Zeiten des Umbruchs Familie Ketterer hat den Wandel der Landwirtschaft miterlebt

Drei Generationen leben auf dem Deisenhof in Oberaltenweg bei Titisee. Im Leibgedinghaus unterhalb des großen Bauernhofes, dort wo früher Mühle und Getreidespeicher waren, wohnen Albert Ketterer und seine Frau Hilda. 2005 haben sie den Hof an ihren Sohn Wolfgang, das mittlere ihrer drei Kinder, übergeben. Landwirt Wolfgang Ketterer bewirtschaftet zusammen mit seiner Frau Annett und den Kindern Jonas und Emma den mehr als 200 Jahre alten Deisenhof.

© Gabriele Hennicke

In der Stube sitzen Großvater, Vater und Sohn am Tisch und blättern in der Höfechronik Titisee- Viertäler aus dem Jahr 1996. Auch der Deisenhof ist in der Chronik vertreten, er wurde im Jahr 1796 neu errichtet. Der ursprüngliche Hof, dessen Nachweis bis aufs Jahr 1707 zurückgeht, war am 9. März 1796 abgebrannt. „Schauen Sie mal, was hier steht“, sagt Wolfgang Ketterer (48) betroffen und zeigt auf das, was damals der fünften Generation auf dem Deisenhof widerfahren ist. „Bei diesem Brand ist die Mutter samt ihrer zehnjährigen Tochter den Flammen erlegen. Der Vater, ein Josef Heitzmann, der bereits die übrigen Kinder gerettet hatte, kehrte ins brennende Haus zurück, um Frau und Tochter zu retten und kam ebenfalls in den Flammen um.“ Dessen Sohn Anton Heitzmann, der auf einen Schlag beide Eltern und eine Schwester verloren hatte, musste im Alter von nicht einmal 14 Jahren den Hof übernehmen. Für den Wiederaufbau musste er sich hoch verschulden. „Bereits im Januar 1797 wurde der Hof wegen Verschuldung versteigert und so kam er in die Familie Ketterer“, erzählt der heutige Bauer. Er ist die nunmehr 14. Generation auf dem Bauernhof, der oberhalb des Golfplatzes des Golfclubs Hochschwarzwald gelegen ist. „Ich wäre dann der 15. Bauer auf dem Hof“, stellt der dreizehnjährige Jonas fest, der die 8. Klasse der Realschule besucht. Jonas kann sich vorstellen, den Hof zu übernehmen, soll sich aber nicht verpflichtet fühlen, sagen Vater und Großvater unisono.

Der Deisenhof
Der Deisenhof - © Gabriele Hennicke

Wie Traktor und Melkmaschine auf den Hof kamen

Vieles hat sich verändert seit Albert Ketterer – Bauer Nr. 13, wie es in der Höfechronik heißt – als Ältester von sechs Kindern den Hof übernommen hat. Der heute 80-Jährige erinnert sich noch gut daran, wie während der 1940er-Jahre das Getreide auf der Heubühne gedroschen wurde. Angetrieben wurde die Dreschmaschine mit der Wasserkraft der Mühle über einen Transmissionsriemen, der durchs Dach des Bauernhofes geführt wurde. „Wie alle Höfe waren wir Selbstversorger, bauten Kartoffeln, Roggen, Hafer und Gemüse an, hatten etwa 15 Kühe. Außerdem Pferde der Rasse Schwarzwälder Füchse für die Feldarbeit, vier Schweine, Ziegen, Schafe, Hühner. Die Milch brachten wir in 40-Liter-Kannen zum Milchhäusle nach Titisee. Von dort wurde sie mit dem Zug nach Freiburg zur Molkerei, der heutigen Schwarzwaldmilch, gebracht“, erinnert er sich. Melken war Frauensache, das erledigte seine Mutter zusammen mit der Magd – bis 1952 ausschließlich von Hand. Erst eine Herzerkrankung der Mutter brachte den Vater, der diesbezüglich altmodisch war, dazu, eine Melkmaschine anzuschaffen, berichtet Albert Ketterer.

„Sonst hätte er es selbst machen müssen“, sagt er augenzwinkernd. Albert Ketterer wiederum hat seinem Vater 1958 den ersten Traktor abgetrotzt. Zwei Monate lang redete der Vater anschließend nicht mehr mit ihm. Der Traktorkauf war ein bedeutender Schritt zur damaligen Zeit: Man hatte wenig Geld, aber immerhin eine Rinderzucht. Auf dem Deisenhof züchtet man bis heute Vorderwälder, eine alte Rinderrasse, die sich hervorragend an die Verhältnisse im Schwarzwald angepasst hat. Mit dem Verkauf von drei Bullen, für die man damals je 3000 DM erzielen konnte, war der größte Teil des Kaufpreises von 14 000 DM für den Eicher Allrad Traktor ED 26 zusammen. „Heute bekommt man genauso viel für einen Bullen, nämlich 1 500 Euro, allerdings kostet der Traktor ein Vielfaches, 100 000 Euro sind da schnell zusammen“, wirft Wolfgang Ketterer ein. Er kann sich noch gut an diesen Traktor erinnern; „dahinten ist er doch mal umgekippt“, sagt er und zeigt aus dem Fenster. Albert Ketterer kam damals mit dem Traktor samt Heuwender von der steilen Wiese ab und kippte mit dem Gespann auf die Seite. Glücklicherweise ist ihm nichts passiert und der Traktor hatte auch nur einige Schrammen.

Nachweise des Deisenhofes gehen bis auf das Jahr 1707 zurück.
Nachweise des Deisenhofes gehen bis auf das Jahr 1707 zurück. - © Gabriele Hennicke

Jonas kennt sich mit Traktormodellen bestens aus. Er bringt einen Spielzeugkatalog mit Landmaschinen und zeigt das Modell. Opa Albert bedauert inzwischen, dass man den Traktor in den 70er-Jahren verkauft hat. Als historischer Traktor wäre er heute ein Vielfaches wert.

Vom Selbstversorger zum Milcherzeuger

Der Strukturwandel in der Landwirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten wird auch an der Entwicklung des Deisenhofs deutlich. Bis Anfang der 1980er-Jahre bauten die Ketterers noch Getreide und Kartoffeln an. Aus dem Getreide, das in der eigenen Mühle gemahlen wurde, buken sie selbst Brot. Die Kartoffeln dienten – neben der Versorgung der Familie – den Schweinen als Futter. Bereits in den 1970er Jahren entschied man sich dafür, sich künftig voll auf die Milchwirtschaft zu konzentrieren und baute den Stall um. Inzwischen ist bereits der nächste Stall angebaut, ein offener Laufstall, wie es das Tierwohl heute erfordert. Die Standbeine des heutigen Betriebs sind die Milcherzeugung durch etwa 50 Milchkühe samt Nachzucht, vier Ferienwohnungen mit drei und vier Sternen und die Holzgewinnung aus dem eigenen Wald. „In Titisee gab es vor 40, 50 Jahren insgesamt 40 Milchlieferanten, jetzt sind wir noch fünf. Ich bewirtschafte heute auch die Flächen von zwei benachbarten Höfen, das ist eine traurige Entwicklung“, sagt Wolfgang Ketterer.

Eine moderne Familie

Für Wolfgang Ketterer war schon mit 13 Jahren klar, dass er Bauer werden würde. Schon als Schüler hatte er mit dem Traktor die Milch zur Abholung an die Straße gefahren. „Schule war Nebensache, es war klar: Ich hab‘ später mal den Hof. Heute ist das ganz anders, wenn ich sehe, was Jonas alles lernen muss“, sagt er. Bis der 48-Jährige tatsächlich der 14. Bauer wurde, verging allerdings einige Zeit: Nach der landwirtschaftlichen Lehre arbeitete Wolfgang Ketterer erst mal auf dem Bau, verdiente eigenes Geld, besuchte die landwirtschaftliche Winterschule und qualifizierte sich zum Wirtschafter des Landbaus. Zwölf Jahre arbeitete er als Dachdecker, anschließend als Greenkeeper auf dem Golfplatz. In dieser Zeit reiste er nach Australien, Kanada und die USA, schnupperte die große Freiheit. „Wir haben gedacht, der kommt nicht mehr“, kommentiert sein Vater. Dann kam der junge Mann doch zurück. Die Heimat, Familie und Freunde fehlten eben doch. Er gründete eine Familie mit Annett aus der Großstadt Halle, die er inzwischen kennen und lieben gelernt hatte. 2005, nach der Geburt von Jonas, übernahm Wolfgang Ketterer den Bauernhof. Er engagiert sich im Vorstand des Bauernverbands auf der Kreisebene und auf der Ortsebene. Annett Ketterer kümmert sich um Ferienwohnungen, Haushalt und Kinder und arbeitet halbtags in einem Steuerbüro.

Drei Generationen leben auf dem Hof (v.l.): Landwirt Albert und Ehefrau Hilda, Enkelkind Jonas, Schwiegertochter Annett und Sohn Wolfgang, die den Betrieb 2005 übernommen haben. Nicht dabei ist Enkeltochter Emma.
Drei Generationen leben auf dem Hof (v.l.): Landwirt Albert und Ehefrau Hilda, Enkelkind Jonas, Schwiegertochter Annett und Sohn Wolfgang, die den Betrieb 2005 übernommen haben. Nicht dabei ist Enkeltochter Emma. - © Gabriele Hennicke

Ferienwohnungen statt Gästezimmer

Erste Großtat nach der Übernahme war gleich der Neubau des Wohnteils. Die Decken im alten Haus waren viel zu niedrig, das Dach kaputt. Der alte Wohnteil wurde komplett abgerissen und wieder aufgebaut, nur der große Kachelofen fand wieder seinen Platz in der Stube. „Wir sind froh, es ist hell und großzügig,  aber die alte Stube, die fehlt schon“, gibt Wolfgang Ketterer zu. Auch die vier Ferienwohnungen wurden modernisiert. „Angefangen haben wir schon 1973 mit Gästezimmern mit Frühstück“, schlägt Albert Ketterer den Bogen zu früheren Zeiten. Er erinnert sich gut daran, wie man an den Abenden mit den Gästen gemeinsam in der Stube saß. Es war gemütlich, er selbst spielte dann manchmal Akkordeon. Später stellte man auf Ferienwohnungen um. Die Gäste von heute sitzen zwar nicht mehr jeden Abend mit der Familie gemeinsam am Tisch, freuen sich dafür über den schönen Spielplatz, die Streicheltiere und die Landwirtschaft zum Mitmachen. Wie gerne manche Gäste im Deisenhof Ferien machen, zeigt ein Fotobuch eines Gastes, der Bilder aus 25 Jahren Urlaub auf dem Deisenhof zusammengestellt hat.

Ein Bild aus dem Fotobuch eines Gastes zeigt, wie der Deisenhof früher einmal ausgesehen hat.
Ein Bild aus dem Fotobuch eines Gastes zeigt, wie der Deisenhof früher einmal ausgesehen hat. - © Gabriele Hennicke

Gut zu wissen

Deisenhof/Familie Ketterer
Oberaltenweg 22
79822 Titisee

zum nächsten Reisebericht