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Blosmusik beim Bäcker Ob beim Musizieren oder beim Backen: Die Mischung macht's!

In einem Heimatfilm im Fernsehen würde man eine Familie, in der der Vater mit den vier Kindern beisammen hockt und Blasmusik macht und die Mutter dafür sorgt, dass die Trachten stets gewaschen und gebügelt sind, als kitschig belächeln, als inszenierte Landidylle mit Wurschtwecklemusik. Im Hochschwarzwald aber, zu dem Volksmusik gehört wie eben die Wurscht ins Weckle, gibt es solche Familien tatsächlich.

von Barbara Bollwahn, 05. Juni 2014

Im Jostal im südlichen Hochschwarzwald, gelegen zwischen Freiburg und Feldberg, ist Familie Beha in der „Hasenmühle“ zu Hause.
Im Jostal im südlichen Hochschwarzwald, gelegen zwischen Freiburg und Feldberg, ist Familie Beha in der „Hasenmühle“ zu Hause. - © Barbara Bollwahn

Im Jostal im südlichen Hochschwarzwald, gelegen zwischen Freiburg und Feldberg, ist Familie Beha in der „Hasenmühle“ zu Hause. Ein aus Holz geschnitztes Schild an der Landstraße weist den Weg zu dem 150 Meter entfernt liegenden alleinstehenden Hof, der 1892 nach einem Brand wieder aufgebaut wurde, und zu dem eine kleine Landbäckerei mit einem Verkaufslädele gehört.

Hier spielt die Musik

Clemens Beha betreibt die Bäckerei in der fünften Generation. Sein Vater, Jahrgang 1930 und Bäcker Nummer 4 im Jostal, und die pflegebedürftige Mutter wohnen im Altenteil des Hofes.

Mindestens genauso wie Mehl, Hefe und Backmischungen verbindet Familie Beha die Musik. Clemens Beha, 50, spielt seit Jahrzehnten Flügelhorn, kürzlich wurde er mit der goldenen Ehrennadel des Bundes deutscher Blasmusik für 40 Jahre Musikengagement ausgezeichnet. Sohn Andreas, 21, auch er ist Bäcker, spielt Tenorhorn, und Fußball, Tochter Miriam, 20, gelernte Konditorin, hat die Klarinette gewählt, die zweieiigen 18jährigen Zwillinge Daniela und Katja, Friseuse und Tourismuskauffrau von Beruf, haben sich für Trompete und Klarinette entschieden. Nur Behas Ehefrau Irmgard nennt kein Instrument ihr eigen. „Ich freue mich über die Ruhe zu Hause, wenn Probe ist“, sagt sie lachend. Und: “Es muss ja auch jemand zuhören.“

Ob beim Musizieren oder beim Backen – die Mischung macht's.
Ob beim Musizieren oder beim Backen – die Mischung macht's.  - © Barbara Bollwahn

Der Hof mit der Bäckerei und die Entstehung des Musikvereins Titisee-Neustadt, in dem die Behas Mitglied sind, sind eng miteinander verbunden. Ein Onkel von Clemens Beha war Gründungsmitglied des Vereins, der im März 1950 ins Leben gerufen wurde. Als es noch keinen Proberaum gab, wurde kurzerhand auf dem Hof geübt, in einem Raum, der jetzt zum Altenteil gehört „Hier ist der Ursprung der Musik“, erzählt Clemens Beha bei einem kühlen Fürschtenberg, dem für die Gegend typischen Bier, das im Unterschied zum Tannenzäpfle-Bier aus der Rothausbrauerei kaum über die Landesgrenzen hinaus bekannt ist.

Keine Diskussion: Die Familie liebt Musik.

„Fürschtenberg isch zu schad für Berlin“, sagt der Bäcker selbstbewusst. Bei der Musik und der Rolle, die seine Familie dabei spielt, stapelt er jedoch tief. Weil Schwarzwälder keine Bayern sind, die sich auf ihre „Mia san mia!“-Schultern klopfen, erzählt er die lange Bäckerei-Blasmusik-Familiengeschichte mit der für den Schwarzwald typischen Bescheidenheit.

Dass Volksmusik eben keine Wurschtwecklemusik ist, dafür sind die Beha-Kinder der beste Beweis, auch wenn Vater Clemens erzählt, dass er immer „dahinter her war“, dass sie jeden Tag daheim und einmal in der Woche im Verein üben. Steht ein Auftritt des Musikvereins an, sind sie da, ohne Diskussion. „Das wurde ihnen so in die Wiege gelegt, aber auch vorgelebt.“ Dass weder Zwang noch Drängen im Spiel waren, merkt und hört man den Kindern an, die im Musikverein Gleichaltrige und Gleichgesinnte gefunden haben.

Mindestens genauso wie Mehl, Hefe und Backmischungen verbindet Familie Beha die Musik.
Mindestens genauso wie Mehl, Hefe und Backmischungen verbindet Familie Beha die Musik.  - © Barbara Bollwahn

Die Freundin von Sohn Andreas macht auch Musik, ebenso die Freunde von zwei der drei Töchter. „Besser als daheim rumhocken“, sagt Miriam.

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„Heimat ist auch Tradition“,

" Andreas Beha

ergänzt Andreas, der im Unterschied zu seinem Vater, der als einziger Sohn die Bäckerei übernehmen musste, aus freien Stücken den Beruf gewählt hat und in einer Bäckerei in Lenzkirch arbeitet und sich vorstellen kann, eines Tages das elterliche Geschäft zu übernehmen. „Sie fühlen sich brutal wohl, wenn sie auf einem Musikfescht andere Jugendliche treffen“, beschreibt Vater Clemens nicht ohne Stolz seine Beobachtungen.

Musik und Brot wie zu Opas Zeiten

Etwa 20 Mal im Jahr tritt der Musikverein Tititsee-Jostal und mit ihm die Behas auf. Das Repertoire reicht von böhmisch-mährischer Blasmusik über Offenbach und Verdi bis zu Musicals und Filmmusik. Ob beim Musizieren oder beim Backen – die Mischung macht's. Das Bauernbrot wird noch mit der gleichen Mehlmischung gebacken wie zu Opas Zeiten.

Noch immer bekommen Mütter von Verwandten und Nachbarn nach der Geburt Eierwecken geschenkt, und für die Silvesterbrezeln, eine Spezialität der „Hasenmühle“, steht Clemens Beha am Ende des Jahres 38 Stunden am Stück in der Backstube. Etwa 80 Prozent seiner Waren liefert er im Umkreis von 15 Kilometern aus. Nebenher hält er Weiderinder, bewirtschaftet einige Hektar Wald. Außerdem gibt es eine Ferienwohnung auf dem Hof, für die ein Service angeboten wird, von dem andere Gäste im Schwarzwald träumen: Jeden Tag frische Brötchen. Wenn Clemens Beha und seine Kinder zu Hause üben, müssen die Urlauber nur aufpassen, dass ihnen nicht die Wurscht aus dem Weckle fliegt.

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