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Achtung – privat! Wer sagt im Wald, wo es langgeht?

Einnahmequelle und Erholungsraum: Wie Besitzer von Privatwald den Spagat zwischen Bewirtschaftung und Tourismus schaffen.

von Matthias Maier, 14. März 2017

AFTERWORK
PARTY

Oft laufen fremde Menschen durch die Produktionsstätte von Roland Behringer aus Häusern – unangemeldet. Teilweise in Gruppen von 20 Leuten und mehr. Ein andermal kommen sie auf Fahrrädern, rauschen mit 40 Stundenkilometern durch den Bereich, in dem Behringer arbeitet und Geld verdient. Diese Besucher aus ganz Deutschland, sogar aus den USA und China, spazieren, rennen und radeln durch keine Fabrikhalle, auch keine Backstube. Behringer ist weder Metallbauer noch Bäcker. Er besitzt vielmehr ein zehn Hektar großes Stück Privatwald.

Der 56-Jährige stammt aus der benachbarten Gemeinde Dachsberg und wohnt seit 27 Jahren am südlichen Ortsrand von Häusern, wo der Hochschwarzwald langsam in den Hotzenwald übergeht. In seinem Waldstück „macht“ er selbst Holz, wie das Schlagen und Ernten unter Forstarbeitern genannt wird. Einen Teil davon verwendet er als Brennholz zum Heizen, die großen Stämme verkauft er. Mal direkt an ein Sägewerk, mal über die Forstbetriebsgemeinschaft Häusern/Albtal, einen Zusammenschluss von Waldbesitzern aus der Region.

Roland Behringer vermisst die gefällten Stämme.
Roland Behringer vermisst die gefällten Stämme. - © Matthias Maier

Gefährlicher Leichtsinn

Um die Besucher von Behringers „Produktionsstätte“ zu entlasten: In der Regel können sie nicht erkennen, dass sie sich in einem Privatwald bewegen. Fichten, Buchen, Haselnusssträucher – die meisten Waldstücke in Privatbesitz ähneln dem Forst um sie herum. Hinweisschilder am Eingang zu Privatwäldern sucht man vergebens. Ihre Grenzen werden mancherorts durch Holzpfosten markiert, oft auch durch Grenzsteine. In vielen Fällen haben die Besitzer sich jedoch einfach die Stellen gut eingeprägt, an denen ihre Parzelle beginnt und endet.

Grundsätzlich ist jedem das Betreten eines Privatwaldes gestattet, denn auch dieser soll eine Erholungsfunktion für die Bevölkerung erfüllen. Im Idealfall nehmen Besitzer und Besucher aufeinander Rücksicht. Das kann auch für Letztere Einschränkungen mit sich bringen: Während Fällarbeiten sind betroffene Wege und Pfade in der Regel gesperrt. Für Wanderer und Mountainbiker ist es zumeist sehr ärgerlich, wenn deswegen die sorgfältig geplante Tour spontan geändert und ein Umweg in Kauf genommen werden muss. Darum teilt Roland Behringer der Tourist-Information in Häusern bereits im Voraus mit, wann er Wege in seinem Waldstück sperren muss. Auch der Schwarzwaldverein weiß in der Regel Bescheid.

„Manche Waldbesucher“, sagt Behringer, „halten sich aber nicht an die Absperrungen.“ Ein gefährlicher Leichtsinn, der die Erholungssuchenden nicht nur selbst in Gefahr bringt, sondern auch für Waldbesitzer zum Problem werden kann. Bei einem Unfall müssen sie beweisen, dass sie der Verkehrssicherungspflicht in ihrem Wald nachgekommen sind und die Wege ordnungsgemäß abgesperrt haben.

Ein Zubrot, mehr nicht

Roland Behringer ist im und mit dem Schwarzwald groß geworden. Seine Familie besaß einen Hof und ein drei Hektar großes Waldstück. „Schon als kleiner Bub bin ich immer mit zum Holzmachen“, erinnert er sich. Im Vergleich zu seiner Jugend haben sich die Zeiten für Privatwaldbesitzer geändert – auch in der 1300-Einwohner-Gemeinde Häusern. „Heutzutage geht niemand mehr mit der Hobelzahnsäge in den Wald“, sagt Behringer. Stattdessen wird fast nur noch mit der Motorsäge gearbeitet. Auch wird das Holz nicht mehr wie früher mit Hilfe von Pferden gerückt, sondern zumeist mit dem Traktor.

After-Work-Party
After-Work-Party - © Matthias Maier

Der Privatwald im Häuserner Forstrevier ist sehr kleinstrukturiert. Die insgesamt 750 Hektar verteilen sich auf rund 200 verschiedene Besitzer. Durch Vererbung und Verkäufe sind zahlreiche Parzellen mittlerweile Menschen zugefallen, die gar nicht in der Region wohnen. Diese beauftragen zumeist die Forstbetriebsgemeinschaft oder einen Dienstleister damit, ihren Wald zu bewirtschaften und das Holz für sie zu verkaufen. „Es gibt unter den 200 Privatwaldbesitzern vielleicht noch 20, die selbst in ihrem Wald arbeiten. Der alte Brauch, dass man am Samstag zum Holzmachen geht, wird kaum noch gepflegt“, sagt Behringer. Denn dafür bedarf es einerseits einer nicht ganz billigen Ausrüstung und andererseits eines enormen Zeitaufwands. Wer neben einem Vollzeitjob nach Feierabend und am Wochenende noch in seinem Forst arbeitet, an jungen Bäumen einen Schutz vor Wildverbiss anbringt oder wuchernde Sträucher und Büsche entfernt, muss schon einiges an Leidenschaft dafür mitbringen – so wie Roland Behringer, der sich als Förster auch beruflich um den Zustand des Waldes kümmert. Seine zehn Hektar Privatwald bringen ihm im Jahr rund 4000 Euro an Erlös. Ein Zubrot, mehr nicht. „Reich wird man von Parzellen in dieser Größenordnung nicht“.

Kein Streit im Wald

Zwar achtet Behringer darauf, das Holz aus seinem Wald schonend und forstwirtschaftlich sinnvoll zu ernten. Mitunter hört jedoch auch er vorwurfsvolle Bemerkungen von Spaziergängern. „Die fragen dann: ‚Was habt ihr da wieder für eine Sauerei gemacht?‘“ Doch ganz ohne schweres Gerät gehe es in einem wirtschaftlich genutzten Wald nun mal nicht, hält er dagegen. Alles in allem seien Konflikte aber höchst selten. „Wenn man vernünftig miteinander redet, klappt das.“ Georg Leptig, der Vorsitzende der Schwarzwaldverein-Ortsgruppe Häusern, pflichtet ihm bei: „Im Bezug auf die Wegführung und das Betretungsrecht läuft es absolut harmonisch. Die verschiedenen Interessen von Waldbesitzern und Wanderern kommen gut aneinander vorbei.“

Schwere Maschinen erleichtern Privatwaldbesitzern die Arbeit
Schwere Maschinen erleichtern Privatwaldbesitzern die Arbeit - © Matthias Maier

Behringer weiß von anderen Waldbesitzern, dass auch sie Besuchern aufgeschlossen gegenüberstehen. „Es gibt da keine kritische Grundstimmung gegenüber Touristen oder so etwas“, ist er sich sicher. Viele haben auf ihren Höfen Ferienwohnungen und möchten den Wald ihren Gästen bewusst als Erholungsort zur Verfügung stellen. Und dass Wanderer oder Mountainbiker den Bäumen Schaden zufügen, indem sie etwa junge Triebe abreißen, komme so gut wie nie vor, sagt Behringer. Eine Bitte hat er jedoch: „Man sollte sich an die Absperrungen bei Waldarbeiten halten.“ Dann darf der Besuch sich in seiner Produktionsstätte gern ungeniert bewegen. 

Gut zu wissen

Wie die Privatwaldbesitzer, erhalten auch Förster einen tiefen Einblick in das Leben im Wald. Beispielsweise der ehemalige St. Märgener Förster Fritz Hockenjos, der von 1947 bis 1974 in den Wäldern der Region tätig war. Zu seinen Ehren wurde bereits vor einigen Jahren im Pfisterwald bei St. Märgen ein Naturlehrpfad erreichtet. Dieser wird zum Frühjahr 2017 komplett überarbeitet und wartet dann in neuem Gewand auf wissbegierige Wanderer. Der Pfad ist am besten über einen kurzen Fußweg von der Weißtannenhalle (Sportplatz 1 / 5, 79274 St. Märgen) zu erreichen.

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