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Beim Kuckucks-Clan Ein wenig sieht es so aus, als würde hier eine Reihenhaussiedlung für Vögel geplant

Einmal durch den Hochschwarzwald, von West nach Ost: Moritz hat sich auf einen Roadtrip begeben. Auf allen Sorten Skiern, im Kanu, zu Fuß. Heute: Schlechtwetter I – Warum Herr Schwarz den Kitsch nicht mag und Herr Weiß die besten Ohren der Region hat.

von Moritz Baumstieger, 07. März 2017

„Schreiben Sie aber bitte ja nichts von Kitsch!“, ruft Herr Schwarz noch einmal zum Abschied, dann ist er verschwunden. Herr Schwarz hat es eilig. Zeit ist zwar sein Geschäft, aber er hat keine. Die Firma, für die Herr Schwarz arbeitet, stellt ja auch keine Stunden, Minuten und Sekunden her, sondern Uhren. So richtig schwarzwäldische, zum Kuckuck.

Vierzig Minuten, bevor Herr Schwarz zum letzten Mal seine Abneigung gegen das Wort Kitsch zum Ausdruck gebracht hat, sitzt er in einem holzverkleideten Präsentationsraum. Der Raum hat keine Fenster, sonst könnte man sehen, wie draußen der Regen auf Neustadt fällt. Die eigentlich für heute geplante Schneeschuhtour habe ich gestrichen und bin stattdessen zur Firma Hönes gefahren. Mitglied im „Verein die Schwarzwalduhr“, Kuckucksuhrenhersteller seit Anfang der Fünfziger Jahre.

Kuckucks-Uhren-Fans sitzen im Ausland

Wie alle anderen Firmen, die Uhren mit Vögelchen im Holzgehäuse verkaufen, hat die Firma Hönes ein kleines Problem, das sich bei genauerer Betrachtung aber als Luxusproblem herausstellt. Während andere Branchen davon profitieren, dass bei vielen jungen Menschen Tradition und Handwerk wieder im Trend liegt, will das Segment der Kuckucks-Uhren davon noch nicht richtig profitieren. Das leicht verstaubte Image lässt sich einfach nicht wegpusten.

Aber eigentlich ist das gar nicht so schlimm, denn die größten Kuckucks-Uhren-Fans sitzen eh im Ausland. Und wachsen sogar nach. „Der Amerikaner“, erklärt Herr Schwarz, „der Amerikaner ist seit dem elften September nicht mehr so reisefreudig“. Weniger amerikanische Touristen, das hieß zunächst auch: Weniger verkaufte Kuckucks-Uhren. Doch dann tauchten plötzlich der Chinese und der Russe auf, erzählt Herr Schwarz, und siehe da: Auch die wollen Qualität. Das Original. Die Schwarzwälder Kuckucks-Uhr. „Billigware haben die ja schon selber zuhause genug“, sagt Herr Schwarz. Deshalb verlassen nach wie vor 30.000 bis 40.000 Uhren pro Jahr die Fabrik in Neustadt.

Bis die Kuckucke einziehen können muss noch einiges getan werden

Die befindet sich direkt hinter dem holzverkleideten Präsentationsraum. Also zumindest teilweise. Denn die Vormontage, die wird nach wie vor von Heimarbeitern durchgeführt, so wie früher eben. Wenn aber die Gehäuse zusammengezimmert sind, die Schnitzereien vom Schnitzer geschnitzt wurden und die Uhrwerke aus dem nahen Schonach angeliefert wurden, dann machen sich Männer wie Herr Meißner ans Werk.

Vor ihm liegen in einer langen Reihe Kistchen, aus denen Kuckucks-Uhren werden sollen. Ein wenig sieht es so aus, als würde hier eine Reihenhaussiedlung für Vögel geplant. Bis die Kuckucke aber einziehen können, dauert es noch. Die Häuschen müssen noch ein wenig verschönert werden, neben Herrn Meißner steht eine Kiste mit Fassadenteilen. Noch sitzen sie nicht ganz, Herr Meißner wird das ändern. „Schrummschrumm“, macht die Fräse, Herr Meißner nimmt Maß, dann holt er zwei kleine Nägelchen, „klopfklopf“. Mit Schnitzerei vorne drauf wirkt die Uhr plötzlich doppelt so groß. Ganz schön trickreich, der Herr Meißner.

Dann liegen da noch zwei kleine Hölzstückchen. Auf die sind schwarze Klötzchen geleimt, auf denen wiederrum komische Klappen kleben.

„Was ist das denn, Herr Meißner?“

Herr Meißner sagt nichts, sondern nimmt die Klötzchen in die Hand. Hebt die Klappen, lässt sie los – und verrät so ein kleines Geheimnis. „Kuckuck!“, macht es. Unter den Klappen sitzen kleine Blasebälger. Und wenn die Klappen gehoben werden, wird Luft erst durch eine Pfeife mit einem hohen Ton („Kuck-!) und dann durch eine mit einem tiefen Ton (-„kuck“!) gepustet.

Der Schwarzwald-Siegel-Härtetest

Dass das auch alles funktioniert, das kontrolliert Herr Weiß. Der hat einen extra Raum in der Fabrik, an den Wänden hängen viele, viele Kuckucks-Uhren, die drei Tage lang beweisen müssen, dass sie das Schwarzwald-Siegel verdienen. Hier und da macht eine „Kuckuck“, die anderen ticken nur, das dafür kräftig durcheinander. Für Laien hört sich das so an, als würde man in einem Zelt liegen, auf das der Regen prasselt. Für Herrn Weiß scheint es aber möglich, mehr aus diesem Geticke zu herauszuhören, denn ab uns zu geht er auf eine bestimmt Uhr zu, hält das Ohr nahe ans Ziffernblatt und schließt die Augen. Dann nickt er, nimmt die Uhr vom Haken und holt eine kleine Zange aus der Tasche seines Kittels. Herr Weiß macht sich am Uhrwerk zu schaffen, Herr Schwarz nickt zufrieden. „Sehen Sie? Das ist Handwerk. Das ist Qualität. Das hat doch nichts mit Kitsch zu tun!“

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