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Über dem Klavier wacht ein Wildschweinkopf, über dem Tresen sitzt ein Auerhahn "I hat selleweg Luscht!"

Statt in die Kneipe oder ins Wirtshaus geht man im Hochschwarzwald ins Bierhäusle. Ein ganz besonders uriges Exemplar gibt es in Eisenbach, im Ortsteil Schollach.

von Barbara Bollwahn, 17. Mai 2013

© Barbara Bollwahn

Einen knappen Kilometer nach dem letzten Gehöft steht das 1572 errichtete Haus mit der typischen Holzschindelfassade. Auch der Wirt ist ein Original: Hermann August Kleiser, geboren 1934 auf dem Hof auf der gegenüberliegenden Straßenseite als letztes von sieben Kindern und von Stammgästen und Freunden nur „d’Guscht“ genannt. Nach dem Tod seines Vaters übernahm er mit Mitte 30 das Bierhäusle. „I hat selleweg Luscht“, sagt der 78jährige Junggeselle und Landwirt, der im gleichen Haus wohnt und für den die Gaststube ein verlängertes Wohnzimmer ist. Es hat sich halt so ergeben. Selleweg, welleweg, sällemol – eine Lektion im alemannischen Dialekt gibt es im Bierhäusle gratis dazu.

Im Vorraum zur Gaststube erinnert eine Holztafel an zwei Verwandte, die im 19. Jahrhundert in diesem Haus geboren wurden und weit über Schollach hinaus gewirkt haben: Da ist zum einen Engelbert Kleiser, im Volksmund „Blinder Pfarrer von Bickesheim“ genannt, der infolge einer Augenentzündung jahrzehntelang ohne Augenlicht war und sehr verehrt wurde.

© Barbara Bollwahn

Zum anderen ist da Johannes Kleiser, der Gründer des Canisiuswerkes, einer römisch-katholischen Ordensgemeinschaft. Und auch drinnen setzen sich die Spuren der Vorfahren fort. Die ausgestopften Tiere in der Gaststube hat der Vater vom Guscht, der leidenschaftlicher Jäger war, erlegt: Über dem Klavier wacht ein Wildschweinkopf, über dem Tresen sitzt ein Auerhahn, an den Wänden erinnern Geweihe an erlegte Rehböcke.

Das Vesper: Sagenhaft!

Der Charme der Gaststube liegt darin, dass sich seit Jahrzehnten so gut wie nichts geändert hat. Auf den Tischen stehen Körbchen mit Erdnüssen und Schokoriegeln, aus denen sich die Gäste für wenige Cent bedienen können. Warmes Essen gibt es im Bierhäusle nicht.

© Barbara Bollwahn

Dafür kann sich das Vesper, das in kleinen oder großen Portionen angeboten wird, sehen lassen. Sowohl die Blut- als auch die Leberwurst und der Schwarzwälder Schinken stammen aus eigener Schlachtung und sind so gut, dass viele Gäste das Angebot, die Reste einzupacken, gerne annehmen. Wird ein Vereinsjubiläum oder ein Geburtstag gefeiert, wird „d’Guscht“ von seinem Neffen und dessen Frau unterstützt, die auf dem Hof gegenüber wohnen.

Mittwochs ist der einzige Tag, an dem das Bierhäusle geschlossen ist. Da probt der Männergesangsverein „Harmonie“, in dem der Wirt selbst seit 1955 Mitglied ist und mit Leidenschaft den zweiten Bass singt. Donnerstags trifft sich am Stammtisch die Cego-Runde. Cego ist ein typisches Kartenspiel im Hochschwarzwald, das nach mündlichen Überlieferungen badische Soldaten während der napoleonischen Kriege aus Spanien mitgebracht haben sollen und dessen Karten den Tarotkarten ähneln.

© Barbara Bollwahn

Nicht selten fliegen bis in die frühen Morgenstunden Begriffe wie „Fort!“, „Fort sole!“, „Schufle!“ und „Gstieß!“ durch den Gastraum. Wurden früher ganze Höfe verspielt, geht es heute nur noch um Centbeträge. Gegen Mitternacht stärken sich die Spieler mit Kuchen, den einer der Spieler, ein Bäcker, jeden Donnerstag mitbringt.

Der Wirt macht ein Nickerchen am Ofen

Wer sich für die Geschichte von Schollach und anderer Orte im Hochschwarzwald interessiert, findet in Guscht, der sich auch für alte Uhren interessiert und aus dessen Schlafzimmer über der Gaststube in stillen Momenten das Rufen des Kuckucks aus einer Kuckucksuhr zu hören ist, einen guten Kenner der Region.

© Barbara Bollwahn

Seit Jahrzehnten sammelt er Dorfchroniken und Bücher über den Schwarzwald, in denen er gerne liest. „Der Hochschwarzwald von der Eiszeit bis heute“ zählt zu seinen Lieblingsbüchern. Es ist ein Geschenk eines Gastes. „Für Guscht, bei dem das Speckvesper besonders gut schmeckt“, hat dieser als Widmung hinein geschrieben. Es ist dem Bierhäusle zu wünschen, dass „d’Guscht“ noch lange die gute Seele des Hauses bleibt. Überkommt ihn die Müdigkeit, müssen seine Gäste noch lange nicht gehen. Dann hockt er sich einfach neben den Ofen oder an einen Tisch und macht ein Nickerchen.

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