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Der erste Skiläufer auf dem Feldberg Wie ein Tag im Februar den Schwarzwald veränderte

Am 8. Februar 1891 steigt ein Mann mit zwei Holzbrettern in Titisee aus der Höllentalbahn. Die Bretter sind vorn seltsam spitz zugebogen. Nach seinem Ziel befragt, erntet er ungläubiges Kopfschütteln. Auf den Feldberg? Im Winter? Mit diesen Brettern? Undenkbar! Vor 125 Jahren ist der Feldberg ein einsamer, wilder Gipfel auf dem eisige Stürme toben. Wer dort im Winter hinauf will, muss verrückt sein. Oder ein unerschrockener Abenteurer.

von Birgit-Cathrin Duval, 01. November 2014

Ein bärtiger Sonderling mit Holzbrettern: Dr. Robert Pilet, französischer Diplomat und Globetrotter.
Ein bärtiger Sonderling mit Holzbrettern: Dr. Robert Pilet, französischer Diplomat und Globetrotter. - © Gemeinde Feldberg

Es ist ein kalter aber sonniger Februarmorgen als der Dampfzug von Freiburg kommend den Bahnhof in Titisee erreicht. Ein Mann in seltsamer Bekleidung, zwei langen Brettern und einem Holzstock in den Händen steigt aus dem Zug. Ein Bauer, so erzählt man später im Dorf, sei mit seinem Pferdeschlitten an dem Mann vorbeigefahren und hätte ihn gefragt, woher er denn sein seltsames Narrenkostüm habe. Es war Fasnacht, und viele Einwohner halten die Ausrüstung für einen originellen Faschingsscherz.

Sonderling, Globetrotter, Pionier

Der bärtige Sonderling mit den Holzbrettern ist Dr. Robert Pilet, französischer Diplomat und Globetrotter. Geboren 1858 in Rennes, entdeckt er früh seine Leidenschaft für ferne Länder und Expeditionen. Als 22-Jähriger wagt er die Besteigung des fast 4.000 Meter hohen aktiven Volcán de Fuego im Süden Guatemalas. Von 1883 bis 1894 ist sein Dienstsitz im französischen Konsulat in Mannheim, später wird er zum Vizekonsul in Kopenhagen berufen. Auf seinen Reisen nach Skandinavien lernt Pilet die Holzbretter, die man „Schi“ nennt, kennen und lieben, mit denen man scheinbar schwerelos über den Schnee gleiten kann.

Bevor er nach Deutschland zurückkehrt, lässt er sich ein Paar solcher Schneeschuhe anfertigen. Die Skier wählte der Postverwalter aus Bergen in Norwegen aus. Er ist selbst ein ausgezeichneter Skiläufer und kennt sich mit den Skiern bestens aus. Es sind leichte, aber starke Schneeschuhe aus Telemarken, gefertigt aus bestem Jolar-Holz. Zurück in Deutschland ist Pilet im Odenwald auf den Skiern unterwegs. Doch das Gelände befriedigt den abenteuerlustigen Franzosen nur wenig. Pilet sucht sich eine neue Herausforderung – und wird im Schwarzwald fündig. Damals war der Feldberg wild und schroff, ein eisiges, unzugängliches Gelände, mit steilen Abhängen und Wächten, von denen Lawinen ins Tal donnerten.

Pilet gefällt der Gedanke, auf seinen norwegischen Schneeschuhen den höchsten Gipfel des Schwarzwalds zu erklimmen. Über 80 Jahre zuvor, im Jahr 1808/1809 wagten sich Studenten aus Freiburg auf den tief verschneiten Gipfel. Dabei nutzten sie die im Schwarzwald geläufigen Schneebretter, aus Holz gefertigte Reifen, die mit einem Tuch bespannt waren, und die man sich unter die Schuhe schnallte. Doch das Vorankommen an den Steilhängen war äußerst beschwerlich und gefährlich. Kein Wunder, dass sich niemand dort hinaufwagte.

Pilet wählt den Aufstieg über Bärental. Ein Wanderer legt die ca. zehn Kilometer lange Wegstrecke Bärental – Feldberger Hof im Sommer in rund zwei bis drei Stunden zurück.  An jenem 8. Februar 1891 liegen über zwei Meter Neuschnee auf dem Berg. Pilet muss über 1.000 Höhenmeter aufsteigen. Kein einfaches Vorhaben, wenn man bedenkt, dass es damals keinerlei Wegmarkierungen gegeben hat. Robert Pilet weiß, auf was er sich einlässt. Er ist gut ausgerüstet und verfügt über eine gute Kondition. Er beherrscht das Skifahren, kennt sich in Gefahrensituationen aus und verfügt über einen messerscharfen Instinkt, der ihn mehr als einmal aus Gefahren gerettet hat.

R. Pilet, Dr., Heidelberg, mit norwegischen Schneeschuhen

Rund fünf Stunden später steht der 33-Jährige auf dem 1.493 Meter hohen Gipfel des Feldbergs. Der Anblick muss selbst für den weit gereisten Globetrotter überwältigend gewesen sein: Er blickt auf das Herzogenhorn mit seiner mächtigen Wächte, im Süden reckt sich die Alpenkette majestätisch in den blauen Winterhimmel. Den Gipfel genießt er in stiller Einsamkeit. Nur das Knarzen des Pulverschnees unter seinen Skiern ist zu hören.

Als er am späten Nachmittag zum Feldberger Hof hinunter kommt, trägt Pilet seine Gipfelbesteigung ins Gästebuch ein: „R. Pilet, Dr., Heidelberg, Februar 8. 1891, mit Norwegischen Schneeschuhen“. Es ist die Geburtsstunde des Skilaufens im Schwarzwald und in Mitteleuropa.

Am 6. März 1891 findet sich ein weiterer Eintrag Pilets im Gästebuch des Feldberger Hofes. An diesem Tag soll es zu einer denkwürdigen Begegnung auf dem Feldberg gekommen sein: Pilet trifft auf eine Gruppe junger Männer aus Todtnau, die auf den Skiern eines Todtnauer Arztes, erste Versuche wagen. Einer von ihnen ist Fritz Breuer, der wenige Monate später den ersten Skiclub gründen wird.

An den französischen Feldbergpionier erinnert heute der Straßenname „Dr.-Pilet-Spur“ auf dem Feldberg beim Feldberger Hof.

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