translate translate
Reisemagazin

"Geb mir auf's Höfle acht" Margarete Andris hat ihr ganzes Leben auf dem Raimartihof verbracht

Die 88-jährige Margarete Andris hat ihr ganzes Leben auf dem abgelegenen Raimartihof gearbeitet, lange Zeit ohne Zufahrtsweg und Strom. Statt allein im Altersheim zu hocken, verbringt sie den Lebensabend mit ihren Kindern, Enkeln, Urenkel und Urlaubern aus der ganzen Welt.

von Barbara Bollwahn, 01. Juni 2015

Margarete Andris verlies den Raimartihof nur selten, wusste sich aber hervorragend zu helfen!
Margarete Andris verlies den Raimartihof nur selten, wusste sich aber hervorragend zu helfen!

Margarete Andris sitzt jeden Tag am Stammtisch im hinteren Teil der Gaststube. Von dort aus hat sie alles im Blick. Die Wanderer, die auf ein Vesper einkehren, eine Flädlesuppe, einen Bibiliskäse, mit dessen Herstellung sie vor mehr als vier Jahrzehnten begann, eine Portion Schäufele oder ein Rumpsteak, die Mitarbeiter, die zwischen Küche und Tresen hin- und hereilen, den einen oder anderen Sohn, die Schwiegertochter, eins der sieben Enkel oder der zwei Urenkel. Mit ihr am Tisch hocken längst verstorbene Männer und Frauen der Familie, die mit ernsten Gesichtern und steifen Kleidern von Schwarz-Weiß-Fotos an den Wänden herunterblicken. Und auch Margarete Andris kann von längst vergangenen Zeiten erzählen, die man sich heute kaum noch vorstellen kann.

Margarete und ihr Wägele: Überraschend selbstbewusst

Sie wurde am 18. Dezember 1925 geboren, in Falkau, einer ehemaligen Holzknechtesiedlung. Bisweilen schickt die 88-jährige ihren Antworten ein „Moment emol“ voraus. „Das ist scho lange her.“ Der Raimartihof ist ein Berggasthof, der zu den größten Wandergasthäusern am Feldberg gehört und zu den ältesten in Baden-Württemberg. 1710 wurde er erbaut. Seit 1825 ist er im Besitz der Familie Andris.

Der Raimartihof gehört zu den größten  und ältesten Wandergasthäusern in Baden-Württemberg.
Der Raimartihof gehört zu den größten und ältesten Wandergasthäusern in Baden-Württemberg.

Neben Margarete Andris am Stammtisch steht eine Erfindung der Neuzeit, ein Rollator, ihr „Wägele“. Vor einigen Monaten hat sie sich den Oberschenkel gebrochen. Wäre sie allein, würde sie wahrscheinlich längst in einer Senioreneinrichtung leben, angewiesen auf die Hilfe fremder Menschen. Aber so kümmern sich die zwei Söhne um sie, die auf dem Hof wohnen, eine Schwiegertochter und auch die Angestellten helfen. Im Gegenzug macht sie sich in der Küche nützlich und putzt den Salat. Margarete Andris kann sich jeden Tag an einen gedeckten Tisch setzen, hat Gesellschaft, ist mittendrin. „Da bin ich froh drum“, sagt sie. Und jeden morgen liest sie die Zeitung. „Ich will viel wissen“, sagt sie mit wachem Blick. Für eine Schwarzwälderin ihrer Generation ist sie überraschend offen und selbstbewusst.

Margarete Andris, die das weiße Haar zu einem Dutt zusammen gebunden hat und die Armbanduhr über dem Pullover trägt, als wolle sie sie schonen, ist unter harten Bedingungen aufgewachsen, auf dem Hinterwaldkopf auf 1.200 Meter Höhe in einer Hütte mit Rauchküche. Die vier Kilometer zur Schule lief sie zu Fuß. Sie half den Eltern in dem kleinen „Wirtschaftle“, das sie hatten, hütete das Vieh, verdingte sich als Wirtschaftshelferin in Gaststätten des Skigebietes am Feldberg. Auch wenn sie nicht viel herum kam, lernte sie doch bekannte Persönlichkeiten kennen so wie den Schwarzwälder Maler Karl Hauptmann.

Sag emol guede Dag - Anbandeln auf die schwarzwälder Art

Dass sie ihren späteren Ehemann kennen lernte, hat sie dem Wirt der Albquelle zu verdanken, wo sie als Hausmädchen arbeitete. Im Winter 1949 sprach er sie auf den aus der Gefangenschaft heimgekehrten Oskar Andris an. „Los Gretel, de Nochber isch kumme. Sag emol guede Dag.“ Margarete Andris tat wie ihr geheißen. Als der elf Jahre ältere Mann sie fragte, ob sie zu ihm auf den Hof kommen würde, erbat sie sich Bedenkzeit. „Er brauchte eine Frau für den Hof“, sagt sie nüchtern. „Wie das so war.“ Und fügt hinzu: „Ich musste froh sein, einen rechten Mann zu kriegen.“ Drei Jahre später heirateten sie und Margarete Andris lebte und arbeitete fortan mitten im Wald, ohne offenen Zufahrtsweg, ohne Strom.

Jahr für Jahr ist sie jeden Tag kurz nach fünf Uhr am Morgen aufgestanden, war bis zehn, elf Uhr am Abend auf den Beinen. Klagen kommen ihr nicht über die Lippen. „Es musste gemacht werden.“ Als sie im Februar 1954 das erste von fünf Kindern, Hermann, erwartete, ist sie auf Skiern ins Krankenhaus gefahren. „De Oskar mit dem Köfferle vorus und ich mit minem Köfferle am Buch hinterher.“ Hochschwanger im Hochschwarzwald. 1955 kam Johannes auf die Welt, 1957 Karola, 1958 Bernhard und zehn Jahre später Stefan.

Margarethe Andris macht sich in der Küche nützlich, putzt den Salat, hat Gesellschaft und ist mittendrin.
Margarethe Andris macht sich in der Küche nützlich, putzt den Salat, hat Gesellschaft und ist mittendrin.

Einmal ist sie kurz vor einer Entbindung hochschwanger mit dem Motorrad ins Krankenhaus gefahren. Mit dem Motorrad?

"

„Ich bin immer e weng fortschrittlich gewesen“,

" Margarete Andris

sagt sie und lacht. Mit der Zündapp hat sie die Einkäufe von Neustadt und Hinterzarten auf den entlegenen Hof transportiert. Einige Jahre später lernte sie, ein Automobil zu lenken und bis vor zwei Jahren saß sie noch am Steuer. Nun hockt sie am Stammtisch. „Ich freue mich, wenn alle gesund und munter sind.“

Urlaub? Ein paar Wochen Kur müssen reichen.

Margarete Andris hatte, wenn man von den Geburten und Besorgungen absieht, nicht viele Gelegenheiten, den Raimartihof zu verlassen. Sie und ihr Mann hatten genug zu tun mit der Landwirtschaft, den Kindern, den Rindern und Schweinen, dem Ausflugslokal, das sie um- und ausbauten und mit Eigenstrom durch Wasserkraft versorgten. Erst 1978 wurde der Raimartihof an das öffentliche Stromnetz angeschlossen. „Heute“, sagt Margarete Andris nicht ohne Stolz, „haben wir acht große Tiefkühltruhen“. Fragt man sie nach Urlaub, lacht sie. „Nei, nei.“ Einmal hat ihr der Arzt eine Erholung bei Bad Krozingen verordnet, da waren die Kinder bereits aus der Schule. „Es war schon mal interessant“, sagt sie. Aber sie war froh, als sie wieder auf dem Hof war.

Zwei Jahre nach der goldenen Hochzeit ist ihr Mann gestorben. Seit 1982 führt Sohn Bernhard, ein Koch, mit seiner Frau den Hof, mittlerweile in der sechsten Generation. Sein unverheirateter Bruder Johannes kümmert sich um die Galloway Rinder und die Landwirtschaft und beobachtet mit Sorge, wenn wieder ein Schwarzwaldhof stirbt und dort, wo früher Kühe standen, edle Reitpferde weiden. Dieses Schicksal soll dem Raimartihof erspart bleiben. Eine Enkelin von Margarete Andris, das steht jetzt schon fest, wird den Hof einmal weiterführen. Als ihr Schwiegervater im Sterben lag, hatte er ihr ein Versprechen abgenommen. „Geb mir auf's Höfle acht“, bat er sie mit letzter Kraft. Margarete Andris hat Wort gehalten.

zum nächsten Reisebericht

loader
loader
Hochschwarzwald Tourismus Feedback Feedback geben