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Ein Fall für die Schwarzwaldklinik „Mensch, der Schwarzwald, da will ich mal leben, wenn ich groß bin.“

Jahrelang hatte sie davon geträumt, war geradezu besessen, hatte einen Mordsrespekt vor der ersten Begegnung. Eines Tages, sie war Anfang 20, war es soweit. Sie stieg mit ihrem damaligen Freund und ihrem Hund in München ins Auto und fuhr an den etwa 350 Kilometer entfernten Ort ihrer Sehnsucht.

von Barbara Bollwahn, 28. Januar 2016

Menschen verlieben sich nicht nur in Menschen, sondern auch in Landschaften, Gerüche, Geschmäcker, Geschichten einer Region.
Menschen verlieben sich nicht nur in Menschen, sondern auch in Landschaften, Gerüche, Geschmäcker, Geschichten einer Region. - © Barbara Bollwahn

Als sie ankam, empfand sie solch große Ehrfurcht, dass sie unfähig war auszusteigen. Sie blieb im Auto sitzen, die Augen mit Tränen gefüllt. Erst einige Jahre später setzte sie einen Fuß in das Objekt ihrer Begierde.

Der große Kindheitstraum

Marena Avila gehört zu den Menschen, die sich einen Kindheitstraum erfüllt haben. Die 42-jährige bezeichnet sich selbstbewusst und stolz als den „größten Fan der Schwarzwaldklinik“, die von 1985 bis 1989 im deutschen Fernsehen lief und die erste große deutsche Arztserie im Fernsehen war, die zehn Mal wiederholt wurde. Marena Avila war so fasziniert von Professor Doktor Brinkmann und den Krankenhausgeschichten, dass sie als Kind beschloss:

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„Mensch, der Schwarzwald, da will ich mal leben, wenn ich groß bin.“

" Marena Avila

Fast drei Jahrzehnte später ist sie tatsächlich mit Sack und Pack, wozu auch alle Folgen der Schwarzwaldklinik gehören, in den Schwarzwald umgezogen. „Es war eine der besten Entscheidungen meines Lebens“, sagt sie voller Überzeugung. Marena Avila zog in das Haus, vor dem sie beim ersten Mal in Tränen ausgebrochen war. Es ist das ehemalige Wohnhaus von Professor Doktor Brinkmann, das Hüsli in Grafenhausen-Rothaus.

Seit 1966 ist das Hüsli ein Volkskundemuseum des Landkreises Waldshut.
Seit 1966 ist das Hüsli ein Volkskundemuseum des Landkreises Waldshut. - © Barbara Bollwahn

Menschen verlieben sich nicht nur in Menschen, sondern auch in Landschaften, Gerüche, Geschmäcker, Geschichten einer Region. Marena Avila ist in den Schwarzwald verliebt. „Das ist für mich die schönste Gegend in Deutschland und ein einziger Kurort“, sagt sie. „Der Wald, das Grün, die Pflanzen, die gute Luft.“ Auch wenn diese Liebe durch fiktive Begebenheiten einer fiktiven Klinik geweckt wurde, sind ihre Gefühle für den Schwarzwald so echt wie ihre Begeisterung für die Schwarzwaldklinik groß ist.

Das Hüsli, aus Liebe zum Schwarzwald

Die Geschichte des Hüsli in Grafenhausen beginnt lange vor der Schwarzwaldklinik, lange, bevor das Fernsehen überhaupt erfunden wurde. Und sie hat auch mit der Liebe einer Frau zum Schwarzwald zu tun. Helene Siegfried, 1867 in Lörrach geboren, war eine Berliner Opern- und Kammersängerin, die das Haus als Sommerresidenz bauen ließ und in dem sie nach dem Zweiten Weltkrieg dauerhaft wohnte. Sie trug Möbel, Hausrat, Kunst, Treppen, Türen und Geländer, hölzerne Kassettendecken, Kachelöfen und sogar einen Glockenturm mit einer Betglocke aus der Umgebung zusammen und schuf sich ein luxuriöses, aber heimatverbundenes Heim, in dem bekannte Persönlichkeiten ihrer Zeit ein- und ausgingen. Seit ihrem Tod 1966 ist das Hüsli ein Volkskundemuseum des Landkreises Waldshut.

Ein Traum wird Wirklichkeit

Marena Avila, die noch öfter von München nach Grafenhausen gefahren war, erfuhr bei einem dieser Besuche, dass die Verwalterstelle des Hüsli neu besetzt wird. Das Ehepaar, das den Posten fast drei Jahrzehnte innehatte, war froh, an einen Ort zu ziehen, wo sie nicht ständig von Schwarzwaldklinik-Fans gestört werden. Ein Jahr vor Ausstrahlung der Serie kamen etwa 30.000 Besucher pro Jahr ins Hüsli. Als Professor Brinkmann über die Fernsehschirme flimmerte, waren es 130.000 pro Jahr. Fast wäre Marena Avila selbst ein Fall für die Schwarzwaldklinik geworden, als sie von der frei werdende Verwalterstelle erfuhr. Sie ließ nur ein beiläufiges „Ach ja?“ fallen. Aber innerlich hat sie fast hyperventiliert. „Da griffen die Zahnräder aufgeregt ineinander.“

„Ich lebe im berühmten Haus des Herrn Professor Brinkmann!“
„Ich lebe im berühmten Haus des Herrn Professor Brinkmann!“ - © Barbara Bollwahn

Sie bewarb sich auf die Stelle, als diese noch gar nicht ausgeschrieben war. Auf jeden Fall wollte sie die Erste sein. Als dann ein Anruf vom Landratsamt kam und ihr der Posten angeboten wurde, rief sie begeistert ins Telefon „Ja, ich mach's!“ Kaum hatte sie aufgelegt, tat sie das Gleiche wie bei ihrem ersten Besuch in Grafenhausen. Sie ist in Tränen ausgebrochen. Aber dieses Mal nicht vor Ehrfurcht, sondern vor Freude. „Ich lebe im berühmten Haus des Herrn Professor Brinkmann!“

Schöne Töne im Hüsli

Am 1. April 2013 bezog Marena Avila die Verwalterwohnung unterm Dach. Mit ihr nahm nicht nur der größte Fan der Schwarzwaldklinik seinen Wohnsitz dort, sondern auch die Frau mit dem längsten Namen im Schwarzwald. Weil Marena Avila als Tochter bolivianischer Eltern in München zur Welt kam und als unverheiratete Frau den Familiennamen der Mutter als auch den des Vaters trägt, ist ihrer so lang wie der Schwarzwald hoch ist: Marena Selena Antonia Avila Bejerano Ferrufino de la Rosa. Obendrein hat mit ihr eine leidenschaftliche Musikerin, Sängerin, Komponistin und Produzentin Einzug gehalten, die mit oder für Uschi Glas, Peter Maffay, Nena, Enrique Iglesias, Celine Dion und Roberto Blanco gearbeitet hat, der sie mehrmals im Schwarzwald besucht hat. Ihr Tonstudio aus München hat sie in der obersten Etage des Hüsli eingerichtet.

Die leidenschaftliche Musikerin hat sich im oberen Stockwerk des Hüsli ein Tonstudio eingerichtet.
Die leidenschaftliche Musikerin hat sich im oberen Stockwerk des Hüsli ein Tonstudio eingerichtet. - © Barbara Bollwahn

Marena Avila ist ähnlich unkonventionell wie die Erbauerin des Hüsli, die gern interessante Gäste um sich hatte und Champagner zu Wiener Würstchen am Ufer des nahegelegenen Schlüchtsee trank. Nach ihrer ersten Lehre, zur Bankkauffrau, merkte Marena Avila, dass das nicht das Richtige für sie ist, sie wurde Groß- und Außenhandelskauffrau, arbeitete viele Jahre in der IT-Branche. Nebenbei machte die Tochter eines Musikers immer auch Musik, sie spielte Klavier und Gitarre, sang, komponierte und produzierte. Mit der gleichen Leidenschaft, die sie für die Schwarzwaldklinik hat, machte sie Führungen durch das Hüsli, manchmal bis zu sechs Mal am Tag. Am Ende jeder Führung setzte sie sich immer an den Steinway-Flügel, an dem neben Helene Siegfried auch der Komponist Richard Strauss gespielt hat, und griff zur Freude der Besucher in die Tasten.

Marena Avila leitete Führungen durch das Hüsli - oft bis zu sechs Mal am Tag.
Marena Avila leitete Führungen durch das Hüsli - oft bis zu sechs Mal am Tag. - © Barbara Bollwahn

Es war mir eine Ehre

Ende 2015 hat Marena Avila das Hüsli verlassen. Früher als geplant hat sie ihre Verwaltertätigkeit beendet. Sie will sich wieder mehr auf die Musik konzentrieren. „Ich gehe mit einem stolzen Lächeln und großer Dankbarkeit“, lautet ihr Fazit. Und: „Es war mir eine Ehre, im Hause von Professor Brinkmann und Familie gelebt zu haben.“ Man glaubt es ihr aufs Wort, wenn sie sagt, dass sie ihr ganzes Leben lang stolz wie Oskar sein wird. „Denn ich habe in Brinkmanns Bude gelebt.“ Nach München geht sie nicht zurück. Marena Avila bleibt im Schwarzwald. Ihr neues Domizil ist nicht weit weg vom Hüsli, so dass sie jederzeit vorbei kommen kann.

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