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E-Bike Tour zwischen Schwarzwaldgipfeln und Schwarzwaldseen Was auf dem Höhenprofil aussieht wie eine Etappe der Tour de France ist mit dem E-Bike recht entspannt

Beim Anblick des Höhenprofils muss ich kräftig schlucken: Auf dem Seenradweg gilt es 66,9 Kilometer und 749 Höhenmeter zu erradeln. Das Gute daran: Ich muss das nicht aus eigener Kraft pedallieren. Denn der Seenradweg im südlichen Schwarzwald wurde eigens für E-Bikes konzipiert. So kann ich mich beim Anstieg auf den 1.196 Meter hohen Rinken auf die Kraft des Akkus verlassen. 

von Birgit-Cathrin Duval, 17. Juli 2013

Fast hätten wir uns verfahren und wären gradewegs ins Tal gesaust, doch im letzten Augenblick erkennen wir das Seenradweg-Schild, das uns geradeaus Richtung Raimartihof führt.
Fast hätten wir uns verfahren und wären gradewegs ins Tal gesaust, doch im letzten Augenblick erkennen wir das Seenradweg-Schild, das uns geradeaus Richtung Raimartihof führt.  - © Birgit-Cathrin Duval

Vor uns glitzert der Titisee im Licht der Morgensonne. Der See ist so glatt und still als hätte man ihn mit einer Klarsichtfolie überzogen. Im See spiegelt sich der azurfarbene Himmel, was dem Titisee eine gewisse Magie verleiht.

Glaubt man den Sagen, dann ist der Titisee von unermesslicher Tiefe, an dessen tiefster Stelle sich eine versunkene Stadt befindet. Angeblich hatten einst die Bewohner ausgehöhlte Brotleibe als Schuhe missbraucht, für dessen Frevel sie mit dem Untergang ihrer Stadt bestraft wurden. Von Untergangsstimmung ist heute keine Spur. Die Sonne entfaltet ihre Kraft am wolkenlosen Himmel über dem Schwarzwald.

„Lustvoll jeden Berg erklimmen“

Am Ende der Seepromenade befindet sich die E-Bike Verleihstation, dort starten wir zur Seentour. Noch bevor das erste Ausflugsboot die Stille des Sees stört, treten wir in die Pedale und sausen davon. Wie von unsichtbarer Hand geschoben erleben wir die neue Leichtigkeit des Radelns. „Lustvoll jeden Berg erklimmen“ und „Mit einem Lächeln auf den Lippen gegen den Wind fahren“, so wirbt der Seenradweg-Flyer für die neue Leichtigkeit des E-Radelns. Das funktioniert allerdings nur, so lange der Akku genügend Saft hat. Deshalb versuche ich möglichst schonend im Eco-Modus zu fahren, um den Akku nicht leerzusaugen und dem Stillstand am Berg vorzubeugen.

Die Urkraft der Landschaft - oder ist das der Akku?

Auf der Straße lassen sich die Bikes super fahren. Ergonomische Handgriffe und eine aufrechte Sitzhaltung – so ist das E-Biken ein Genuss. Flugs sind die ersten zehn Kilometer bewältigt, entspannt radeln wir durch Hinterzarten und folgen der kleinen Straße, die uns Richtung Alpersbach bringt. Es geht spürbar bergauf, ich schalte auf Standard. Mein Pedaltritt wird augenblicklich vom Motor meines E-Bikes unterstützt. Locker überhole ich einen Rennradler und bekomme ein schlechtes Gewissen. Warum eigentlich? Statt Hecheln und Schwitzen trete ich gelassen in die Pedale und kann mich der tollen Umgebung widmen. In diesem Tal ticken die Uhren anders. Alte Schwarzwaldhöfe schmiegen sich auf den Bergweiden. Abgeschirmt vom Rest der Welt wirkt das Alpersbachtal unverbraucht und natürlich. Man spürt die eine ureigne Kraft, die von diesem Ort ausgeht und die uns beflügelt. Oder ist es die Kraft des Akkus, die uns auf unserer E-Bike-Tour zu Höchstleistung antreibt?

Treten muss ich trotzdem, und das nicht wenig. Denn nun zieht sich die Straße hinauf zum Rinken, mit 1.196 Metern, höchster Punkt des Seenradwegs. Was auf dem Höhenprofil aussieht wie die Etappe der Tour de France nach Alpes d’Huez ist mit dem E-Bike recht entspannt. Und ich habe nicht einmal in den Modus „High“ geschaltet, der mir die größtmögliche Unterstützung des Motors bietet. Auf dem Rinken angekommen, blicken wir gradewegs auf den Feldberg, auf dem noch immer Schneereste liegen.

Pünktlich zur Mittagspause kehren wir auf dem Raimartihof ein. Seit 1825 wird der urige Schwarzwaldhof bereits in der 6. Generation von der Familie Andris bewirtschaftet.
Pünktlich zur Mittagspause kehren wir auf dem Raimartihof ein. Seit 1825 wird der urige Schwarzwaldhof bereits in der 6. Generation von der Familie Andris bewirtschaftet.  - © Birgit-Cathrin Duval

Fast hätten wir uns verfahren und wären gradewegs ins Tal gesaust, doch im letzten Augenblick erkennen wir das Seenradweg-Schild, das uns geradeaus Richtung Raimartihof führt. Offensichtlich waren wir nicht die ersten, die auf dem Rinken falsch abgebogen sind. Ein zusätzliches, handgemachtes Schild mit dem Aufdruck eines Fahrrades weist uns Radlern den rechten Weg.

Flott sausen wir bergab. Da kann der Akku getrost ausgeschaltet bleiben. Ich bin überrascht, wie gut sich der Flyer mit seiner Tourenradbereifung auf dem Waldweg fahren lässt.

Relikte der Eiszeit 

Pünktlich zur Mittagspause kehren wir auf dem Raimartihof ein. Der Hof wurde 1710 erbaut und liegt in 1.108 Metern Höhe am Fuße des Feldberges. Seit 1825 wird der urige Schwarzwaldhof bereits in der 6. Generation von der Familie Andris bewirtschaftet. Wir genießen unser Mittagessen – Bratkartoffeln und Zieger auf der Sonnenterasse.

Bis uns die dunklen Wolken, die vom Westen her über den Feldberg ziehen, zum Aufbruch mahnen. Zeit für einen Abstecher zum Feldsee muss sein. Ein wurzeliger Waldweg, der sich mit dem E-Bike gut fahren lässt, bringt uns direkt zum See. Wir wähnen uns in Kanada. So einsam und wild liegt der kreisrunde See vor uns. Imposant umfassen die bis zu 300 Meter hohen Steilwände den Karsee, der als Relikt der letzten Eiszeit durch Gletscher entstanden ist.

Treten was der Akku hergibt

Doch wir müssen weiter, schließlich wollen wir den Windgfällweiher und den größten See des Schwarzwaldes, den Schluchsee, umrunden. Ich schalte um in den Modus „Standard“, denn es geht hinauf nach Bärental. Angesichts des Unwetters, das sich über uns zusammenbraut, verzichten wir auf den Besuch des Schnapsmuseums und radeln gleich weiter Richtung Schluchsee. Bis zum Windgfällweiher führt der Radweg neben der verkehrsreichen Autostraße. Wir schalten einen Gang höher und treten, was der Akku hergibt, um so schnell als möglich die lärmige Straße hinter uns zu lassen. Bis zum Bahnhof Aha radeln wir auf einem stillen Waldweg. In der Ferne hören wir erstes Donnergrollen.

In zügiger Fahrt haben wir den Schluchsee erreicht. Ursprünglich ein Gletschersee, entstand der heutige Stausee durch eine Anstauung der Schwarza. Der See ist rund sieben Kilometer lang und 1,4 Kilometer breit und liegt in einer Höhe von 930 Metern.

Wir wähnen uns in Kanada. So einsam und wild liegt der kreisrunde See vor uns.
Wir wähnen uns in Kanada. So einsam und wild liegt der kreisrunde See vor uns. - © Birgit-Cathrin Duval

Wir schaffen es bis zur Staumauer und retten uns vor dem Gewittersturm in das Bushaltestellenhäuschen, wo wir das Donnerwetter über uns ergehen lassen.

Eine halbe Stunde später sitzen wir mit Regenjacken auf den E-Bikes. Der Gewitterregen hat tiefe Pfützen hinterlassen. In rekordverdächtigem Tempo rasen wir auf dem Waldpfad Richtung Unterkrummenhof. Dabei hatten wir uns so auf das Picknick gefreut, das wir auf der Bank mit dem schönen Blick auf den Schluchsee machen wollten. Bis uns, irgendwann dämmert, dass wir an der schönen Aussicht, mit der auf dem Seerad-Plakat und Flyer geworben wird, gar nicht vorbeigekommen sind. Hätte man ja zumindest vermerken können, dass man für die Aussicht weiter den Berg hinaufradeln muss.

Neuer Akku ganz umsonst, was für ein Service!

Aussicht hin oder her – wir wollen so schnell wie möglich wieder zurück zum Titisee. Auf dem steinigen Schotterabschnitt nach dem Windgfällweiher verliere ich einen weiteren Strich auf der Cockpitanzeige meines E-Bikes. Ob der Akku bis Titisee hält? Ich habe da so meine Zweifel. Da kommt das Bistro Expresso in Altglashütten wie gerufen. Bereits von weitem erkenne ich das Schild „Akkuwechselstation“. Der Austausch klappt wie am Schnürchen. Für den erschöpften Akku erhalte ich einen vollgeladenen Ersatz. Und das kostet nix. Was für ein Service. Mit vollem Akku geht es im Modus „High“ zügig über Bärental zurück zum Titisee. Das letzte Stück entlang des Titisees entpuppt sich als weiteres Highlight des Seenradwegs. Habe ich den Titisee überhaupt einmal von dieser Perspektive – also von hinten – gesehen?

Die letzten Meter auf der Seepromenade. Tatsächlich, es sind genau 67 Kilometer, die wir heute geradelt sind. Vier Seen, 749 Höhenmeter und ein Gewitter später steigen wir von unseren E-Bikes. So schön kann radeln im Schwarzwald sein. Ganz entspannt und garantiert ohne Muskelkater.

Gut zu wissen

  • E–Bike Radweg Seenradweg: 66,9 Kilometer, 749 Höhenmenter, Schwierigkeit: Mittel, Fahrzeit: ca. 5-6 Stunden
  • E–Bike Verleihstation: Intersport Ski Hirt, Seepromenade Titisee, verleih@ski-hirt.de

Die Technik steht nie still und so sind seit der Sommersaison 2017 E-Bikes mit besserer Akkuleistung im Verleih erhältlich, wodurch ein Akkuwechsel auf dem Seenradweg nicht mehr nötig wird. Die Akkuwechselstationen werden daher seit dieser Saison nicht mehr angeboten.

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