann können wir nochmal einsteigen.“ 300 Meter Drahtseil sind fest im Fels verlegt. Der Todtnauer Klettersteig ist der einzige im ganzen Schwarzwald. „Via Ferrata“ werden diese gesicherten Kletterrouten auch genannt, weil in diesen eben ganz viel Eisen verbaut ist: Haken und Drahtseile vor allem.

Das Seil ist nur zur Sicherung

Der Aufstieg beginnt mit einem harmlosen, schmalen Wanderweg über Steine und Wurzeln durch lichten Laubwald steil bergauf. Hinter einem Schild mit der Aufschrift „Auf eigene Gefahr!“ liegt der Einstieg. Dann geht es zur Sache: Klick! Und Raaaaatsch! Die Karabiner klinken ein und rutschen geräuschvoll am Drahtseil entlang. Zuerst kraxeln die Kinder einen steilen Fels hinauf, dann geht es um ein luftiges Eck – und schon befinden wir uns in der Vertikalen. Rote Pfeile markieren die Route. Meret geht voran.

„Die Besonderheit unseres Klettersteigs ist, dass man ihn freikletternd begeht“, sagt Herbert.
„Die Besonderheit unseres Klettersteigs ist, dass man ihn freikletternd begeht“, sagt Herbert. - © Patrick Kunkel

„Die Besonderheit unseres Klettersteigs ist, dass man ihn freikletternd begeht“, sagt Herbert. Das Stahlseil sei anders als sonst oft üblich nicht als Steighilfe gedacht, deshalb hängt es auch an manchen Stellen durch: „Es dient euch nur zur Sicherung, also nicht dran festhalten.“ Mit zwei Karabinerhaken ist jeder von uns mit dem Sicherungsseil verbunden. „Ihr müsst immer beide Karabiner im Stahlseil lassen. Immer!“, hatte uns Herbert vor der Tour eingeschärft: „Und vom Anfang bis zum Ende gesichert sein.“ An jeder Halterung wird umgehängt. Konzentriert öffnet Meret den ersten Karabiner und lässt ihn hinter der Halterung wieder einrasten. Erst dann hängt sie den zweiten Karabiner um. „Sehr gut“, lobt Herbert. Beruhigend, dass das so gut klappt, denke ich. Denn ein Karabiner kann brechen oder ein Seil kann reißen. Dass beide zugleich versagen, ist dagegen ziemlich unwahrscheinlich.

Die knallroten Helme, Klettergurte und Klettersteigsets kann man sich praktischerweise auch bei den Kletterfreunden ausleihen, außerdem bietet der Verein geführte Klettersteigbegehungen an – so wie wir eine heute Morgen mit Herbert unternehmen. Wichtig sei, dass wir uns nie oberhalb des Stahlseils befinden. Warum? „Erstens kann ich mich schlechter sichern, wenn der Karabiner unter mir hängt, weil ich gar nicht mehr richtig drankomme. Und wenn ich reinfalle, dann ist die Fallhöhe größer und kann mir schon wehtun. Wenn das Stahlseil über mir ist, dann gibt es vielleicht ein kleines Krätzerle, aber mehr passiert da nicht.“ 

Jeder könne den Klettersteig kostenlos und auf eigene Faust begehen, sagt Herbert: „Allerdings ist Klettersteigausrüstung Pflicht – nicht nur für Anfänger.“ Herbert ist da natürlich schon weit drüber hinaus, er klettert seit über 50 Jahren: in den Alpen, im Schwarzwald natürlich und vor allem an den Todtnauer Kletterfelsen. 1984 gründete Herbert gemeinsam mit 20 Freunden aus dem Dorf den Verein, sie hatten zuerst den Klingelefelsen gesäubert und befreiten kurz darauf den Schwimmbadfelsen von Dornengestrüpp, Moos und losen Steinen.

Das war's schon?

Inzwischen ist Herbert über siebzig Jahre alt, doch noch immer ist er so oft wie möglich draußen im Fels. Überhaupt wirkt er eher wie eine Bergziege: Während wir uns langsam vorwärts tasten auf der Suche nach dem besten Griff und dem sichersten Stand, scheint Herbert mit seinem freundlichen Lachen und seinen geduldigen Erklärungen überall gleichzeitig und immer zur Stelle zu sein, wenn einer von uns nicht weiterkommt: „Immer kleine Schritte machen, keine großen, das strengt viel zu sehr an“, raunt er von der Seite. Oder: „Nicht nur die Hand dranlegen, immer ein Loch, eine Kante, einen Riss im Felsen suchen und dann mit den Fingern rein.“

Er klebt gleichsam am Fels, dann verschwindet er plötzlich blitzschnell nach oben, nur um etwas weiter vorne hinter einem Fels wieder aufzutauchen. Und so nebenbei klaubt er lose Steine auf. Der Klettersteig sei, so Herbert, die beste Möglichkeit, einmal Luft unter den Füßen zu spüren: „Das ist eine Herausforderung. Wenn man das erste Mal da oben steht und es geht fast 100 Meter senkrecht runter, da kriegt man schon ein komisches Gefühl im Magen“, sagt er und lacht.

Klettern: Die beste Möglichkeit, Luft unter den Füßen zu spüren!
Klettern: Die beste Möglichkeit, Luft unter den Füßen zu spüren! - © Patrick Kunkel

Ein flaues Gefühl verursacht auch so manche Kletterpassage: Immer wieder wechseln leichtere Teilstücke mit richtig schweren Passagen und aus senkrecht wird plötzlich überhängend. Hinter einem Plateau verläuft das Drahtseil, das sich bislang immer schön an den Fels schmiegte, geradewegs ins Leere. Eine kleine Schlucht, vielleicht zehn Meter breit und doppelt so tief, klafft im Schwimmbadfels. Und darüber führt eine Brücke, die minimalistischer kaum sein könnte: Ein straff gespanntes Drahtseil zum Draufstehen. Und darüber eines als Sicherung und zum Festhalten. Schritt für Schritt tasten wir uns nacheinander auf dem schwankenden Seil voran. Erst zögerlich, doch dann immer sicherer: „Lasst Euch ruhig in den Klettergurt fallen“, ruft Herbert vom Rand herüber. Meret lässt los. Sie fällt . . . und lacht. Einen Moment lang schaukelt sie genüsslich im Klettergurt, ehe sie sich wieder hochzieht und die restlichen Meter Abgrund überquert – und dann sind wir fast schon am Ende unserer Tour angelangt.

Meret kann es kaum glauben: „Das war's schon?“ Nicht ganz: „Wollt ihr noch die schwere Tour?“, fragt Herbert und lacht verschmitzt.

Was für eine Frage!

Gut zu wissen

Der Klettersteig Todtnau ist frei zugänglich, er liegt am Ortsrand von Todtnau auf 630m Höhe. Die Gehzeit beträgt ca. 45 Minuten.

Der Steig ist auch für mutige schwindelfreie Anfänger machbar.

Die Benutzung einer Klettersteigausrüstung (Sicherungsgurt, Klettersteigset mit zwei Karabinern, Helm) ist Pflicht. Das Sicherungsseil dient nur der Sicherung und ist nicht als Fortbewegungshilfe vorgesehen. Gruppen nur nach Voranmeldung.

Infos und Lageplan im Internet unter: www.kletterfreunde-todtnau.de

Anfragen und Anmeldung bei Herbert Steiger (Tel. 07671-1634)

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