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Wie ein 12-Jähriger Bub aus Bernau zum ersten Ski-Produzenten Mitteleuropas wurde Schwarzwälder Self-Made vor 125 Jahren

Im Februar 1890 sitzt der zwölfjährige Ernst Köpfer an seinem harten Holzpult in der Bernauer Grundschule. Der Unterricht langweilt ihn. Er kann es kaum abwarten, bis die Schule aus ist. Er will raus in den Schnee. Während er seinen Tagträumen nachhängt und aus dem Fenster schaut, sieht er einige Männer an der Schule vorbeigehen. Mit einem Schlag ist Ernst hellwach. Die Männer gehen nicht, sie gleiten. Auf langen Holzbrettern und mit Stöcken, als würden sie über den Schnee schweben. Ernst ist völlig fasziniert. So etwas hat er noch nie gesehen, doch er spürt sofort, dass das etwas ganz Großes ist.

von Birgit-Cathrin Duval, 01. November 2014

© Walter Strohmeier

Die Männer auf den Brettern, es sind Touristen aus Norwegen, gehen ihm nicht mehr aus dem Kopf. Ungeduldig rutscht er auf seinem Stuhl herum, bis die Schule aus ist. Anstatt nach Hause zu gehen, folgt er den Spuren der Bretter im Schnee. Sie führen ihn zum Gasthof „Schwanen“. Dort stehen die Bretter an der Hauswand. Ernst betrachtet die langen, vorne spitz zugebogenen Hölzer und die darauf angebrachte Konstruktion, mit der sie an die Schuhe gebunden werden, ganz genau. Dann rennt er zum elterlichten Hof und berichtet seinem Vater von der eben gemachten Entdeckung: 

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„Vater, i ha öbbis gseh’, un des hät mer gfalle, un des git bestimmt emol e G’schäft!“

" Ernst Köpfer

(Vater, ich habe was gesehen, das mir gefällt, und das sicher mal zum Geschäft wird), stößt er atemlos aus, viel zu aufgeregt, um Luft zu holen.

Die Vision

Sein Vater, ein bodenständiger Schwarzwälder Holzschnefler, der in seiner Werkstatt Krauthobel fertigt, lässt sich den Floh seines Sohnes ins Ohr setzen. Gemeinsam mit Ernst macht sich Karl Köpfer an die Arbeit und fertigt nach den Beschreibungen seines Sohnes 1892 den ersten handgemachten Ski im Schwarzwald mit dem Ernst das Skilaufen erlernt. 1896 kauft die Gendarmerie und Forstbeamte aus St. Blasien sechs Paar Ski von Ski-Köpfer. Es ist der Beginn einer erfolgreichen Firmengeschichte. Weitere Abnehmer fand er in der Einwohnerschaft von Bernau. Außerdem nutzten die Schulkinder Skier für den Schulweg im Winter. Der Feldberger Hof, der viele begeisterte Skisportler beherbergte, kaufte ebenfalls Skier beim Ski-Köpfer ein.

Ernst feilt weiter an seiner Vision. 14 Jahre später, im Jahr 1906, meldet Ernst Köpfer seiner Skier unter der Marke „Feldberg“ beim Kaiserlichen Patentamt Berlin an. Das in Holz eingebrannte Feldberg-Logo wird zum Erkennungs- und Gütezeichen. Mit 26 Jahren ist Ernst Köpfer der erste Skifabrikant in Mitteleuropa.

Die Fertigung erfolgte in vier Arbeitsschritten: Zunächst wurde die Grundform aus Holz zurechtgeschnitten, danach wässerten die Ski über Nacht im Brunnentrog. Die Biegung der Skispitze wurde durch das „Bähen“ erzielt, bei dem der Ski über eine Woche hinweg auf einem Wagenrad mit Gurten eingespannt wurde, bis die gewünschte Biegung an der Skispitze erreicht war. Anschließend wurden die Ski eine weitere Woche über der Glut gewärmt, zum Schluss wurde die Bindung, bestehend aus Meerrohrbinse, Rinderlederkappe, Halteriemen und Fangband, montiert.

© Walter Strohmeier

Köpfer ist nicht nur ein exzellenter Fabrikant, sondern selbst leidenschaftlicher – und sehr erfolgreicher – Skiläufer und gefragter Skilehrer. Mit seinen Feldberg-Skiern erringt der Bernauer zahlreiche Erfolge bei Ski-Meisterschaften und Wettrennen. Als Skipionier ist er maßgeblich an den Entwicklungen des Skisports im Schwarzwald beteiligt und ist Mitgründer der Skizunft Bernau. 1908 lässt er seine lenkbare Achsenbindung patentieren.

1919 feiert der erfolgreiche erste Skifilm „Das Wunder des Schneeschuhs“ Premiere. Der Film präsentiert die besten Skiläufer der damaligen Zeit vor atemberaubender Kulisse, darunter auch der Schwarzwald. Die Aufnahmen der Skifahrer, die mit waghalsigen Sprüngen von der Wächte am Feldberg springen sind spektakulär. Und natürlich springen sie mit Skiern der Marke Feldberg. Eine tolle Werbung für Ernst Köpfer und seine Skimanufaktur in Bernau.

Der Ski und das Skifahren bestimmen das Leben von Ernst Köpfer. 1940, mit 62 Jahren, legt er die Prüfung zum Staatlichen Skisportwart ab. Bis ins hohe Alter steht er in seiner Werkstatt und fertigt seine Feldberg-Skier. Bis 1954 werden rund 10.000 Paar Ski von Hand in seiner Skimanufaktur in Bernau hergestellt.

Wie fit ihn die Leidenschaft für den Skisport hält, beweißt seine Teilnahme 1954 an einem Langlaufwettbewerb über acht Kilometer. Mit 76 Jahren steht Ernst Köpfer am Start und läuft die Strecke in 57 Minuten. Es soll sein letztes Wettrennen sein.

© Walter Strohmeier

Im selben Jahr stirbt der beliebte und allseits geachtete Ski-Köpfer, wie man ihn überall nennt. Seine Verdienste um den Skisport sind unvergessen. Das Museum Ski-Köpfer in Bernau-Kaiserhaus, das Köpfers Enkel, Walter Strohmeier, liebevoll im Geburtshaus seines Großvaters aufgebaut hat, zeigt das beachtliche Werk des Bernauer Skifabrikanten. Dort ist die Marke Feldberg noch immer lebendig und erinnert an die Blütezeit der Skiherstellung und die Anfänge des Skisports im Schwarzwald. 

Das Self-Made Modell Herzogenhorn – Nachfolger der Marke Feldberg

Markus Hilpert wohnt nur einen Steinwurf vom Ski-Köpfer-Museum entfernt. Der Bernauer ist, wie jeder Schwarzwälder, auf Skiern groß geworden. Und so reifte in dem 44-Jährigen Maschinenbauingenieur lange der Wunsch nach einem handgemachten Ski. „Mein Ski kann man natürlich nicht mit den Skiern von Ski-Köpfer vergleichen“, erzählt Hilpert. Doch eins haben sie gemeinsam: „Sie sind beide aus Liebe und Leidenschaft zum Skisport entstanden.“ Hilpert benannte seinen Ski nach dem Hausberg Bernaus, dem 1.415 Meter hohen Herzogenhorn,

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„weil man auf ihm die Schönheit und Urkräfte unserer Heimat erleben kann.“

" Markus Hilpert

Die Skier baute sich Markus Hilpert in der Werkstatt seines Schwiegervaters. Endlose Stunden verbrachte er mit Recherchen und Planen des Skis, der in klassischer Sandwichkonstruktion gebaut wurde. Hilpert verwendete einen stabverleimten Eschenholzkern mit stehenden Jahresringen. Nach dem Laminieren der einzelnen Schichten wurden die Ski 24 Stunden mit einer Presskraft von achteinhalb Tonnen verpresst und ausgehärtet. Danach wurden die Ski-Seitenwangen gefräst, der Ski verschliffen, das Holzfurnier mit Parkettöl eingeölt, das Deckblatt geschliffen und die Bindung montiert. Rund 15 Stunden benötigen diese Arbeiten.

Die erste Testfahrt mit Aufstieg und Abfahrt vom Spießhorn hat der Ski mit Bravur bestanden. Für Markus Hilpert hat sich damit ein Traum erfüllt: Ein selbst gebauter Tourenski, wie geschaffen für die wunderbaren Tiefschneeabfahrten vom Herzogenhorn. Und nach über 60 Jahren gibt es wieder Ski „made in Bernau“.

Gut zu wissen

Skimuseum Ski-Köpfer, Kaiserhausstr. 27, 79872 Bernau im Schwarzwald
Termine für Gruppenführungen/Veranstaltungen auf Anfrage bei Walter Strohmeier
Telefon 07675 1088, E-Mail: info@ski-koepfer.de 
www.ski-koepfer.de
Ski Modell Herzogenhorn: www.herzogenhornski.jimdo.com

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