Das Holz, aus dem die Träume wachsen Der Balkenbettenbauer schreinert neue Übernachtungsstätten aus uralter Schwarzwälder Weißtanne

Abgebrannt nach dem Studium, mit 20 Euro in der Tasche, einer Idee im Kopf und viel Experimentierfreude legte Maximilian Riedt aus einer Gefälligkeit heraus den Grundstein für eine neue Geschäftsidee. Und dies ohne zu ahnen, dass er genau die fand. Heute baut er Balkenbetten aus historischem Holz im Hochschwarzwald – und mit an einem neuen Tourismuskonzept.

von Anita Fertl, 05. November 2019

Das fertige Bett ist ein Unikat
Das fertige Bett ist ein Unikat - © Anita Fertl

Zu finden sind Wohnung, Werkstatt und Jungunternehmer auf den Höhen St. Peters. Dort stehen in schönstem Schwarzwaldpanorama imposante Höfe, umgeben von sattgrünen Weiden, grasenden Kühen und Pferden. Auf dem Tannensaum-Horizont drehen sich Windräder, alles ist ruhig. Halt, stopp. Plötzlich durchbricht das Röhren einer Motorsäge die Stille. Bedient wird das Gerät von Maximilian Riedt, schwarzhaarig, Vollbart, beohrringt, mit Tannen-tätowiertem Arm. „Passt, bin grade fertig geworden“, begrüßt der 28-Jährige mit offenem, sympathischen Lächeln und festem Handschlag den Besuch.

Der Werkstattschuppen steht neben dem Wohnhaus, Riedt hat ihn ausgebaut. Zum Arbeitsbereich gehört eine Holzterrasse und dort, unter freiem Himmel, führt der Handwerker die stauberzeugenden Arbeiten durch. Im hinteren Teil der Werkstatt lagert Material: Alte Balken, Überbleibsel aus einem abgerissenen, alten Schwarzwaldhofdach, rau und rußgeschwärzt, durchsetzt mit Nägeln, tiefen Kerben und Rissen. Was für andere nur noch ein Fall für die Müllhalde ist, sorgt bei Riedt für glänzende Augen: „Der hier ist aus Schönwald bei Triberg, Jahrgang 1540“, sagt der Up-Cycler und schwärmt vom schönen, wertvollen Material, von warmer Urigkeit.

Seine Leidenschaft fürs Schreinern entdeckte der gebürtige Heilbronner, der schon immer gern Dinge gebaut hat, nach seinem Sozialpädagogikstudium. Das kann’s noch nicht gewesen sein, dachte er, und fing 2016 die Schreinerausbildung an, die mit einem Pflichtschuljahr begann – und war frustriert. „Ich bin viel zu naiv in die Ausbildung gestartet“, sagt Riedt. Unter 16-Jährigen saß er im Klassenraum, als Exot mit abgeschlossenem Studium und der romantischen Vorstellung von echtem Handwerk und Holzarbeit. Stattdessen ging es meist darum, industrielle Maschinen zu bedienen.

Maximilian Riedt am Balken schleifen
Maximilian Riedt am Balken schleifen - © Anita Fertl

Ein Kneipengespräch und zwei Präzedenzfälle

Riedt vertiefte sich in die Altholzthematik. „Ich dachte: Jetzt bin ich eh da, habe einen Maschinenpark, den ich nutzen kann. Ich wollte das, was ich in der Schule lerne, in meinem Themenfeld umsetzen, eigene Ideen entwickeln und mich als Ausgleich vom schnöden Schulalltag kreativ austoben.“ Nebenher jobbte er noch in der Gastronomie und bekam so von einem Arbeitskollegen seinen ersten Auftrag: ein Bett. Ob es auch eines aus Altholz im Chaletstil, ein bisschen rustikal, sein könne?, schlug Riedt vor. Schnell klinkten sich andere ein, aus einem Auftrag wurden drei.

Der Schreinerlehrling richtete sich eine provisorische Werkstatt ein, mit Handkreissäge, zusammengeliehenem Werkzeug und Altholz von der Baustelle ums Eck. Und: „Ich hatte Schiss und habe einfach ein Gewerbe angemeldet, damit mir niemand was kann wegen Schwarzarbeit“, sagt Riedt. Als am Ende des Schuljahrs Lehrergespräche anstanden, wer in welchen Betrieb geht, staunten die Ausbilder nicht schlecht, dass ihr Lehrling nebenbei einen eigenen Betrieb aufgezogen hatte. Die Auftragskette war nie abgerissen. „Meine Lehrer sind schier vom Glauben abgefallen“, sagt Riedt und grinst. „Ich würde gerne Schreiner werden, aber in meinem eigenen Bereich. Deswegen habe ich die Ausbildung abgebrochen.“ Er zog in den Schwarzwald, der Ruhe und des Platzes wegen. Er mag das hiesige Schaffertum, den Menschenschlag. „Ich finde diese Mentalität geil. Ich liebe den Schwarzwald, mag es, hier oben zu sein und anzupacken, das raue Wetter. Ich habe mich hier total gefunden.“

Seine Lehrer unterstützten ihn weiter, halfen, gaben Tipps – und fanden eine Sonderregelung, die es Riedt erlaubt, die Abschlussprüfung nachzuholen: die Facharbeiterklausel. Fünf Jahre muss man dafür in einem Gewerk arbeiten, ehe man mittels Gutachten die Fähigkeit bestätigt bekommt, die Abschlussprüfung zu absolvieren. „2021 ist es so weit, dann kann ich mich für die Prüfung bewerben“, bilanziert Riedt zufrieden.

Ein Happy End? Das ließ auf sich warten, denn dann kam die Meisterpflicht ins Spiel, die besagt, dass nur ein ausgebildeter Meister einen Schreinerbetrieb führen darf; es drohte das Aus. „Aber ich habe ja keine klassischen Schreineraufträge gemacht, ich bin Balkenbettenbauer. Wir haben lange diskutiert, die Handwerkskammer war sehr gönnerhaft, und letzten Endes haben wir eine tolle Regelung gefunden“, Riedt schnauft erleichtert. Er bleibt in seinem Altholzbereich, baut Balkenbetten, die ohnehin kein anderer Betrieb fertigt, und hat nun eine Sonderzulassung, da er niemandem Arbeit wegnimmt.

Altes Holz und ein neues Konzept

In ganz Deutschland gibt es nur fünf Betriebe, die ausschließlich mit Altholz arbeiten, drei davon in der Region. Man kennt sich und hilft sich aus, jeder hat seinen Bereich. Mittlerweile sei Altholz im Trend. Aber richtig an die Verarbeitung von historischem Holz, das noch vor der Industrialisierung, um 1800 und vorher, von Hand gehauen wurde, trauen sich nur wenige. Denn die Weißtanne, die in Dächern so verbaut wurde, wie sie gewachsen ist, hat unregelmäßige Strukturen. „Ein Schreiner arbeitet mindestens auf den Millimeter genau und denkt in Bezugskanten, das geht bei Altholz nicht“, sagt Riedt. Und in was denkt er? „In Fingerbreiten“, er lacht. „Und deutlich kreativer. Bei einem Balkenbett geht es darum, aus vier krummen Hölzern einen geraden Rahmen zu bauen. Das fasziniert mich an Altholz: Die Perfektion des Unperfekten“, sagt Riedt.

Es ist sehr aufwendig, Altholz aufzubereiten. An die Hofdachbalken aus der Region und vornehmlich vom Hochschwarzwald kommt der Bettenbauer über seine Zusammenarbeit mit Abrissfirmen. Die sind froh, das Holz nicht entsorgen zu müssen und geben Bescheid, wenn ein Hof abgerissen wird. Zweimal ist Riedt auf der Baustelle: Vor dem Abriss, um sich ein Bild vom Projekt zu machen, und noch einmal, um das Holz abzuholen. Dann kommt es in die Trockenkammer, wo es auf eine Kerntemperatur von 70 Grad erhitzt wird, das hält kein Holzwurm aus. Danach wird entnagelt, geschliffen, gebürstet und eingelagert. Die Löcher, Risse, Kanten bleiben ebenso erhalten wie die Charakteristik des Holzes. Riedt arbeitet mit Handmaschinen und klassischem Werkzeug mit alten Techniken und behandelt die Betten mit Bienenwachs, ökologischen Lasuren und Ölen.

Dieses Konzept kommt an, die Auftragsbücher sind voll. Nicht nur Privatleute bestellen auf seiner Homepage nach dem Baukastenprinzip, konfigurieren ihr Bettunikat selbst. „Mittlerweile komme ich in die schöne Verlegenheit, für Ferienwohnungsanbieter und Kleinhotellerie zu arbeiten. Stichwort: Moderner Tourismus im Schwarzwald. Da leiste ich meinen Beitrag, das finde ich schön“, sagt Riedt, dem ranzige Kiefernmöbel aus den 90ern in Ferienwohnungen ein Gräuel sind. Aktuell möchte er sich vergrößern, ist auf der Suche nach einer passenden Scheune, denkt darüber nach, jemanden anzustellen. Und träumt davon, in ein paar Jahren einen alten  Schwarzwaldhof zu kaufen, kernzusanieren, ihn neben seinem Betrieb mit tollen Ferienwohnungen auszustatten und ein modernes, ganzheitliches Konzept anzugehen inklusive Erlebnistouren.

Doch erst einmal möchte er in naher Zukunft gemeinsam mit einem Bauern ein besonderes Übernachtungsangebot auf den Weg bringen. Doch verraten wird nur so viel: „Das wird das erste seiner Art im Schwarzwald.“ 

Bettgestell
Bettgestell - © Maximilian Riedt

Info:

Der Balkenbettenbauer bietet seine Betten aus historischem Tannenholz zum Festpreis an. Es kann auf der Homepage mittels Baukastensystem individuell konfiguriert werden. Wählbar sind verschiedene Rahmen- und Höhenmaße, Eckverbindungen, Kopfteile und Oberflächenbehandlungen. Ein Nachtisch aus historischem Altholz ist ebenfalls in verschiedenen Varianten erhältlich.

Maximilian Riedt
Neuwelt 6
79271 St. Peter im Schwarzwald
Telefon: 0170/1876223
derbalkenbettenbauer.de

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