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Das Plattenwieble Die Geschichte der "Kandelhexe"

Um den Kandel, die mit 1.241 Meter höchste Erhebung im mittleren Schwarzwald, ranken sich viele Hexengeschichten. Im 17. Jahrhundert wurden Menschen als Hexen angeklagt und unter Folter Geständnisse erpresst, auf dem „Hausberg“ von Waldkirch mit dem Teufel ein Bündnis eingegangen zu sein.

von Barbara Bollwahn, 16. Mai 2013

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Das "Plattewiibli“ trug drei Röcke übereinander, auf dem Kopf saß ein ausgebeulter Männerhut, sie fing Frösche und schnorrte Zigarrenstumpen, die sie genüsslich in ihrer Pfeife rauchte. - © Storz

Als in der Nacht vom 30. April zum 1. Mai 1981 – in der Walpurgisnacht, wenn die Hexen der Legende nach zu ihren Tanzplätzen auf den Besen durch die Nacht fliegen – der obere Teil des Kandelfelsens mit lautem Getöse abbrach und zwischen dem Steingeröll ein Reisigbesen gefunden wurde, war das neue Nahrung für die überlieferten Geschichten, zumal die Ursache des Felsabsturzes nie geklärt wurde. Ganz anders verhält es sich mit einer „Kandelhexe“, die nicht mit dem Teufel getanzt, die es aber tatsächlich gegeben hat.

Die traurige Geschichte der Hexe

„Kandelhexe“ war ein weiterer Spitzname für das „Plattenwieble“, auch „Plattewiibli“ geschrieben oder „Plattenwiebli“. So wurde Josefa Schuler genannt, die im Jahr 1854 auf dem Langeckerhof in St .Peter geboren wurde. Das genaue Geburtsdatum ist nicht überliefert. Der Name „Plattenwieble“ geht auf die Platte zurück, eine Hochebene in 1.000 Meter Höhe wenige Kilometer nördlich von St. Peter, wo die nur 1,40 Meter kleine Josefa Schuler oft anzutreffen war. Meist war erst ihr lautes Singen zu vernehmen, bevor die Frau, die man leicht für einen Mann halten konnte, aus einem Gebüsch hervor kam.

Das, was über Josefina Schuler überliefert ist, erzählt eine traurige Geschichte. Mit 30 Jahren bekam sie von einem Hirten ein uneheliches Kind, eine Tochter, die ihr ein und alles war. Als das Mädchen mit fünf Jahren an Diphterie erkrankte und starb, verkraftete das die Mutter nicht. Josefina Schuler wurde wunderlich, schrullig gar. Sie schlief nicht mehr im Bett, sondern auf der Kachelofenbank. „Wenn man sich ins Bett legt, stirbt man“, soll sie gesagt haben. In ihren letzten Lebensjahrzehnten wusch sie sich nicht mehr und legte sich mit all ihren Kleidern auf der Ofenbank zum schlafen, die zugleich auch ihr Arbeitsplatz war. Dort band sie Reisigbesen, die sie in der Umgebung verkaufte. Auch wenn die Besen zum fegen und nicht zum fliegen gemacht waren, brachte ihr das vermutlich den Spitznamen „Kandelhexe“ ein.

Speck, Brot und Chriesewässerle machen die Hex'

Sommers wie Winters lief Josefa Schuler barfuß herum, sie trug drei Röcke übereinander, auf dem Kopf saß ein ausgebeulter Männerhut, sie fing Frösche und schnorrte Zigarrenstumpen, die sie genüsslich in ihrer Pfeife rauchte. Sie trank gerne Schwarztee und ernährte sich hauptsächlich von Speck und Brot. Auch dem Chriesewässerle, dem Kirschwasser, soll sie nicht abgeneigt gewesen sein. Sie hatte ein robustes, bisweilen heiteres und frommes Wesen, und war weit und breit bekannt. Lief der Besenverkauf mal nicht so gut, entwendete sie schon einmal Eier aus der Küche einer Bäuerin und verkaufte ihr dieselben oder sie ließ manch Waldarbeiter vergeblich nach seinem Vesper suchen. Begegnete sie Wanderern, bettelte sie stotternd um Geld oder Tabak.

Bekam sie etwas, ließ sie sich bereitwillig fotografieren. Wahrscheinlich ist so das Postkartenmotiv entstanden, das es von ihr gibt und das man mit etwas Glück antiquarisch erwerben kann. Auf der Postkarte hockt Josefina Schuler mit ihren großen Ohren und den schwieligen Händen auf einer Wiese, den Männerhut über dem zerfurchten Gesicht und die Pfeife im Mund. Wer sich selbst ein Bild von ihr machen will, findet an den Wänden der Gaisfelsenhütte, die am Kandel-Höhenweg liegt, Fotos vom Plattenwieble.

„Hier ruht Josefa Schuler, Plattenwieble“ ist noch heute auf dem schmiedeeisernen Grabkreuz zu lesen.
„Hier ruht Josefa Schuler, Plattenwieble“ ist noch heute auf dem schmiedeeisernen Grabkreuz zu lesen. - © Martin Schley

Am 15. Dezember 1936 ist Josefa Schuler im Alter von 82 Jahren auf dem Langeckerhof gestorben, auf dem sie auch geboren wurde. Begraben ist sie auf dem Friedhof in St. Peter. Ihre geliebte Pfeife wurde ihr ins Grab mitgegeben. „Hier ruht Josefa Schuler, Plattenwieble“ ist noch heute auf dem schmiedeeisernes Grabkreuz zu lesen.

Auch wenn sie seit vielen Jahrzehnten unter der Erde ist, lebt das Plattenwieble noch heute. Wieder auferstanden ist sie als Fasnetfigur, sie ist Namensgeberin einer Narrenzunft und in Mundarttheatern werden immer wieder Stücke über sie aufgeführt. Zudem gibt es organisierte Wanderungen rund um den Kandel, bei denen kundige Naturparkführer die Geschichte vom Plattenwieble, von der Kandelhexe, von Josefa Schuler erzählen. 

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