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Hochschwarzwälder Schneemenschen I Geschichten vom Winter auf dem Wald

Besinnlich und schön? Oder trostlos, einsam und viel zu kalt? Was trieben die Schwarzwälder von einst in den langen dunklen Wintermonaten? Der Hochschwarzwälder Langlaufpionier Wolf Hockenjos über den Winter einst und heute.

von Patrick Kunkel, 19. Januar 2017

Schneemenschen? Was tun die
Schneemenschen? Was tun die "Wälder" im tiefen Winter? - © Patrick Kunkel

Wie war das eigentlich früher, im Winter auf dem Wald? Was trieben die Hochschwarzwälder bevor Schneepflüge die Wege zwischen den Höfen räumten? Bevor Zentralheizung und Fernsehen auch noch die letzten Winkel der alten, abgeschiedenen Welt auf den Höhen eroberten? Und als die Winter noch echte Winter waren! Oder gab es auch damals schon schneearme Jahre auf den Höhen?

„Die Winter waren meist hart und kernig. Und sie waren lang“, sagt Wolf Hockenjos. Der pensionierte Förster ist in Sankt Märgen mitten im Herrgottswinkel des Hochschwarzwalds aufgewachsen. „Als ich ein Bub war, da waren Ski noch das wichtigste Fortbewegungsmittel und weniger ein Sportgerät“, sagt er und schiebt lachend hinterher: „Wobei wir schon ziemlich viel Spaß auf den Brettern hatten. Aber ohne Ski wären wir gar nicht aus dem Wald herausgekommen. Die Leute auf den Höfen haben Ski benutzt, um ins Dorf zu fahren oder um sich gegenseitig zu besuchen.“

Der Schwarzwaldwinter und das Skifahren sind ganz wichtige Themen im Leben des Forstmannes. Als Erwachsener gründete Hockenjos das Loipenzentrum Thurnerspur in St. Märgen und hob den Fernskiwanderweg Schonach-Belchen aus der Taufe.

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„Ich liebe den Winter auch dann, wenn er sich von seiner harten Seite zeigt.“

" Wolf Hockenjos

Als Förster fasziniert ihn der tief verschneite Wald auf ganz spezielle Art: „Bei frisch gefallenem Neuschnee sehe ich die Spuren des Wilds – und plötzlich wird mir klar, was eigentlich los ist im Wald und wie reichhaltig der Tierbestand ist.“ Auf Langlaufski ist der 76-jährige Hockenjos bis heute bei jedem Wetter unterwegs: „Mal durch dichten Wald, mal über Weiden, mal im Nebel und mal mit Ausblicken. Wenn man da ganz alleine durch den Winterwald gleitet, das macht einen besonderen Reiz aus, vor allem, wenn die Bäume bizarr bereift sind. Den Fernskiwanderweg habe ich jetzt acht Jahre nicht mehr gemacht. Leider. Aber ich musste meiner Frau schwören, dass ich vernünftig werde und die hundert Kilometer nicht mehr am Stück fahre.“

Den Klimawandel und das drohende Ausbleiben des Schwarzwaldwinters sieht er gelassen: „Sicher werden wir uns an den Klimawandel gewöhnen müssen. Aber früher gab es auch immer mal Schneeflauten. In den Neunzigern war der Winter auch schon mal totgesagt. Und dann kam er mit aller Kraft zurück.“

Schwarzwälder Urgestein und Langlaufpionier: Wolf Hockenjos
Schwarzwälder Urgestein und Langlaufpionier: Wolf Hockenjos - © Patrick Kunkel

Von seinem Wohnort auf der Baar ist Hockenjos mit dem Auto schnell auf der Thurnerspur bei St. Märgen, selbst wenn es friert und heftig schneit. Kurz nach dem zweiten Weltkrieg waren die Straßen im Schwarzwald weit weniger zugänglich. Damals gab es allenfalls Pferdeschneepflüge. „Aber selbst ein Sechsspanner ist irgendwann nicht mehr durchgekommen“, sagt Hockenjos. Einmal fuhren er und sein Bruder vom Internat „unten in Freiburg“ am Wochenende nach Hause. Bei St. Peter sei der Postbus im tiefen Schnee stecken geblieben: „Telefon hatten wir ja damals“, sagt er lachend: „Da kam uns der Vater aus St. Märgen per Ski entgegen und trug auf dem Buckel zwei Paar Ski für uns. So sind wir dann doch noch Heim gekommen.“

Eingeschneit: Bevor der Ski in den Schwarzwald kam

Und bevor der Ski in den Schwarzwald kam? Ganz einfach: Die alten Schwarzwälder Bauern ließen sich einschneien. Sie hatten ja keine Wahl. „Es muß vorzeiten auf dem Wald eine harte und dumpfe Zeit gewesen sein, als die Menschen für Monate auf ihren Höfen eingesperrt waren, allein mit dem Vieh, mit Dreschflegel und Spinnrad, Karten und Kriesenwasser, Strohsack und Ofenbank“, schrieb Wolf Hockenjos' Vater Fritz, der kurz nach dem zweiten Weltkrieg Förster in St. Märgen wurde, in seinem Buch „Wäldergeschichten über die entbehrungsreichen Winter.

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„Sicher werden wir uns an den Klimawandel gewöhnen müssen. Aber früher gab es auch immer mal Schneeflauten.“ 

" Wolf Hockenjos

„In den Neunzigern war der Winter auch schon mal totgesagt. Und dann kam er mit aller Kraft zurück.“ Wenn der Winter hereinbrach, dann oft genug mit aller Wucht. Der Schriftsteller Lucian Reich formulierte Mitte des 19. Jahrhunderts eine eindrückliche Beschreibung des „Winters auf dem Wald“: „Glücklich, wenn's den Bewohnern gelingt, bis zum Nachbar einen Tunnel zu schaufeln, zu erkundigen, ob dieser noch am Leben sei. Nur Raben und Schneegeier überflattern das öde Gefilde, während scharfe Windswehen hohe, weiße Schanzen und Wälle vor die Hütten werfen, so daß der Hausvater des Morgens weder Läden noch Hausthüre zu öffnen vermag, weil der Schnee draußen bis an die Dachtraufe reicht.“

Aber die Isolation auf den Höfen hatte wohl auch ihr Gutes. Das war die große Zeit der Geschichtenerzähler. Man war gefesselt an das Haus. Diese winterlichen Bauernstuben waren die Keimzellen der alten Legenden und Geschichten. Hätte den „Wäldern“ schon früher der Ski als Fortbewegungsmittel zur Verfügung gestanden, meint Wolf Hockenjos, und hätten die Bauern daher winters nicht so ausdauernd auf der „Kunscht“, dem mächtigen Reiswellenofen gesessen, „dann wäre die Menschheit wohl um einiges ärmer. Die langen Winter und die winterliche Weltabgeschiedenheit der Höfe haben die Menschen im Schwarzwald geprägt. Sie brachten jene Charaktereigenschaften zuwege, die noch heutigentags den Schwarzwaldbauern nachgesagt werden: Die weniger guten wie Dickschädeligkeit und Verdrucktheit, aber auch die guten wie Gastfreundlichkeit und die Lust am Tüfteln und Sinnieren.“

"Als ich ein Bub war, waren Ski noch Fortbewegungsmittel - kein Sportgerät!", erzählt Wolf Hockenjos - © Patrick Kunkel

Einmal saß Fritz Hockenjos um 1950 in der Stube der Gschwanderdobelbäuerin, einer alten Frau mit krummem Buckel und „verrumpfeltem Gesicht“. „Sie kam ins Erzählen, derweil die Finger hurtig weiterliefen und der Fuß das Rad antrieb: 'Vor fünfzig Jahren, als ich auf den Gschwanderdobelhof kam, hat man noch nichts von Schneeschuhen gewusst. Es hat früher viel mehr Schnee hergeworfen als heutigestags, und man ist da oft wochenlang eingeschneit gewesen. Man hat die Frucht gedroschen und Holz gescheitet; da und dort hat man Uhrengestelle gemacht für die Fabrik, aber es ist früh finster geworden. Die Weibervölker haben gesponnen, und die Mannsvölker sind auf der Ofenbank gesessen den lieben langen Abend, haben geraucht und das Fidle gewärmt.Und man erzählt, es sei vorgekommen, daß auf manch einem abgelegenen Ort, wenn im Winter eines starb, man das Tote vors Haus in den Schnee legen mußte, bis im Frühjahr der Weg zum Gottesacker offen war.'

Die Gschwanderdobelbäuerin hielt eine Weile inne, dann fuhr sie fort: 'Der Wind hat ums Haus geheult und vor den Fenstern Schneewächten aufgebeigt, daß man schier nimmer darüber hinaus sah, und manch ein Höflein hat man überhaupt nimmer gefunden vor lauter Schnee. Darum leben bei uns ja auch Mensch und Vieh unter einem Dach. Und man erzählt, es sei vorgekommen, daß auf manch einem abgelegenen Ort, wenn im Winter eines starb, man das Tote vors Haus in den Schnee legen mußte, bis im Frühjahr der Weg zum Gottesacker offen war.'“

Idylle auf der Ofenbank

Dann kam der Ski in den Schwarzwald und plötzlich war die winterliche Isolation zumindest abgemildert. Hockenjos Vater Fritz schreibt gar: „Wäre um 1900 nicht der Schneeschuh auf den Wald gekommen, so würden wohl schon damals an vielen Orten die Menschen auf und davon sein. Der Ski ist ein rechter Segen für den Schwarzwald geworden.“ Später, in den 1990er Jahren, diagnostizierte Hockenjos einen starken gesellschaftlichen Wandel „auf dem Wald“: „Vieles hat sich hierzulande verändert, mehr als in den hundert Jahren zuvor; der Herrgottswinkel liegt auch nicht hinterm Mond.“

Wie würde der alte Hockenjos den heutigen Trubel auf den Schwarzwaldhöhen wohl empfinden? Schon damals schrieb er: „Heute kommen im Winter viele Menschen mit den Skiern herauf, zu ihrem Vergnügen, aber wer weiß etwas vom Winter auf dem Wald?“

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„Wer den Skilauf nur als Sport betreibt, dem entgeht das Beste!“

" Wolf Hockenjos

Das dürfte Hockenjos' Sohn Wolf wohl unterschreiben. Doch trotz des Rummels rund um die Skipisten – einsame, abgeschiedene Ecken gibt es auch heute noch. Die Nordseite des Feldbergs zum Beispiel: „Ich pflege den Feldberg auf dem Fernskiwanderweg über den Grüblesattel zu überqueren, also vom Rinken hinten hoch. Dort ist der Feldberg wirklich noch Schwarzwald pur. Es ist überwältigend, wenn man von Hinterzarten hochläuft: Dieser Schlittweg durch tief verschneiten Wald, dann kommt man in die windverblasenen, baumfreien Höhen und sieht die Alpen vor sich. Das ist für einen Schwarzwälder schon ein Erlebnis. Ich habe schon Teilnehmer am Rucksacklauf gesehen, die es als Wettkämpfer eigentlich eilig haben, und dennoch da oben schon stehen geblieben sind, weil sie so ergriffen waren.“

Hochschwarzwälder Schneemenschen II
Hochschwarzwälder Schneemenschen III

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