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Gemolken wird immer Nach dem Milchlaster können die Schwarzwaldbauern ihre Kuckucksuhren stellen

Morgens um halb fünf ist es oben am Thurner im Hochschwarzwald am schönsten, jedenfalls zur Sommerzeit: Spektakulär geht die Sonne über den dunklen Bergketten auf. Andreas Preisendanz reibt sich die letzten Krümel Schlaf aus den Augenwinkeln und steigt ins Führerhaus seines Milchlasters. Dunstfetzen wabern zwischen Bergkuppen und dann strahlt das rotgoldene Sonnenlicht über die Bergwiesen.

von Patrick Kunkel, 07. Oktober 2013

Andreas und sein Laster kommen in alle Ecken des Schwarzwalds
Andreas und sein Laster kommen in alle Ecken des Schwarzwalds - © Patrick Kunkel

So zumindest muss man sich das wohl vorstellen, wenn man wie ich gerade unten im Tal, in Freiburg, im Bett liegt, und dunkle Vorhänge jeden Sonnenstrahl draußen halten. Was soll ich so früh auf dem Thurner? Während Andreas oben langsam vom Parkplatz rollt, drehe ich mich nochmal um und sehe im Traum eine orangerote Sonne, die in Endlosschleife wieder und wieder über dem Thurner aufgeht. Auch schön.

Hauptberuf: Milchlasterfahrer

Zwei Tage später: Die Sonne steht hoch am Himmel, wenn man sie denn vor lauter Wolken sehen könnte. Andreas Preisendanz, 48 Jahre alt, Schwarzwaldbauer im Nebenerwerb und hauptberuflicher Milchlasterfahrer bei der Freiburger Molkerei Schwarzwaldmilch, klettert ins Führerhaus seines blauen LKW. Punkt zwölf beginnt die Spätschicht und vor die Wahl gestellt, wollte ich doch lieber auf dramatische Lichtspiele in der Frühe verzichten. Was kein Fehler war, spektakulär ist unsere Lastertour auch ohne Sonnenaufgang.

Mit dem ein Meter langen Rohr saugt Andreas die 600 Liter Frischmilch fassenden Kanne in zwei Minuten leer.
Mit dem ein Meter langen Rohr saugt Andreas die 600 Liter Frischmilch fassenden Kanne in zwei Minuten leer. - © Patrick Kunkel

Schlag zwölf rollen wir langsam vom Parkplatz – zur gleichen Zeit sind im ganzen Südschwarzwald zehn weitere Milchlaster zur Großkollekte unterwegs, an 365 Tagen im Jahr, bei Wind und Wetter, komme, was wolle. Denn die Schwarzwälder Kuh und ihre Bauern richten sich weder nach meteorologischen Unbilden noch nach Ferien- oder Feiertagen. Gemolken wird immer.

Fünf nach zwölf: Neben zwei vollen Milchfässern wartet ein freundlich lächelnder Bauer mit blauer Latzhose am Straßenrand. Zeit für den Rüssel! Mit dem etwa ein Meter langen Rohr saugt Andreas die 600 Liter Frischmilch fassenden Kanne in weniger als zwei Minuten leer. Für ein ausführliches Schwätzchen bleibt da kaum Zeit: „Kommt Regen!“ - „Hmm.“ „Na, wird bald wieder besser.“ „Hmmm.“ – schon schmatzt und gurgelt es vom Boden der Kanne – Milch drin, Rüssel raus, weiter geht es.

30 Höfe pro Tour, 20.000 Liter Milch

Andreas fährt immer die gleichen Routen. Nach dem Milchlaster können die Schwarzwaldbauern ihre Kuckucksuhren stellen. Alle zwei Tage wird ein Hof angefahren und oft parkt Andreas direkt unterm Walmdach, wo sich oft, wie etwa im Tännlehof im Spirzen, Stall und Milchkammer befinden. Dort klinkt Andreas den armdicken Milchschlauch ein. Bei größeren Höfen kommen in zwei Tagen schnell mal ein paar tausend Liter Milch zusammen. Und da die zwei Kammern das Lasters nur 8.000 Liter fassen, steuert Andreas während einer Tour immer mal wieder den Thurnerparkplatz an. Dort steht nämlich ein leerer Anhänger, der im Laufe eines Nachmittags nach und nach aufgefüllt wird. 20.000 Liter Milch passen hinein.

Andreas kennt mittlerweile jeden Hof - und jeden Hofhund!
Andreas kennt mittlerweile jeden Hof - und jeden Hofhund! - © Patrick Kunkel

Dreißig Schwarzwaldhöfe steuert Andreas pro Tour an, stattliche Anwesen mit tief heruntergezogenen Walmdächern, schindelgedeckten Wänden und Blumenkästen vorm Balkon und zum Teil in schwindelerregender Lage am Steilhang: „95 Prozent der Höfe fahre ich direkt an, nur ein paar kleine liefern so wenig Milch, die müssen mit der Kanne an die Straße kommen.“ Was zuweilen die vernünftigere Lösung wäre: Zwei Kannen Milch hoch dürfte in manchem unzugänglichen Hochschwarzwaldtal deutlich einfacher sein, als 18 Tonnen Laster runter.

Aber so läuft das nicht. Die kleine Straße ins Steinbachtal bei St. Märgen etwa: Ein Traum! Sie schmiegt sich zuerst sanft an die Bergflanke. Um sich hinter der nächsten Biegung quer zu allen Gesetzen der Schwerkraft den Hang hinunter zu stürzen. Andreas sitzt ganz entspannt in seinem gut gepolsterten Fahrersitz, mir dagegen blitzen in Sekundenbruchteilen die wichtigen Fragen des Lebens durch den Kopf: Passt das breite Teil da überhaupt drauf? Funktionieren die Bremsen? Was, wenn die Bremsen nicht funktioneren? Andreas lächelt und lenkt. Wenn da jetzt ein Radfahrer kommt? „Das passiert selten.“ Doch auf engen Straßen wie diesen sei der Fall dann klar: „Ich kann nicht ins Bankett fahren, sonst rutscht mir der ganze Laster ab.“

"Ja, das ist hier noch eine heile Welt."

Früher gab es wesentlich weniger große Höfe, die direkt angefahren wurden. „Heute heißt es: wachsen oder weichen“, sagt Andreas. Er selbst habe mit seinem Hof in Lenzkirch vor der Entscheidung gestanden – und wich. Zehn Jahre ist das her: „Ich komme auf 50 Stunden in der Woche im Laster.“ Und etliche Stunden, die er als Nebenerwerbslandwirt  auf seinem Hof ackert, wo er Jungvieh für Milchbetriebe aufzieht und sich um die Ferienwohnungen kümmert.

„Es sind zwar immer die gleichen Handgriffe“, beschreibt Andreas seine Arbeit: Aussteigen, Schlauch rein, Schlauch raus. Wieder einsteigen, Motor an und weiter. Aber monoton sei sie deshalb nicht. Wie auch, wenn einem das Adrenalin ständig in die Blutbahn schießt?

„Für mich sind diese engen Straßen eine Selbstverständlichkeit“, lacht er und drückt das Gaspedal durch um den nächsten Anstieg zu nehmen. „Für andere ist das manchmal erschreckend. Am Spirzen rauscht er wieder so eine Stichstraße runter: „Ja, das hier ist noch eine heile Welt“, sagt Andreas. Und ja: Einsam und weit entfernt voneinander liegen hier die Höfe zwischen Wald und Weiden, manche krallen sich an steile, bewaldete Hänge – ein Idyll. Und ich frage mich, wie es hier wohl im Winter sein mag, wenn die Straßen gefroren oder zugeschneit sind.

Auf einen Schwatz beim Bauer
Auf einen Schwatz beim Bauer - © Patrick Kunkel

Auch den Wechsel der Jahreszeiten genieße er, sagt Andreas – wobei Schwarzwälder Milchlasterfahrer da scheinbar ganz interessante Vorlieben haben: „Wenn frischer Pulverschnee auf den Straßen liegt und ich da drüber fahren darf – das ist traumhaft.“ Ja, vielleicht mit Langlaufski auf der Thurnerspur, aber doch nicht mit vollem Milchtank ein 18-prozentiges Gefälle runter, an dessen Ende eine steile Linkskurve lauert? „Ich habe vier Schneeketten und Allradantrieb. Es dauert lange, bis so ein Laster ins Rutschen kommt“, sagt Andreas. „Doch dann wird es schwierig.“ Es habe aber noch keine Situation gegeben, in der die Schwarzwaldmichlaster nicht gefahren seien, höchstens dass einzelne Höfe mal nicht angefahren worden sind. Ob Eisregen, Nebel, Schnee oder Bullenhitze: Andreas und seine Kollegen machen ihren Job. Selbst während Orkan Lothar durch den Schwarzwald fegte, seien die Laster gefahren.

Aber jetzt ist ja Sommer. Andreas passiert hier ein Wegkreuz, da eine Kapelle und dort einen üppigen Bauerngarten. Durchs offene Fenster weht der Duft von frisch gemähtem Heu, von Gülle, von würzigen Tannenwäldern – das ganze Schwarzwälder Duftsortiment. „Und jeden Tag habe ich diese herrlichen Aussichten. Andere Leute kommen von weit her, um das zu genießen.“ Andreas ist im Schwarzwald aufgewachsen und kennt sich eigentlich aus. Mit dem Laster aber käme er in  Ecken: „Da war ich früher nie.“

Automatisiert

Inzwischen kennt er alle Schleichwege und streichelt jeden Hofhund. Er schätzt es sehr, mit der Zeit die Leute kennen zu lernen, ihre Eigenheiten und ihre Spleens. Und dann gibt es da die besonderen Situationen wie etwa Geburten von Kälbern. Das passiert natürlich nicht oft, eher wird er mal zu einem Kaffe eingeladen: Heute etwa im Kreuzhof in St. Märgen, wo uns die Bäuerin lächelnd in die niedrige Küche einlädt und einen gerade aufgebrühten Kaffee serviert mit Milch frisch aus dem Euter.

Sehr oft jedoch trifft Andreas auf den Höfen niemanden an: „Gegen Abend und Vormittags trifft man mehr Leute, früher kamen die Bauern manchmal noch raus, um zu fragen, wie viel Milch abgeholt wurde. Das ist wichtig für die Abrechnung. Heute können sie die Werte im Internet abrufen.“ Denn noch während die Milch durch den Schlauch in die Tanks von Andreas Laster gurgelt, wird per GPS der genaue Standort ermittelt, die genaue Milchmenge erfasst sowie Temperatur, Keim- und Zellzahlen gemssen. Außerdem wird automatisch eine Probe entnommen, die jedem Hof zugeordnet werden kann. Am Ende jeder Schicht überprüft Andreas mit einen Schnelltest die Qualität der Milch im Tank. Sollte sie etwa mit Antibiotika verunreinigt sein, müsse alles entsorgt werden und das kann teuer werden: „Dank der Proben weiß man, wer der Verursacher ist, und der muss den Schaden dann halt auch zahlen“, sagt Andreas.

Standort, Temperatur, Keimzahlen: Viel Technik im Laster
Standort, Temperatur, Keimzahlen: Viel Technik im Laster - © Patrick Kunkel

„Früher habe ich auch als Fernfahrer gearbeitet“, sagt er: „Nie im Leben würd ich das wieder machen wollen. Ich fahre lieber von Hof zu Hof als auf der Autobahn. Ich bin in der Natur, bei jedem Wetter draußen. Ich bewege mich und kriege keinen Wanst. Ich bekomme die Jahreszeiten hautnah mit. Und wenn ich morgens um fünf müde in den Laster steige und dann die Sonne aufgeht, das ist die Belohnung.“ Und zwar in echt, nicht nur im Traum. 

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