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Wasser-Marsch Auf der Schmelzwasser-Welle durch die Wutachschlucht

Einmal durch den Hochschwarzwald, von West nach Ost: Moritz hat sich auf einen Roadtrip begeben. Auf allen Sorten Skiern, im Kanu, zu Fuß. Heute: Nass von unten statt von oben – mit Schwarzwäldern, Sachsen, Schweizern in einem Boot.

von Moritz Baumstieger, 07. Mai 2013

© Lorenz Eberle

Man muss immer mit der Zeit gehen. Und wenn die Zeit eben sagt: Genug mit Winter, wir wollen es jetzt alle wärmer haben, dann bringt es nichts, sich dagegen zu stemmen. Weil mit Schneeschuhen in der Wutachschlucht zu stehen, wenn gar kein Schnee mehr da ist – ziemlich doof.

Dann schon lieber mit dem Kuner Raphael und seinen Freunden ins Boot steigen. Und sich von all dem geschmolzenen Schnee, der gerade die Wutach hinunterfließt, einfach die selbe Strecke tragen lassen. Das geht nur ziemlich selten: Das Flüsschen führt nicht oft so viel Wasser, als dass man es mit Kajaks befahren könnte. Heute liegt der Pegel bei 66 Zentimetern, die Schneeschmelze war also doch für etwas gut.

© Lorenz Eberle

Weil der Kalender aber trotzdem noch Winter anzeigt, gibt mir Raphael am Treffpunkt ins Grimmelshofen erstmal jede Menge lustige Kleidungsstücke: Einen Neoprenanzug, Neoprensocken, eine Neoprenjacke, eine Spritzdecke und einen Helm. In all dem komme ich mir vor wie eine Presswurst in Gummipelle, aber was soll`s: Im Zweifelsfall ist es wärmer so. Außerdem zieht Raphael noch eine wasserdichte Box für mein Handy und meinen Autoschlüssel aus seinem Pick-Up. Der denkt wohl wirklich, dass ich vorhabe zu kentern. Andererseits wird er schon recht haben: Der paddelt ja nicht nur privat, sondern auch beruflich. Und hat mit seiner Firma Rafftaff schon mehr Touristen als mich über die Bäche und Seen des Schwarzwalds geschleust.

© Lorenz Eberle

Die paddelnde Internationale

Als unsere Paddelfreunde eintreffen, staune ich nicht schlecht. Ich hatte mich auf Schwarzwälder eingestellt, inzwischen verstehe ich deren Dialekt ganz gut. Stattdessen kamen: drei Schweizer, mit den schönen Namen Urs, Jacques und Peter. Und zwei Sachsen, Lorenz und Steffen. Die paddelnde Internationale ist aber auch überrascht: In meinem Auto entdecken sie die Skier, mit denen ich die längste Piste der Welt hinunter und rund um den Feldsee geflitzt bin. „Ihhhhhh!“, schreit einer der Schweizer, Wasser- und Wintersportler scheinen sich genauso gerne zu mögen wie Hunde und Katzen.

Trotzdem passen sie super auf mich auf, als wir bei Achdorf in See, pardon, Fluss stechen. Mein Boot ist ziemlich kurz, ziemlich gelb-orange und ziemlich wackelig. Ein Wildwasserkajak eben, denn: Die Wutach fließt nicht so eben und langweilig dahin wie etwa der Rhein im schönen Kölle, sondern schäumt ziemlich. Das hat mir der Raphael zwar schon vorher gesagt, doch als die Spritzdecke geschlossen, das Paddel in meiner Hand und das Ufer in weiter Ferne ist, habe ich doch kurz ein wenig Angst vor der eigenen Courage.

© Lorenz Eberle

Muss ich aber gar nicht: Steffen, der heute eingeteilt ist, auf mich komischen Wintersportler aufzupassen, bringt mir alles bei: Wie ich das Gewackel ignoriere, wie ich mich auf dem Wasser drehe und wie ich am besten in die Kehrwasser nach den Strudeln reinfahre, um mich auszuruhen und auf die anderen zu warten. Als das zum ersten Mal klappt, lobt er mich.

Gleich darauf aber nicht mehr: Die Wutach wird immer wütender, die Strudel strudeliger, das Wildwasser wilder. Eigentlich sollte ich hinter Raphael mit seinem Kanadier und Steffen im roten Boot herpaddeln, doch irgendwie finde ich die Bremse nicht und bin plötzlich selber vorne. Steffen ruft von hinten irgendwelche Kommandos, ich verstehe ihn nicht so recht. Ich habe Wasser im Ohr und die Wutach macht ganz schönen Krach. Als ich endlich ein Kehrwasser erspähe und es auch noch schaffe, reinzupaddeln, bin ich nervlich ein wenig erschöpft, Steffen auch. Die anderen hingegen gar nicht: Während wir beide damit beschäftigt sind aufzupassen, dass ich nicht ins Wasser falle, drehen die auf den Wellen Pirouetten oder hantieren lustig mit Spiegelreflexkameras, obwohl die ganz sicher nicht wasserdicht sind.

© Jacques Isler

Keine Faxen jetzt!

Das größte Hindernis – eine riesige Riesenwalze mit greußlicher Gischt und fiesen Felsen darunter – paddeln wir besser nicht hinunter. Da fahren wir lieber links ran und tragen unsere Kajaks außenrum. Also alle bis auf Steffen und mich, wir fahren rechts ran. Was ungeschickt ist, weil: Rechts kann man nicht aussteigen, da ist Felswand. Deshalb zeigen sich auf Steffens Stirn unter dem Helm noch mehr Sorgenfalten, denn nun muss ich wenige Meter vor der riesigen Riesenwalze einmal quer über den Bach paddeln. Jetzt reinzufallen wäre ziemlich blöd, deshalb ruft Steffen: „Keine Faxen jetzt!“ und „Los, mach hinne!“ Diesmal verstehe ich ihn ziemlich gut, trotz des Wassers im Ohr.

© Lorenz Eberle

Fünf Minuten später hilft aber auch alles aufpassen nichts. Ich habe zwar zielsicher ein Kehrwasser angefahren, um auf die Foto-Sachsen und Pirouetten-Schweizer zu warten. Mein Boot habe ich geschickt in eine Art Mini-Hafen gesteuert, den ein großer Felsblock vom Fluss abtrennt. Als mir Steffen das Zeichen zum Weiterpaddeln gibt, sind die Strömung, der Fels und ich unterschiedlicher Meinung, in welche Richtung mein Boot fahren soll.

Ganz schön kalt, diese Wutach.
Aber schmecken tut sie ganz gut.

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