Heiße Kugel Wie aus dem Spiel mit dem Feuer eine runde Sache wird

von Anita Fertl, 01. Juni 2019

© Anita Fertl

Schwer geschafft haben sie früher im Schwarzwald bei ihrer schweißtreibenden Arbeit vor dem Ofenloch: Die Rede ist von den Glasbläsern, die hier ab dem 12. Jahrhundert ihr Handwerk ausübten. Noch heute gibt es einige wenige. In der Glasbläserei in Altglashütten kann man Glasbläser Peter Eckhardt bei seiner Arbeit zusehen. Oder sogar selbst Hand und Mund anlegen und ein eigenes Kunstwerk erschaffen – ein Werkstattbesuch.

Vor fünf Minuten noch waren sie laut und lebhaft, doch jetzt sitzen sie ruhig, sind völlig gebannt. Ein Zauberer ist Peter Eckhardt für unsere Kinder, einer, der mit Feuer hantiert und mit bloßen Händen dünne, hohle Glasstäbe in eine 1500 Grad heiße Flammen hält. Dann dreht und zieht er den Werkstoff, bis er weich wird, schwingt und bläst abwechselnd und erschafft so seine glasigen Kunstwerke.

Aber auch die Kinder selbst verzaubert er: Erst sitzen sie klein, verhuscht und etwas ängstlich auf dem Stuhl, die Flamme vor Augen, die mit zischendem Laut aus dem Brenner schießt, den Glaskörper erhitzt und formbar macht. Doch kaum ist der dünne Glasstab am Mund, verlieren sie ihre Schüchternheit, blasen konzentriert, und mit der gläsernen Murmel, die vor ihren Augen zur Kugel wächst, wird auch das Selbstvertrauen immer größer.

Familienwettblasen um die größte Kugel

„Und wer will jetzt?“, Eckhardt blickt fragend in die Runde. Die 8-jährige Helen ist es, die unser kleines, familieninternes Wettblasen um die größte Kugel eröffnet. Zuerst darf sie sich aussuchen, welche Farbe ihr Kunststückchen später haben soll, denn die Muster – Glasrohre mit ovalen, verschiedenfarbigen Köpfen – bereitet der Glasbläser schon im Vorfeld vor. Eckhardt erklärt den Ablauf, lässt das Kind am noch kalten Glas probepusten, dann schmeißt er seinen Gasbrenner an. „Früher“, erzählt er, „benutzte man eine Öllampe. Deshalb heißt es noch heute ‚Glasblasen vor der Lampe‘, was ich hier mache“, erklärt er die Technik.

Eckhardt ist ein Könner, das sieht man. Vor 44 Jahren erlernte der gebürtige Wertheimer in der Glasstadt an Tauber und Main sein Handwerk und hat schon seit 1982 seine Werkstatt im Hochschwarzwald. Als er noch im Glasmuseum Wertheim arbeitete, wurde er vom ehemaligen Besitzer, der sich theoretisch mit Glas auskannte und noch jemanden für den praktischen Part suchte, angeworben. „Ich wollte nur ein paar Monate bleiben und bin jetzt schon 37 Jahre hier“, sagt Eckhardt schmunzelt. „Ich fühle mich wohl, der Hochschwarzwald ist meine Heimat.“ Anderthalb Jahre arbeite er als Angestellter, seither führt der 60-Jährige den Glasbläserhof in Eigenregie und produziert Schmuckstücke, Skulpturen, Gläser, Vasen und vieles mehr.

Hitzefestes Glas und die richtige Technik

Der Glasbläser arbeitet mit Händen und Füßen, und das noch gleichzeitig: Mit Fußpedalen reguliert er die Größe der Flamme, die jetzt das Glaskügelchen am Stab umschließt und in ein gelboranges Feuerbällchen verwandelt. Zugleich dreht er unentwegt mit der linken Hand, bis das Glas weich ist wie Honig: „Das, worauf es ankommt, ist das Drehen. Wichtig sind dabei die Motorik, die richtige Geschwindigkeit und die Dauer, wie lange man das Stück verformen kann. Das ist eine wirkliche Übungssache, dafür braucht man lange“, sagt der Glasbläser, der schon an die 100.000 Stücke gemacht hat. Dabei benutzt er ausschließlich hitzefestes Borosilikatglas, das große Temperaturunterschiede aushält, ohne dass es platzt.

„Achtung, gleich ist es so weit, jetzt pusten!“, die Glasröhre wandert an Helens Mund. Das Kind bläst, Eckhardt dreht, und unter „ja, suuper, mehrmehrmehrmehr, super gut“, wächst und wächst der Glasball, wird größer und größer. „Perfekt, so groß wie meine“, lobt der Meister, und das Kind strahlt so sehr wie vorher der Glasfeuerball. „Das ist, wie mit dem Röhrchen Blubberblasen machen, ganz einfach!“

Ohje, die Luft geht bald aus. Was jetzt?

Aha. Das wollen nun auch wir Großen genauer wissen, und schon dreht Eckhardt ein weiteres Muster in der Flamme, bis es die richtige Konsistenz hat: „Jetzt!“ So, wie es der Experte im Vorfeld erklärt hat, soll die Luft erst langsam und später stärker durch das Blasrohr fließen. Kann ja nicht so schwer sein. Also angesetzt und – „laaangsam“, instruiert Eckhardt, zieht das Glasstück etwas zurück, denn sonst verliert es die Form. Ging es anfangs noch fast zu einfach, wird das Blasen nun immer mühsamer, denn das Glas ist schon abgekühlt. Nur langsam wächst die Kugel, aber ohje, die Luft ist bald alle. Was jetzt? Umfallen? Nochmal Luft holen? Besser nicht. Also weiterblasen, langsam, gezielt, auf den letzten Rutsch, bis – „Jetzt ist gut“ – der Experte das Geschaffene absegnet.

„Meine ist größer!“ triumphiert Helen, und, so angeheizt, versucht auch das 6-jährige Nesthäkchen Lise ihr Glück, so dass wir schon bald eine ganze Familienkugelbande zusammen haben: klein, mittel, groß – und mit riesengroßem Spaß gemacht.

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