translate translate

Birkenbesen kehren besser "Rascht ich, deno roscht ich."

Der Weg zum Besenbinder ist wahrlich nicht leicht zu finden. Man könnte meinen, Benedikt Kürner versteckt sich, so weit ab vom Schuss liegt sein Haus mitten im schwarzen Wald, einige Kilometer außerhalb von St. Peter. Nach einer Fahrt durch den Weiler Sägendobel und den vorderen Kandelberg weist zum Glück ein Holzschild am Wegesrand die Richtung zum Bayerhäusle. Der Schwarzwaldweg ist eine Sackgasse, an deren Ende auf 880 Meter Höhe das Bayerhäusle steht, erbaut am Ende des 15. Jahrhunderts oder am Anfang des 16. Jahrhunderts, so genau ist das nicht überliefert.

von Barbara Bollwahn, 15. Juli 2014

Der 79-jährige Benedikt Kürner ist einer der Wenigen, die noch solche Besen anfertigen können.
Der 79-jährige Benedikt Kürner ist einer der Wenigen, die noch solche Besen anfertigen können. - © Barbara Bollwahn

„Hoffentlich sind Sie nicht enttäuscht“, sind die ersten Worte, als Benedikt Kürner in blauer Arbeitskleidung und schwarzen Arbeitsschuhen, auf dem Kopf einen schwarzen Lederhut und in der Hand einen Besen aus Birkenreisig, vor seinen Hof tritt. Der 79Jährige ist einer der Wenigen, die noch solche Besen anfertigen können.

Besenmachen: Eigentlich eine Arbeit für den Knecht

Für ihn, ganz der bescheidene Schwarzwälder, ist das nichts Besonderes. Das sagt er auch gleich zur Begrüßung. „Das ist kein Handwerk, das ist ein Gebrauchsartikel.“ Mit leichter Hand fegt er Stroh und Schmutz zusammen und stellt den Besen in die Ecke.

Normalerweise ist das Besenmachen eine Tätigkeit für den Winter, die, bevor es industriell hergestellte Besen gab, von Knechten ausgeübt wurde. In der kalten Jahreszeit sind die Zweige besonders frisch und trocken. Aber ein alter Hase wie Benedikt Kürner, der schon als Schulbub Besen gefertigt hat und die Herstellung eins, zwei Mal im Jahr auf Festen und Bauernmärkten vorführt, kann auch im Sommer Besen fabrizieren, die ganz ohne Draht und Nägel auskommen.

„Man schaut, dass es vorne einigermaßen grad isch“, erklärt er, „denn vorne ist die Fläche zum Kehren“.
„Man schaut, dass es vorne einigermaßen grad isch“, erklärt er, „denn vorne ist die Fläche zum Kehren“. - © Barbara Bollwahn

Er hockt sich in den überdachten Teil des Hofes direkt neben dem Stall, im Schneidersitz sitzt er auf einem Holzschemel und zupft die Blätter von den Zweigen. Es ist eine Freude, zuzuschauen, wie das Reisig in seinen Händen nach seiner Pfeife tanzt.

„Es gab immer Birken im Schwarzwald“, erzählt er, „nicht in den Wäldern, aber am Rand“. Benedikt Kürner legt einen Reisigzweig auf den Oberschenkel und dreht und dreht und dreht ihn, als wäre er aus Gummi. „Das Holz spaltet sich in Fasern“, erklärt er, „und die lassen sich in alle Richtungen biegen“. Mit drei Bändern, die so entstehen, wird er zum Schluss den Besen zusammen binden. Dann greift er ein Bund Reisig, ordnet die Äste e weng und setzt sich darauf. „Man schaut, dass es vorne einigermaßen grad isch“, erklärt er, „denn vorne ist die Fläche zum Kehren“.

Man kaufte früher keine Besen, die machte man selbst!

Er verteilt das Reisig und dreht die Spitzen so lange, bis es passt. Dann holt er ein Taschenmesser aus der Hosentasche und schneidet die Äste des oberen Teils zurecht, in den später der Stiel hinein gesteckt wird. „Und jetzt kommt das Schönste“, kündigt er den Arbeitsgang an, der ihm besonders viel Freude macht. „Das untere Ende wird frisiert.“ Benedikt Kürner lacht. „Wie beim Friseur.“ Dann holt er wieder das Taschenmesser aus der Hosentasche und spitzt die Reisigbänder schräg an,  dass sie zu einer Art dicker Nadel werden. Mit aller Kraft zieht er eins nach dem anderen mehrmals durch das Reisig und zurrt sie fest. „Je öfter ich durchfahre, umso feschter wird der Besen.“

Nach etwa anderthalb Stunden ist das Werk vollbracht. „Fertig ist der Lack“, sagt Benedikt Kürner und greift sich einen ausrangierten Besenstil. Mehrmals und wieder mit ganzer Kraft stößt er den Stil in das zusammengebundene Reisig hinein, da kommt seine Frau Klara hinzu. „Mein Opa hat auch Besen gemacht“, erzählt sie, „man hat keine anderen gekauft“. Bis in die 80er Jahre hinein hat sie die gute Stube mit Birkenreisigbesen sauber gemacht. Heute benutzen die Kürners die Besen nur noch im Stall und auf dem Hof. Ein alter Spruch heißt: „Herbst und Winter werden kommen, Blätter und Schnee auch, wer ein' Birkenbesen hat genommen, fegt nach altem Brauch.“

„Das untere Ende wird frisiert.“ Benedikt Kürner lacht. „Wie beim Friseur.“ Nach etwa anderthalb Stunden ist das Werk vollbracht.
„Das untere Ende wird frisiert.“ Benedikt Kürner lacht. „Wie beim Friseur.“ Nach etwa anderthalb Stunden ist das Werk vollbracht. - © Barbara Bollwahn

Es sind nicht nur die Besen, die an alte Zeiten erinnern. Auch das Leben von Benedikt Kürner ist eine Remineszens an früher. Er hat im Bayerhäusle das Licht der Welt erblickt, ebenso seine zehn Geschwister, von denen eins gestorben ist. Von seinen sechs Kindern sind die ersten vier auch in dem Haus mitten im Wald zur Welt gekommen.

Nicht zum reich werden, aber praktisch

Eine Lehre, eine Ausbildung hat er nicht gemacht, und doch hat er sein ganzes Leben lang gearbeitet, als Landwirt, Dachdecker, Zimmermann. Bis 2009 war er auch als Fleischbeschauer unterwegs, im Winter fuhr er bisweilen auf Skiern zu Hausschlachtungen. Für Benedikt Kürner war das kein Problem. Viele Jahre war er bei der Läufergarde des Skiclubs St. Peter, in den 50er und 60er Jahren gehörte er zu den Siegern der Schwarzwaldmeisterstaffeln. Jetzt ist Benedikt Kürner, der viele Jahre Vorsitzender des Skiclubs war, dessen Ehrenvorsitzender.

Jeden Tag ist Benedikt Kürner im Stall, bei den 18 Kühen und Kälbern und und den drei Schweinen. „Rascht ich, deno roscht ich.“ Seit zehn Jahren war er nicht beim Arzt. Tabletten nennt er Gift. „Für eins hilfts, fürs andere schadets.“ Im Stall finden sich gleich mehrere Besen aus Birkenreisig. Reich werden kann man damit nicht, da können sie noch so praktisch sein. „Es reicht für das Wasser in der Suppe“, sagt Benedikt Kürner und lacht wieder. Bei regelmäßiger Benutzung tut so ein handgefertigter Besen etwa ein Vierteljahr seinen Dienst. Und auch danach ist er noch zu gebrauchen – als Brennmaterial.

zum nächsten Reisebericht

Hochschwarzwald Tourismus Feedback Feedback geben