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206 Aufenthalte, 576 Wochen, 11 Jahre Guy Hendel ist nicht nur Stammgast in Hinterzarten, sondern gehört fast schon zum Inventar

Das erste Mal im Schwarzwald stand unter keinem guten Stern. Auf dem Heimweg von einem Urlaub in der Schweiz ist dem Luxemburger Guy Hendel auf der Überholspur auf der Autobahn kurz vor Freiburg ein Reifen geplatzt.

von Barbara Bollwahn, 10. Juli 2015

Eine Wanderung zum Raimartihof am Feldsee gehört nach wie vor zu fast jedem Aufenthalt.
Eine Wanderung zum Raimartihof am Feldsee gehört nach wie vor zu fast jedem Aufenthalt.  - © Barbara Bollwahn

„Ich habe Blut und Wasser geschwitzt und konnte Gott sei Dank auf einen Parkplatz schlittern“, erzählt er. „Ich bin erst einmal fünf Minuten im Auto sitzen geblieben. Es war furchtbar.“ Als er sich beruhigt hatte, fiel ihm ein, dass die Frau eines Kollegen ihm schon mehrmals einen Besuch in Hinterzarten empfohlen hatte. „Das ist die Gelegenheit“, dachte er. Bleiben wollte er einen Tag. Doch es gefiel ihm so gut und weil er noch frei hatte, wurde daraus eine ganze Woche.

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„Ich habe mich gleich richtig wohl gefühlt und dachte, nächstes Jahr kommst du wieder.“

" Guy Hendel

Guy Hendel kam tatsächlich ein Jahr später wieder. Was er damals aber nicht ahnen konnte: Der Schwarzwald würde ihn nicht nur nicht mehr los lassen. Und: Der Schwarzwald würde sein Leben verändern.

Der "Wackes" aus Luxemburg

Es war das Jahr 1977, als der Reifen geplatzt ist. Seitdem ist der Luxemburger so oft in Hinterzarten gewesen, dass man sich fragt, wo sein Haupt- und wo sein Nebenwohnsitz ist. 206 Mal ist der leidenschaftliche Autofahrer bisher die knapp 400 Kilometer von seinem Heimatort Ettelbrück in den Schwarzwald gefahren, dessen Fläche fast drei Mal so groß ist wie das Großherzogtum. 576 Wochen seines Lebens hat der 69-Jährige bisher in Hinterzarten verbracht. Das entspricht elf Jahren seines Lebens, hat der pensionierte Lehrer für Mathematik, Deutsch und Französisch ausgerechnet. Aufenthalte von wenigen Tagen hat er nicht mit gerechnet. Seine Schwester in Luxemburg nennt ihn bisweilen „den Wackes“, eine früher abschätzige Bezeichnung für einen blöden Deutschen.

Eine Wanderung zum Raimartihof am Feldsee gehört nach wie vor zu fast jedem Aufenthalt.
Eine Wanderung zum Raimartihof am Feldsee gehört nach wie vor zu fast jedem Aufenthalt.  - © Barbara Bollwahn

Die ersten zehn Urlaube in Hinterzarten verbrachte Guy Hendel in verschiedenen Häusern. Danach, es gab noch die DM und kein Internet, schrieb er zehn Vermieter per Post an und Nelly und Bernhard Schwär vom „Gästehaus Lukas“ waren die Ersten, die zurück schrieben. Das war 1985 und seitdem gehört er zum „Haus Lukas“ wie der bronzene Hirsch, der Hirschsprung, zum Höllental. „Hier ist meine Familie“, sagt Guy Hendel. Der unverheiratete und kinderlose Mann ist der Patenonkel der mittlerweile erwachsenen Tochter seiner Vermieter, die im Rheinland lebt, wo er sie oft besucht. „Sie sieht mich manchmal öfter als ihre Eltern“, erzählt er und lacht. Seine Vermieter waren auch schon einige Male bei ihm in Luxemburg und auch zu deren mittlerweile verstorbenen Eltern hatte er ein enges Verhältnis. Als sie starben, war es keine Frage, dass er zur Beerdigung kam. Da wundert es nicht, dass Hendel, wenn alle Zimmer im „Haus Lukas“ belegt sind, im ehemaligen Kinderzimmer seiner Patentochter übernachtet, wo er einen DVD-Player, Drucker und Computer installiert hat.

Guy Hendel hat in den 38 Jahren, die er dem Schwarzwald die Treue hält, in seiner ersten Heimat so viel Werbung für seine zweite Heimat gemacht, dass ehemalige Schüler, Lehrerkollegen und Freunde längst auch Stammgäste sind. Und auch Winzer haben ihre Freude an dem treuen Gast. Jedes Jahr nimmt Hendel, der seine Vermieter immer mit luxemburgischen Weinen versorgt, zwischen 150 und 180 Flaschen Wein aus Baden-Württemberg mit nach Hause.

In Hinterzarten ist Hendel bekannt wie ein bunter Hund. Das hat auch damit zu tun, dass er nicht nur Urlaub dort macht, sondern sich einbringt als wäre er ein Einheimischer. Als er vor vielen Jahren mit bekam, dass das Geld für die Tracht eines neuen Mitglieds der Trachtenkapelle fehlte, spendierte er kurzerhand das Geld. „Oskar“, sagte er zum Vorsitzenden der Blaskapelle,

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„Ihr habt mir schon so viel Freude gemacht mit Eurer Musik, ich stifte die Tracht“.

" Guy Hendel

Hendel wollte aber nicht, dass das an die große Glocke gehangen wird. Doch beim Neujahrskonzert der Trachtenkapelle wurde er auf die Bühne gebeten, bekam Blumen und Applaus. „Von dem Augenblick an war ich anerkannt und fremde Leute grüßten mich auf der Straße“, erzählt er.

„Hier ist meine Familie“, sagt Guy Hendel, hier zu sehen im Urlaub mit seiner Mutter.
„Hier ist meine Familie“, sagt Guy Hendel, hier zu sehen im Urlaub mit seiner Mutter. - © Barbara Bollwahn

Zur Erholung: Nur Hinterzarten

Früher ist Hendel jeden Tag 30, 40 Kilometer gewandert, ins Jostal, zum Titisee, an den Feldsee. Nach mehreren Krebs- und Herzoperationen muss er kürzer treten. Doch eine Wanderung zum Raimartihof am Feldsee gehört nach wie vor zu fast jedem Aufenthalt. Brauchte er früher zwei Stunden für die Strecke, sind es nun fast doppelt so viel. „Man bäckt kleinere Brötchen“, sagt er. „Aber die schmecken besser!“ Als ihm der Arzt nach einer Operation Erholung verschrieb, kam für ihn nur Hinterzarten in Frage. „Mit einer Hand an der Wunde und einer Hand am Lenker“ fuhr er in den Schwarzwald. „Schlimm war die Ungewissheit“, erzählt Hendel, „sehe ich den Schwarzwald nochmal wieder?“

Er hat den Schwarzwald noch oft wieder gesehen seitdem. Und er schippt im Winter, wenn auch e weng langsamer als früher, wieder mehrmals am Tag bei seinen Vermietern Schnee. Seine Kardiologin ist beeindruckt, wie gut das seinem Herzen tut. Für Guy Hendel ist der Schwarzwald nicht nur ein zweites Zuhause. Er ist auch die beste Medizin.

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