Ein Hoch auf unsere Ältesten Charakterköpfe vor der Kamera

Der Starfotograf zu Besuch in der Bauernstube: Wie die Ausstellung „Hoch leben die Wälder“ entstanden ist, die die ältesten Einwohner des Hochschwarzwaldes feiert.

von Matthias Maier, 28. Januar 2019

© Manfred Baumann

Irgendwann kann Maria das Lachen nicht mehr zurückhalten. Sie legt ihr Strickzeug beiseite, hält sich die Hände vors Gesicht und kichert wie ein junges Mädchen. Um ihre Mundwinkel und die leuchtenden Augen herum treten tiefe Lachfalten zutage, geformt in den 88 Jahren ihres Lebens.

Der Grund für Maria Saiers ausdauerndes Kichern kniet vor ihr auf dem knarzigen Holzboden ihrer Stube, kommt aus Wien und ist von Beruf Promi-Fotograf: Manfred Baumann hat schon Weltstars wie Kirk Douglas, Omar Sharif, Lionel Richie und Bruce Willis in ihren Privatvillen in Hollywood abgelichtet. Heute jedoch gastiert er in Marias Privatvilla, die auf den schicken Namen Pfändlerhannisenhof hört und ein stilechter Hochschwarzwälder Bauernhof ist, zwar ohne Swimmingpool, dafür mit herrlicher Aussicht auf die grünen Höhen rund um St. Märgen – und hat mit der Schlagfertigkeit der Hausherrin mächtig zu kämpfen.

Porträt von Maria Saier
Porträt von Maria Saier - © Manfred Baumann

Wie gewünscht hat Maria Saier sich auf ihrer Kachelofenbank niedergelassen. In die Kamera gelächelt. Sich von den beiden riesigen Blitzsystemen nicht irritieren lassen. Die reichen fast bis zur Decke ihrer Stube. Sie hat sogar ihre Strickutensilien für den Fotografen hervorgekramt. Als der aber ein Garnknäuel in die Hand nimmt und von ihr wissen will, wie sie so etwas bezeichnet, runzelt Maria die Stirn und antwortet mit keckem Unterton:

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„Das ist Wolle – das wissen Sie doch!“

" Maria

Ja, sie hatten viel Spaß miteinander, der Promi-Fotograf und seine doch etwas betagten Models. 15 Frauen und Männer aus dem Hochschwarzwald hat Manfred Baumann zusammen mit seiner Frau und Managerin Nelly in ihrem Zuhause besucht und abgelichtet. Beim Schindelmachen und Füttern der Hasen, im Fernsehsessel und auf dem Oldtimer-Motorrad. Gemeinsam haben die Porträtierten eines: ein sehr hohes Alter. Zu sehen sind die Fotos in der Ausstellung „Hoch leben die Wälder“, die am 9. Mai 2019 in Hinterzarten eröffnet wird.

Lambert Wehrle lässt sich für die Ausstellung
Lambert Wehrle lässt sich für die Ausstellung "Hoch leben die Wälder" ablichten. - © Hochschwarzwald Tourismus GmbH

Hochschwarzwälder Humor

Nicht nur bei Maria Saier in St. Märgen kam Manfred Baumann mit dem trockenen Humor der Hochschwarzwälder in Berührung. In Breitnau erzählte ihm Edelbert Faller (82) nach dem Shooting von seiner großen Leidenschaft, der Imkerei. Und von der Gefahr des Zementhonigs. Der kann durch einen zu hohen Gehalt der falschen Zuckerart entstehen, verstopft die Waben und kostet viele Bienen das Leben. „Und wos mochst dann?“, fragte Manfred Baumann teilnahmsvoll in seinem Wiener Dialekt. Edelbert wusste die Antwort: „Ä langs Gsicht!“

Bemerkenswert an diesen Episoden sind einerseits die Heiterkeit, Lebensfreude und Zufriedenheit, die die Fotomodelle während der Aufnahmen ausstrahlten, trotz – oder vielleicht gerade wegen – ihres hohen Alters. Bemerkenswert waren auch die Offenheit und Herzlichkeit, mit der dem Fotografen und seiner Entourage aus der großen fernen Stadt die Tür zum eigenen Heim geöffnet wurde – auch wenn anfangs fast überall der Satz fiel: „Jesses, wer kommt da noch alles herein?“ Und nicht zuletzt war bemerkenswert, mit wie viel Gespür und Einfühlungsvermögen Manfred Baumann den alten Menschen begegnete, wie er aufrichtiges Interesse an jedem einzelnen zeigte, wie er mit seinem Wiener Schmäh anfängliche Berührungsängste hinweglächelte. Und mit welcher Leichtigkeit, Gelassenheit und in welchem Tempo er ein Fotoshooting nach dem anderen durchzog.

Helmut Kürner auf seinem Oldtimer-Motorrad.
Helmut Kürner auf seinem Oldtimer-Motorrad. - © Manfred Baumann

Wie das Leben so spielt

Unzählige Menschen hatte der 51-jährige Österreicher bereits vor der Kamera, auf allen Erdteilen, von der Oscar-Preisträgerin bis zum Obdachlosen. Und doch haben die alten Hochschwarzwälder ihn beeindruckt.

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"Das sind teilweise schon Wahnsinnsgeschichten",

" Manfred Baumann

resümierte er nach den Aufnahmen. Besonders im Gedächtnis war ihm die Erzählung einer weiteren Maria, die von Maria Möllinger aus Titisee, geblieben: Mitten im tiefsten Winter kündigte sich im abgelegenen Schulhaus in Eckbach die Geburt ihres zweiten Kindes an. Da das Pferd im tiefen Schnee alsbald schlapp machte, zogen sechs Männer von den umliegenden Höfen den Hornschlitten mit der Hochschwangeren in vier Stunden durch das Jostal zum Neustädter Krankenhaus – gerade noch rechtzeitig für den Kaiserschnitt.

Es sind bewegte Lebensgeschichten, aus denen die 15 Frauen und Männer erzählen können. Manche von ihnen wurden zu Stammvätern und -müttern von Großfamilien. Wie Maria Möllinger: 9 Kinder, 17 Enkel, ein knappes Dutzend Urenkel. Oder Anton Rießle: 9 Kinder, 23 Enkel, 27 Urenkel. Die Aufzählung ließe sich fortführen.

Manfred Baumann lockte den ehemaligen Olympiasieger Georg Thoma vor die Linse.
Manfred Baumann lockte den ehemaligen Olympiasieger Georg Thoma vor die Linse. - © Manfred Baumann

Unter den Porträtierten ist auch ein Olympiasieger. Georg Thoma, 81, ließ sich in „seinem“ Skimuseum in Hinterzarten fotografieren und zeigte Manfred und Nelly Baumann die Zeugnisse seiner großen Karriere. Und wie Thoma dann neben seinen alten Skiern auf der Ofenbank posierte und der Fotograf hinter der Kamera ihn neckisch aufforderte: „Schauen Sie bitte zu mir – ich bin zwar nicht so schön wie meine Frau…“, da lächelte die ergraute Skilegende nur und entgegnete ganz nonchalant: „Jaja, wie sie kommen, werden sie genommen.“

Gut zu wissen

Impulsgeber zur Ausstellung „Hoch leben die Wälder“ waren aktuelle Auswertungen des Statistischen Bundesamtes und des Statistischen Landesamtes Baden-Württemberg, die besagen: Nirgendwo in Deutschland haben Menschen eine höhere Lebenserwartung als im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald. Männer können im Schnitt auf 80,9 Lebensjahre hoffen, Frauen sogar auf 84,9. Beeindruckende Zahlen. Noch beeindruckender sind allerdings jene Hochschwarzwälder, die diese Prognosen bereits jetzt übertroffen haben. 15 von ihnen hat der renommierte Fotograf Manfred Baumann besucht und mit seinen Bildern porträtiert. Zu sehen war die Ausstellung "Hoch leben die Wälder" am 10. Mai 2019 im Kurhaus Hinterzarten.

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