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Die Brüstles vom Erlenbach Zwischen Berggasthaus, Jungrindern und mongolischer Jurte

Die Geschichte der Hüttenwirte vom Erlenbach lässt sich gut in Zahlen ausdrücken: Neun Kinder. Zwölf Jahre. Tausendeinhundertfünfundzwanzig Meter Höhe. Hundertzwanzig Kühe. Siebzehn Kilometer Weidezaun. Zwei Zentner Bratkartoffeln. Fünfhundert Pferde. Alles klar?

von Patrick Kunkel, 10. Dezember 2014

Die Erlenbacher Hütte
Die Erlenbacher Hütte - © Patrick Kunkel

Man kann das auch etwas ausführlicher erzählen. Aber eins nach dem anderen: „Damals, als meine Eltern die Erlenbacher Hütte übernommen haben, waren wir neun Geschwister“, sagt Jens Brüstle. Jens trägt eine Bandage um das Knie, das hat er sich ein paar Tage vorher verdreht, doch trotzdem stapft er von Tisch zu Tisch durch die Gaststube und nimmt hier eine Bestellung auf und hält da ein Schwätzchen.

„Eine solche Hütte kannst du nur mit einer guten Familie betreiben.“ - Karin Brüstle
„Eine solche Hütte kannst du nur mit einer guten Familie betreiben.“ - Karin Brüstle - © Patrick Kunkel

Damals. Das war im Jahr 2002, vor zwölf Jahren, als die Familie beschloss, ihr Leben auf den Kopf zu stellen, vom Dreisamtal hinauf auf 1125 Meter Höhe zu ziehen, um dort die Erlenbacher Hütte zu bewirtschaften. Das jüngste Geschwisterkind war gerade einmal neun Jahre alt, Jens wurde in dem Jahr volljährig. Der schindelverkleidete Gasthof liegt in Sichtweite des Tote-Mann-Gipfels, drumherum erstreckt sich eine Hochweide, auf der seit Jahrhunderten eine Weidegemeinschaft der hiesigen Dörfer den Sommer über Vieh hält.

120 Jungrinder und 17 Kilometer Zaun

Es ist ein Knochenjob, den sich Jens' Eltern, Karin und Axel Brüstle, da herausgesucht haben. Denn die Hüttenwirte oben am Erlenbach betreiben nicht nur die gemütliche, einladende Bergbeiz, deren Terrasse an sonnigen Tagen aus allen Nähten platzt und wo es in der Stube im Winter rund um den heißen, grünen Kachelofen oft kuschelig eng ist. Sondern sie versorgen als Herder den ganzen Sommer lang auch noch über 120 Jungrinder, die im Frühjahr aus den umliegenden Dörfern auf die Hochweide getrieben werden und erst im Oktober wieder ins Tal zurückkehren.

Der Gasthof liegt in Sichtweite des Tote-Mann-Gipfels, drumherum erstreckt sich eine Hochweide.
Der Gasthof liegt in Sichtweite des Tote-Mann-Gipfels, drumherum erstreckt sich eine Hochweide. - © Patrick Kunkel

„17 Kilometer Weidezaun verlegt mein Mann jedes Frühjahr“, sagt Karin Brüstle: „Und im Herbst muss er all den Draht wieder einrollen, damit sich keiner verletzt.“ Denn im Winter durchstreifen vor allem Schneeschuhgänger und Tourenskifahrer die verschneiten Weiden und Wälder rund um die Hütte. Gespannte Drähte wären da zu gefährlich.

In der Gaststube füllen sich derweil die Tische. Vater Axel steht am Herd in der Küche, besonders legendär sind seine Brägele, das sind ausgesprochen knusprige Schwarzwälder Bratkartoffeln:

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„In Spitzenzeiten sind es um die zwei Zentner Kartoffeln am Tag, die mein Mann brät“,

" Karin Brüstle

sagt Karin während Sohn Jens an den Tischen ringsum Schnitzel, Bibiliskäse oder Flammkuchen aufträgt – und dafür glückliche Blicke aus zufriedenen Gesichtern erntet. In den Tälern ringsum hat Axels Küche einen ausgesprochen guten Ruf und als wir das knusprige Schnitzel, Bibiliskäs und die krossen Brägele vor uns stehen haben und probieren – ja, da wissen wir auch, warum!

In den Tälern ringsum hat Axels Küche einen ausgesprochen guten Ruf
In den Tälern ringsum hat Axels Küche einen ausgesprochen guten Ruf - © Patrick Kunkel

„Am Anfang mussten wir ziemlich ackern, um uns diesen guten Ruf zu erarbeiten“, sagt Karin. Sie hätte niemals gedacht, dass die Arbeitsbelastung derart hoch sei – außerdem habe sie zu Beginn unter der Woche jeden Tag die Kinder in die Schule fahren und wieder abholen müssen: 745 Höhenmeter runter. 745 wieder rauf.

Ein Touch Mongolei

„Das A und O ist: Es muss sauber und gemütlich sein, dass die Leute sich hier bei uns wohlfühlen“, sagt Karin: „Jetzt vertrauen uns die Leute.“ Das größte Problem sei es, Personal zu finden „das mitzieht“. Wenn die Sonne scheint, „dann ist an einem Tag bei uns die Hölle los. Und am nächsten Tag, wenn Regen angekündigt ist, kommt keiner hier rauf. Mit fest angestellten Arbeitskräften ist das schwierig“, sagt Karin:

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„Eine solche Hütte kannst du nur mit einer guten Familie betreiben.“

" Karin Brüstle

Und die hat sie, ohne Zweifel: Am Kachelofen sitzt gerade ihre Schwiegertochter und albert mit Karins Enkelkind herum. 2005 kam sie als Aupair aus der Mongolei in den Schwarzwald, seit einiger Zeit ist sie mit Jens Brüstle verheiratet. Und seither hält das fernöstliche Land Einzug im Hochschwarzwald, nicht nur, weil immer wieder mongolische Studenten aus Freiburg in der Wirtschaft aushelfen oder Familienmitglieder aus der Mongolei der Schwarzwälder Verwandschaft einen Besuch abstatten. So haben die Brüstles auch eine Aktion mit auf die Beine gestellt, die es sich zum Ziel gesetzt hat, mongolischen Langlaufsportlern ein Trainingslager am Hochschwarzwälder Nordic Center Notschrei zu finanzieren. Das Motto: „Schwarzwald trifft Mongolei“.

Schwarzwald statt Steppe: Die Jurte
Schwarzwald statt Steppe: Die Jurte - © Patrick Kunkel

Jurten und Kanonenöfen

„Zur Hochzeit haben wir von der Familie in der Mongolei eine Jurte geschenkt bekommen“, sagt Jens. „Meine Schwiegereltern haben fünfhundert Pferde.“ Was zugegeben deutlich mehr ist als die 120 Rindviecher, die den Brüstles ja noch nicht mal gehören. Das runde Zelt steht nun anstatt in der mongolischen Steppe mitten im höchsten Hochschwarzwald. Außen hält weiße Zeltplane das raue Schwarzwaldwetter ab (die Jahresdurchschnittstemparatur hier oben beträgt nur 5,4 Grad), innen ist die Jurte überaus geräumig, mit Wänden aus Filz, einem Holzboden, gemütlichen Betten und einem eisernen Kanonenofen in der Mitte.

Gäste können dort übernachten, was sehr schön ist: Ein Bach gluckert geräuschvoll und ganz nah über die Weide, dazu läuten die Kuhglocken und im Ofen knistern die Holzscheite. Wir sitzen auf einem Bänkchen vor der Jurte und genießen den Abend, da kommt Jens noch einmal mit einer Flasche Bier vorbei. Aus dem Tal steigt langsam der Nebel hinauf. Grillen zirpen. Und gegenüber verschwindet die kahle Kuppe des Toten Mannes langsam in der Dämmerung. Er fragt: „Ist alles ok?“ Besser könnte es kaum sein . . .

Gut zu wissen

Mehr über die Erlenbacher Hütte erfahren Sie hier.

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