Wie eine große Familie Im Bahnhof Seebrugg wurde einst im Kreis der Eisenbahner Weihnachten gefeiert

Weihnachten ist das Fest der offenen Türen und offenen Arme. Nirgendwo wurde dieser Satz vermutlich so mit Leben gefüllt wie Mitte des vergangenen Jahrhunderts im Bahnhof Seebrugg. Damals war es üblich, dass Lokführer und Zugpersonal nach der letzten Fahrt am Endbahnhof der Dreiseenbahn verblieben und hier übernachteten – selbst an Heiligabend. Dennoch musste keiner von ihnen das Fest einsam feiern. Eine Weihnachtsgeschichte aus dem Hochschwarzwald.

von Matthias Maier, 10. September 2020

Zeit für Nostalgie - seit Jahren fahren historische Museumszüge auf der Dreiseenbahn an den Sommerwochenenden und rund um Weihnachten.
Zeit für Nostalgie - seit Jahren fahren historische Museumszüge auf der Dreiseenbahn an den Sommerwochenenden und rund um Weihnachten. - © H. Jeschke

Weihnachtlich war Johann nicht gerade zumute, an diesem Heiligabend des Jahres 1950. Seit den Mittagsstunden hatte er im Führerstand seiner Dampflokomotive gestanden, aus dem Heizkessel war ihm bei jedem Nachfüllen der Kohlen ein glühender Hitzeschwall entgegengeströmt. Die Streckenführung der Dreiseenbahn – vom Titisee zum Windgfällweiher und dann immer am Schluchsee entlang bis zur Endstation in Seebrugg – kannte er als Lokführer seit Jahren auswendig. Doch heute war die Arbeit noch ein Stück mühsamer gewesen: Den ganzen Tag über hatte es im Hochschwarzwald heftig geschneit, zwischendurch hatte eine dampfbetriebene Schneeschleuder die Gleise wieder befahrbar machen müssen.

Jetzt war seine Schicht endlich zu Ende, sein Dienstgefährt im Lokschuppen abgestellt, das Licht ausgemacht. Feierabend. Es war kurz vor halb neun Uhr abends. Noch immer schneite es. Johann musste einen Moment lang an seine Frau, seine Kinder und seinen gemütlichen Sessel denken. Sie alle mussten heute Abend ohne ihn auskommen – und er ohne sie. Wie immer nach der Spätschicht würde er hier in Seebrugg übernachten, gemeinsam mit dem restlichen Zugpersonal, und morgen früh zu Dienstbeginn wieder in seine Lok steigen. Weder er noch der Heizer oder der Schaffner besaßen eines dieser kostspieligen Automobile, mit dem man hätte nach Hause fahren können, um im Familienkreis Weihnachten zu feiern. Nein, diese Möglichkeit war ausgeschlossen – und angesichts der Schneemassen auf den Straßen sowieso. Mit müdem Blick nahm Johann seine Schirmmütze ab, wischte sich den Schweiß von der Stirn und stapfte langsam zum Personalraum. Dort konnte er endlich raus aus seinen schmutzigen Arbeitskleidern und unter die Dusche.

Gut 20 Minuten später öffnete er die Tür zum Bahnhofsgebäude und trat in den menschenleeren Wartesaal. Ein vertrauter Duft stieg ihm in die Nase, den er sofort erkannte. Würstchen mit Kartoffelsalat. Aus dem Obergeschoss drang leise, aber klar vernehmbar ein vielstimmiger Gesang. „Stille Nacht“, dachte Johann. Über sein Gesicht huschte ein Lächeln. Wenn er schon nicht zuhause sein konnte, war das hier sein nächstliebster Ort, an dem er den Heiligen Abend verbringen wollte: in der Wohnung des Bahnhofsvorstehers, gemeinsam mit dessen Familie sowie dem Heizer und dem Schaffner. Sie alle kannten sich seit vielen Jahren und waren inzwischen nicht nur Arbeitskollegen, sondern gute Freunde geworden. Und sie hatten auch schon in der Vergangenheit Weihnachten und Silvester zusammen gefeiert…

In den harten Wintern zu früheren Zeiten kam es nicht selten vor, dass die Mitarbeiter der Bahn ihre Nächte im Bahnhofsgebäude verbrachten - auch zu Weihnachten oder Silvester.
In den harten Wintern zu früheren Zeiten kam es nicht selten vor, dass die Mitarbeiter der Bahn ihre Nächte im Bahnhofsgebäude verbrachten - auch zu Weihnachten oder Silvester. - © Eduard Stiasny/Sammlung 3 Seenbahn

Abende wie diesen gab es im Bahnhof Seebrugg bis in die 70er- und 80er-Jahre hinein. Auch wenn die Geschichte von Johann, dem Lokführer, frei erdacht ist – so oder so ähnlich hat es sich damals zugetragen im Hochschwarzwald. Annemarie Steinle aus Schluchsee, die als Tochter des Bahnhofsvorstehers Horst Winter in Seebrugg aufwuchs, kann sich heute noch gut an diese Weihnachtsfeste erinnern, wenn sie an ihrer Kindheit zurückdenkt. Dann sieht sie nicht nur Geschenke, einen geschmückten Baum und ihre Eltern vor sich. In ihrer Erinnerung tauchen immer auch wohlbekannte Gäste auf, die eigentlich nicht zur Familie gehörten – aber irgendwie eben doch. „Lokführer und Schaffner waren wie Onkel für uns“, erzählt sie, „man sah sie regelmäßig“.

Da die Fahrpläne damals bei Weitem nicht so eng getaktet waren wie heutzutage, blieben Züge an Haltestellen auch mal eine Weile stehen. Manchmal lud der örtliche Fahrdienstleiter das Zugpersonal dann zu einem Kaffee ein. In diesen Pausen blieb Zeit für Austausch, Geselligkeit, Gespräche – und es bildeten sich Freundschaften.

Mit der Lok den Heimweg abgekürzt

„Für mich war das wie eine große Familie damals“, sagt Annemarie Steinle rückblickend. Wenn sie mittags von der Schule nach Hause kam und an der Abzweigung nach Grafenhausen aus dem Schulbus stieg, wurde sie an den meisten Tagen bereits erwartet. „Unser Gepäckarbeiter hat mich mit der kleinen roten Lok bei den Rothaus-Waggons abgeholt“, erinnert sie sich. Statt eines zehnminütigen Fußmarsches ging es für die kleine Annemarie im Zug das letzte Stück über das Bahnhofsgelände bis an den heimischen Essenstisch. „An diesem Bahnhof war immer Leben“ – Heiligabend und Silvester gemeinsam zu verbringen, gehörte da einfach dazu. „Meine Mutter hat Platten gerichtet sowie den Klassiker Würstchen mit Kartoffelsalat“, weiß sie noch, „meistens griff Papa dann im Lauf des Abends irgendwann zur Gitarre“.

Nachdem es in den zurückliegenden Jahrzehnten allmählich still wurde um den Bahnhof Seebrugg, will die Interessengemeinschaft (IG) 3-Seenbahn das Gelände nun wieder dauerhaft zum Leben erwecken. Der Verein bietet bereits seit Jahren an den Sommerwochenenden sowie rund um Weihnachten Fahrten mit historischen Museumszügen und Dampfloks auf der Dreiseenbahn an. Nun soll auf dem Areal in Seebrugg in den kommenden Jahren ein großes Freilichtmuseum entstehen. Nicht allein die Entwicklung der Dreiseenbahn wird dabei im Mittelpunkt stehen, sondern ebenso die Veränderungen des Wirtschafts- und Alltagslebens im Hochschwarzwald, die damit einhergingen, erklärt der IG-Vorsitzende Jens Reichelt.

Wenn das Freilichtmuseum in einigen Jahren eröffnet ist, wird Annemarie Steinle sicherlich auch mal vorbeischauen. Ihre Kindheit im Bahnhof Seebrugg prägt sie bis heute. „Die damalige Atmosphäre veranlasste mich offensichtlich, in Papas und Opas Fußstapfen zu treten – jetzt eben in der modernen Variante“, erzählt sie lächelnd und deutet dabei auf ihren PC im Bahnhof Neustadt, wo sie Kunden zu ihren Reisemöglichkeiten berät. „Ein Hauch von dieser Bahnhofsnostalgie ist heute noch in unseren Neustädter Nebenräumen zu erahnen“, ergänzt sie. „Alt, verstaubt – und doch noch mit gewissem Flair.“ Einem Flair, das sie an die Weihnachtsfeste früherer Zeiten erinnert.

Die Dreiseenbahn führt vom Titisee vorbei am Windgfällweiher entlang des Schluchseeufers nach Seebrugg und wieder zurück. Während der Fahrt bietet sich ein wunderschöner Blick auf die umliegende Landschaft und die Seen.
Die Dreiseenbahn führt vom Titisee vorbei am Windgfällweiher entlang des Schluchseeufers nach Seebrugg und wieder zurück. Während der Fahrt bietet sich ein wunderschöner Blick auf die umliegende Landschaft und die Seen. - © Mathias Dersch

Eisenbahn-Nostalgie

Zwischen den Jahren vom 28.12 bis 31.12.2020 haben Sie die Möglichkeit die Winterlandschaft des Schwarzwalds auf einer der Sonderfahrten mit den historischen Zügen auf der Dreiseenbahn zu entdecken.
Weitere Informationen finden Sie unter 3seenbahn.de.

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