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Die Bäuerin für alle Fälle Von der Agrarökologin zur Biobäuerin im Hochschwarzwald

Erst seit sechs Jahren lebt Nicole Raff auf dem Mathislehof in Hinterzarten. Und dass ein Bauernhof im Hochschwarzwald einmal ihre Heimat sein würde, war im Leben der gebürtigen Stuttgarterin noch vor wenigen Jahren nicht abzusehen. 

„Heimat ist da, wo ich mich wohl fühle“, sagt Nicole Raff
„Heimat ist da, wo ich mich wohl fühle“, sagt Nicole Raff - © Hochschwarzwald Tourismus GmbH

Der Mathislehof ist ein idyllischer Ort. Von den Wiesen des schmucken Anwesens genießt man einen erhabenen Blick auf Hinterzarten und ist doch schon so weit weg, dass man vom Gewusel des Touristenzentrums nur ab und zu etwas mitbekommt. 

Ein Geben und Nehmen  

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„Heimat ist da, wo ich mich wohl fühle“,

" Nicole Raff

sagt Nicole Raff und dass sie sich hier wohl fühlt, hängt vor allem auch mit den Schwarzwäldern zusammen. Für die Mutter eines mittlerweile 14-jährigen Sohns war es zuerst alles andere als selbstverständlich, für den großen Hof allein in der Verantwortung zu stehen. Umso größer war die Freude, zu erleben, wie schnell sie von den Nachbarn angenommen und in die bäuerliche Gemeinschaft aufgenommen wurde. Gegenseitige Hilfe auf dem Land ist unverzichtbar und sie lässt sich nicht in Euro rechnen. Es ist eine Hilfe, die gewährt wird, „ohne groß zu fragen, was krieg‘ ich dafür, sondern geleistet wird, wenn es nötig ist, auch dann, wenn eigentlich gar keine Zeit ist.“ Als sie anfing vor sechs Jahren, ging es nicht ohne diese Hilfe. Sie erinnert sich, wie sie „mit dem Handbuch vorm Traktor stand und dachte: Wie wechsele ich jetzt den Ölfilter?“ Auch das hat sie gelernt. „Und inzwischen fälle ich auch kleine Bäume.“ Heute freut sie sich, dass auch ihre Hilfe gebraucht wird. Tausch ist gut fürs Gemeinschaftsleben. „Der eine presst mir die Heuballen und ich helfe dafür beim Melken, wenn er mal für ein paar Tage in Urlaub gehen möchte.“ 

Sie ist überzeugt: Wenn ich etwas gebe, bekomme ich es auf irgendeine Art zurück, im Positiven wie im Negativen. Immerhin gelten Schwarzwälder als reserviert, sie warten, bis die Menschen auf sie zukommen. Aber wer die Initiative ergreift, wird mit großer Herzlichkeit empfangen – diese Erfahrung konnte Nicole Raff machen. Die junge Landwirtin besitzt das Talent, auf Menschen zugehen zu können, und fand schnell Freunde. Doch bei aller nachbarschaftlichen und freundschaftlichen Verbundenheit – was ihr manchmal fehlt, ist eine Familie. Es sind so viele kleine Aufgaben, die in einer Großfamilie ganz selbstverständlich übernommen werden wie der „Großvater, der mal eben das Feuer schürt“, wenn sie es selbst nicht tun kann, weil sie gerade im Stall beschäftigt ist.

Die Hofgemeinschaft ersetzt die Großfamilie

Auf dem Mathislehof fängt meist die Hofgemeinschaft auf, was an Großfamilie fehlt. Ihr Sohn und eine Auszubildende wohnen ständig dort. Regelmäßig sind Freundinnen zugegen, die eine kümmert sich ums Gewächshaus und die Blumen, eine andere Freundin bäckt Brot, eine dritte töpfert, eine vierte schneidert. Die Ergebnisse kann man im Hofladen erwerben.

Fast immer wohnen auch Praktikanten auf dem Mathislehof. Es sind häufig Praktikanten von Waldorf-Schulen und sogenannte „Wwoofers“. Die „Willing Workers On Organic Farms“ sind internationale Praktikanten, die sich mit ökologischem Landbau vertraut machen wollen.

Immer eine neue Herausforderung

Denn der Mathislehof ist ein Biohof, der dem Demeter und Bioland Verband angehört, und Nicole Raff ist eine glühende Propagandistin der ökologischen Landwirtschaft und der naturverbundenen Lebensweise. Respekt vor der Erde, vor den Pflanzen und Tieren ist ihr Credo und so ganz nebenbei werden bei den Gästen auch einige allzu romantische Vorstellungen vom Leben auf dem Bauernhof korrigiert. Auf dem Mathislehof werden Weideochsen und Kälber gehalten. Mit Begeisterung erzählt Nicole Raff von ihren Kälbern und Rindern, den 25 „Rindernasen“ im Alter zwischen sechs Wochen und 13 Jahren, die sie natürlich alle mit Namen kennt. „Wichtel“ heißt der älteste Ochse.

Herausforderungen hat Nicole Raff schon in jungen Jahren gesucht. Schon während ihrer Schulzeit auf einem Gymnasium in Stuttgart engagierte sie sich für den Naturschutz und lernte so Menschen in ihrem Alter kennen, die vertrauensvoller  miteinander umgingen als die konservativen Mitschüler aus Stuttgart. Während dieser Zeit verbrachte sie immer wieder Zeit auf dem Untermühlbachhof in Sankt Georgen, einem Biobauernhof und Partnerbetrieb des Mathislehofs. Wie sich Ökologie und Wirtschaftlichkeit in Einklang bringen lassen, lernte sie dort erstmals in der Praxis kennen. Nach dem Abitur entschied sie sich deshalb dazu, in Rostock Agrarökologie zu studieren, doch bevor es los ging, war sie schwanger und so zog sie es vor, fürs Studium zurückzukehren ins Schwäbische nach Nürtingen, um näher bei ihren Eltern und beim Vater des Kindes zu sein.  

Anonymität und Vorhänge ade

Der Kontakt zu ihren Freunden vom Untermühlbachhof blieb in all den Jahren immer bestehen und so ergab sich dann wenig später für die diplomierte Landwirtin die Gelegenheit, auf den Mathislehof zu ziehen und den Partnerhof ihrer Freunde vom Untermühlbachhof zu übernehmen. So hat sie sich bestens in ihrer neuen Heimat eingerichtet – mit den Menschen wie auch mit der anspruchsvollen Landwirtschaft in den Höhenlagen des Schwarzwaldes. Sie fühlt sich wohl hier – im Rhythmus der Tage und der Jahreszeiten hat sie auch innere Ruhe gefunden. Ein Leben in der Anonymität der Stadt kann sie sich nicht mehr vorstellen. Neue Freiräume gewährt das Landleben. Sie braucht keine Vorhänge vor dem Fenster mehr. Und mehr: „Ob ich laut die Toten Hosen höre oder Mozart, das kriegt hier keiner mit.“

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