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Der Dengelgeist von St. Peter "Eine Sense braucht kein Benzin und hält viel fitter als ein Rasenmäher"

Jeden zweiten Tag geht Oskar Hummel in den Garten seines Hauses in St. Peter und tut etwas, was er seit etwa 75 Jahren tut: Gras mähen. Dafür kommt kein Rasenmäher zum Einsatz, der laut ist, Benzin braucht und Insekten den Garaus macht. „Ich mache das ganz urig“, sagt der Mann mit den blauen Augen, dem blauen Arbeitskittel, der blauen Latzhose, der großen Brille auf der Nase und dem karierten Hut auf dem Kopf. Oskar Hummel mäht das Gras mit einer Sense.

von Barbara Bollwahn, 02. Juli 2015

Seiner Sense hält er seit 50 Jahren die Treue. Nur mit seiner Frau Maria verbindet ihn eine noch längere Beziehung.
Seiner Sense hält er seit 50 Jahren die Treue. Nur mit seiner Frau Maria verbindet ihn eine noch längere Beziehung. - © Barbara Bollwahn

Bevor er loslegen kann, muss er die Sense dengeln, was so viel wie klopfen heißt und bedeutet, dass das Blatt geschärft wird. Dazu holt Oskar Hummel aus dem Schopf, dem Schuppen, einen Holzklotz mit einem Loch heraus. Da hinein steckt er den Dengelstock, an dem der Amboss befestigt wird, auf den er das Sensenblatt legt. Er greift sich noch den Dengelhammer und legt zum Schluss eine Decke auf den Holzklotz, damit er bequemer sitzt.

Wer beim Dengeln schläft, wird beim Mähen wach

Es gibt im Schwarzwald den Dengelgeist, eine alemannische Sagengestalt, die als Sensenmann und bärtiger Greis dargestellt wird und als Fasnetfigur noch heute lebt. Der Dengelgeist sitzt auf dem Friedhof und dengelt seine Sense, um die zum Tode Bestimmten nieder zu mähen. Oskar Hummel sitzt auf dem Holzklotz und dengelt seine Sense, um Futter für seinen Stallhasen zu mähen.

Swusch, swusch, swusch, mit ausladenden Bewegungen mäht Oskar Hummel das Gras.
Swusch, swusch, swusch, mit ausladenden Bewegungen mäht Oskar Hummel das Gras.  - © Barbara Bollwahn

Oskar Hummel ist Jahrgang 1928 und hat mit elf, zwölf Jahren von seinem Vater das alte Handwerk gelernt. „Er hat mir erklärt, dass die Sense beim Dengeln keine Wellen kriegen darf und man immer in der Mitte anfangen muss“, sagt er und fängt in der Mitte an. Pling, pling, pling – gleichmäßig setzt er mit dem Hammer ziehende und treibende Schläge auf das Blatt, Millimeter für Millimeter arbeitet er sich erst nach rechts und dann nach links. Mit jedem ziehenden Schlag treibt er die Schneide leicht nach vorne, mit jedem treibenden Schlag verdichtet er sie.

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„Wenn bim Dengle schlofsch, dann wirsch bim Maje wach“

" Oskar Hummel

Wenn man beim Dengeln schläft, wird man beim Mähen wach.

Worauf kommt es an beim Dengeln? Oskar Hummel, der 50 Jahre als Metzger gearbeitet und viele Jahre Straßenbahnen in Löffingen gereinigt hat, überlegt einen Augenblick. „Man darf die Sense nicht kaputt schlagen“, sagt er schließlich und bearbeitet sie weiter mit dem Hammer. Pling, pling, pling, er ist hochkonzentriert und jeder Schlag ein Treffer.

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„Auf keinen Fall mit Gewalt. Dengeln ist Gefühlsarbeit“

" Oskar Hummel

Um zu prüfen, ob das Sensenblatt scharf ist, fährt er mit dem Fingernagel des rechten Daumens am unteren Rand des Sensenblattes entlang. Das macht er besonders vorsichtig, die Kraft seiner Augen hat nachgelassen. „Ich spüre die Wölbung der Sense am Nagel“, sagt er. „Jetzt ist die Schnittstelle glatt.“

Oskar Hummel ist Jahrgang 1928 und hat mit elf, zwölf Jahren von seinem Vater das alte Handwerk gelernt.
Oskar Hummel ist Jahrgang 1928 und hat mit elf, zwölf Jahren von seinem Vater das alte Handwerk gelernt.  - © Barbara Bollwahn

Kaum hat er das gedengelte Blatt am Sensenbaum befestigt, geht er einige Male mit dem Wetzstein drüber und beginnt mit dem mähen. Swusch, swusch, swusch, mit ausladenden Bewegungen im Halbkreis und leicht nach vorne gebeugt fährt er mit der Sense gleichmäßig durchs Gras. Jeden morgen und jeden Abend bekommt der Stallhase „e Hämpfele“, eine Handvoll. Oskar Hummel liebt diese Arbeit. „Eine Sense braucht kein Benzin und hält viel fitter als ein Rasenmäher", sagt er. „Wenn man es gut kann, geht es genauso schnell.“

Sense mit (der) Kultur?

Zwei Sensen hat er im Schopf, einer davon hält er seit 50 Jahren die Treue. Nur mit seiner Frau Maria, die er 1962 geheiratet und mit der er drei Kinder und fünf Enkel hat, verbindet ihn eine noch längere Beziehung. „Man muss wissen, wo die Haustür ist“, sagt er und lacht. Auch sein Wetzstein, den er einst vom Schwiegervater bekam, begleitet ihn ähnlich lang durchs Leben wie seine Frau. Treu ist er auch dem Gesangsverein St. Peter, in dem er seit 40 Jahren den zweiten Bass singt.

Sein Wetzstein, den er einst vom Schwiegervater bekam, begleitet ihn ähnlich lang durchs Leben wie seine Frau.
Sein Wetzstein, den er einst vom Schwiegervater bekam, begleitet ihn ähnlich lang durchs Leben wie seine Frau.  - © Barbara Bollwahn
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"Wenn man was ebbis gelernt hat, verlernt man es nicht mehr."

" Oskar Hummel

Dass die alte Kulturtradition des Sensendengelns- und mähens irgendwann in Vergessenheit geraten könnte, scheint unwahrscheinlich. 2009 wurde im Südosten von Baden-Württemberg ein Sensenverein gegründet, es gibt regionale Wettbewerbe im Sensenmähen, europäische Meisterschaften und sogar Weltmeisterschaften. Volkshochschulen, der Naturschutzbund oder einzelne Bauern bieten Kurse zum Mähen mit der Sense an. „Es ist eine Arbeit, die man gelernt hat und die man kann“, sagt Oskar Hummel in der Schwarzwälder Bescheidenheit.

„Ich spüre die Wölbung der Sense am Nagel“, sagt er. „Jetzt ist die Schnittstelle glatt.“
„Ich spüre die Wölbung der Sense am Nagel“, sagt er. „Jetzt ist die Schnittstelle glatt.“  - © Barbara Bollwahn

„Wenn man was ebbis gelernt hat, verlernt man es nicht mehr.“ Immer wieder hat er in den vergangenen Jahren das Handwerk auf Festen vorgeführt. „Im letzten Jahr“, erzählt er, „habe ich mich gefragt, ob es vielleicht das letzte Mal war?“

Sollte seine alte Sense, mit der er seit fünf Jahrzehnten mäht, irgendwann rosten, kommt sie zum alten Eisen. Aber dahin gehört sie noch lange nicht, genauso wenig wie Oskar Hummel.

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