Fanny Mayer und der Feldberg „Feldbergmutter“, Hotelmanagerin und Skifahrerin der ersten Stunde

Die gebürtige Freiburgerin war einst so berühmt, dass ein aus Honolulu verschickter Brief, nur mit der Anschrift „Fanny Mayer, Deutschland“ versehen, bei ihr auf dem Feldberg eintraf. Ihr Name steht maßgeblich für die Entwicklung des Feldbergs zum viel besuchten Skigebiet.

von Heidi Knoblich, 05. Februar 2016

Fanny Mayer Portrait
Fanny Mayer Portrait - ©  Archiv Thomas Lexer

Es wäre wohl anders gekommen, hätte sich am 25. Februar 1881 die dreißigjährige Fanny Mayer, dem Hilferuf ihres Bruders folgend, nicht todesmutig in das Abenteuer gestürzt, sich vom Menzenschwander Waldhüter ein Seil umlegen und im Schneesturm in ihrem knöchellangen Kleid  durch den meterhohen Schnee das Menzenschwander „Mareieloch“ hinauf zum Feldberg ziehen zu lassen. Dann wäre der erste Skifahrer, Dr. jur. R. Pilet auf norwegischen Schneeschuhen, am 8. Februar 1891 vor den verschlossenen Türen des einzigen und längst verlassenen Gasthauses gestanden.

Was war geschehen? Der gelernte Hotelfachmann Carl Mayer ist 27 Jahre alt, als er 1879 das höchstgelegene Gasthaus des Schwarzwalds von der Kurgesellschaft Menzenschwand als Pächter übernimmt. Zwei Jahre zuvor hat er sich bei dessen drittem Pächter A. Hils verdingt. Ein im Militärdienst zugezogenes, unheilbares Lungenleiden hat ihn der Höhenluft wegen auf den Feldberg geführt. Schon bald nach der Übernahme des Gasthauses heiratet Mayer Veronika Bregger aus Bernau. Am 18. Februar 1881 bringt sie auf dem Feldberg ihren Sohn Oskar zur Welt, den ersten auf dem Feldberg geborenen Menschen.   

Ein Hilferuf vom Bruder und Fanny eilt

Die Winter in den 1880er Jahren sind streng, lang und einsam. Und sie sind geprägt von extrem starken Schneefällen. Dies wird Mayers im Kindbett liegenden Frau zum Verhängnis: Ein Arzt ist zum Aufstieg auf den Feldberg nicht zu bewegen. In seiner Verzweiflung lässt Mayer im Menzenschwander Vorderdorf ein Telegramm an seine in Basel in Diensten stehende Schwester Fanny aufgeben: Das Kind ist geboren. Die Frau hat das Fieber. Ich bitte Dich, komm!“

Nach einer langen Schlittenfahrt das Albtal hinauf steht Fanny Mayer nun am späten Nachmittag des 25. Februar 1881 vor Menzenschwander Bauern. Diese weigern sich, sie im Schneesturm  mit dem Fuhrwerk auf den Feldberg zu bringen. Schlussendlich zieht sie also der hiesige Waldhüter Valentin Maier an einem Seil um den Bauch von Schneewehe zu Schneewehe zum Feldberg hinauf – eine sechsstündige Tortur, an die sich beide ihr Leben lang erinnern werden.

Als sie oben ankommen, ist die Schwägerin tot. Ihrer wohlbestellten Dienststelle bei der Basler Adelsfamilie Gemuseus entrissen und ratlos ob so viel Not, greift Fanny Mayer nach einer Schürze und beginnt, dem Bruder zu helfen. Ein paar Wochen nur will sie bleiben. Doch der Feldberg wird für sie zum Schicksalsberg. Mit ihrem Einzug erhält das Gasthaus, das im Winter kaum einen Gast sieht, seine Seele.

Fanny Mayer: ihr Name steht maßgeblich für die Entwicklung des Feldbergs zum viel besuchten Skigebiet
Fanny Mayer: ihr Name steht maßgeblich für die Entwicklung des Feldbergs zum viel besuchten Skigebiet - © Archiv Thomas Lexer

Die Existenzgründung

Unerbittlich gegen sich selbst baut sie mit ihrem Bruder auf dem Feldberg eine Existenz auf. Der Spruch „Aushalten und Haushalten bringt Segen“ wird ihr zur Maxime, denn oftmals decken die Einnahmen die Ausgaben kaum. Fanny zerschneidet ihre weißen Spitzenunterröcke und näht daraus Kissen für die Fremdenzimmer. Den durchnässten Feldbergbesuchern, die im Sommer vorbeikommen, stellt sie Strohschuhe hin, reicht ihnen eine warme Suppe und trocknet und bügelt ihre Kleider. Sogar das eigene Bett räumt sie, um auch noch den letzten Wanderer unterzubringen. Jeder Groschen ist lebenswichtig.

Als sich dann zehn Jahre später Dr. Pilet als erster Mensch auf Skiern in das Fremdenbuch des „Feldberger Hofs“ einträgt, findet er ein wohlgeführtes und renommiertes Hotel vor.Dessen Besitzer sind seit fünf Jahren Carl und Fanny Mayer. Das Geschwisterpaar erkennt sofort die Bedeutung, die diesen „Schneeschuhen“ einmal zukommen wird. Es veranstaltet im „Feldberger Hof“ eine große Ski-Ausstellung und begeistert die Freiburger Studenten für diesen Trendsport. Noch im November dieses ereignisreichen Jahres wird im „Feldberger Hof“ der Todtnauer Ski-Club gegründet, aus dem u. a. der Deutsche Ski-Verband hervorgehen wird.

Fanny Mayers Klugheit, ihre Weitsicht und ihr Einfühlungsvermögen ziehen in den 53 Jahren, die sie auf dem Feldberg verbringt, neben Skisportlern auch bedeutende Persönlichkeiten aus der Welt der Kunst, der Politik und der Geisteswissenschaften an, darunter das Großherzogspaar, Prinzessin Feodora, Schwester der letzten deutschen Kaiserin, den späteren Papst Pius XII. und Richard Strauß. Die Filmemacher Fanck, Allgeier und Trenker drehen auf dem Feldberg ihre Ski-Filme und logierten bei Fanny Mayer im „Feldberger Hof“.

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„Ein kranker Bruder, ein hilfloses Kind, ein paar alte Pfannen und von irgendwoher eine Stimme „Nur Mut, es wird schon gehen!“  - so hab‘ ich angefangen,“

" Fanny Mayer

wird sie später aus ihren ersten Jahren auf dem „Feldberg Hof“ erzählen. Die „Feldbergmutter“, als die Fanny Mayer über die Landesgrenzen hinaus bekannt wurde, starb 1934 im Alter von 83 Jahren. Die Bewohner des „Feldberger Hofs“ ehrten ihr Andenken mit einer Gedenktafel neben dem Eingang der von ihr 1889 erbauten Kapelle. Die Inschrift lautet: „Der Feldbergmutter Fanny Mayer, 8. April 1851 – 9. Juni 1934, der Gründerin des Feldbergerhofes und Stifterin dieser Kapelle zum Gedächtnis. Sie lebte gütigen Herzens und klugen Geistes, eine fürsorgende Mutter, allen ein Vorbild.“  

Ihr Neffe Oskar Mayer, dem sie über 53 Jahre die Mutter ersetzte, wurde selbst ein begeisterter Anhänger und Förderer des Skisports, nachdem er als zehnjähriger Bub Dr. Pilet auf Skiern auf dem Feldberg gesehen hatte. Als erster deutscher Skispringer beteiligte er sich an Wintersportwettkämpfen in der Schweiz, wo er jeweils den ersten Preis für den weitesten und schönsten Sprung errang. Im Jahr 1905 übernahm er den „Feldberger Hof“ und führte ihn mit seinem Freund und Compagnon Albert Schladerer aus Staufen zu einem Hotelunternehmen von Weltruhm. Oskar Mayer starb 1949 mit 68 Jahren auf einer Geschäftsreise.

Heidi Knoblichs historischer Roman „Winteräpfel“ aus dem Leben der „Feldbergmutter“ ist in der neunten Auflage zum 125-jährigen Skijubiläum als reichbebilderte Jubiläumsausgabe erschienen.

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