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Winterhalder und Spiegelhalder Woher die Menschen, Berge und Höfe im Schwarzwald ihre Namen haben - Ein Interview mit Namensforscher Prof. Kunze

Konrad Kunze, 74, geboren in Titisee-Neustadt, Universitätsprofessor im Ruhestand, wohnhaft in Freiburg, gehört zu den bekanntesten deutschen Namensforschern. Neben der deutschen und lateinischen Literatur des Mittelalters und Legenden- und Heiligenforschung beschäftigt er sich mit Sprachgeschichte und Namensforschung. Das von ihm verfasste Taschenbuch „dtv - Atlas Namenkunde. Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet“ liegt bereits in der 5. Auflage vor.

von Barbara Bollwahn, 31. Oktober 2013

Prof. Konrad Kunze, Experte für Namenskunde aus Titisee-Neustadt
Prof. Konrad Kunze, Experte für Namenskunde aus Titisee-Neustadt - © SWR

Im Volksmund heißt es: Namen sind Schall und Rauch. Teilen Sie diese Weisheit?
Konrad Kunze: Der Satz stammt ja nicht aus dem Volksmund, sondern von Goethe. Und es geht nicht um Namen, sondern um Begriffe. Glaubst du an Gott, fragt Faust das Gretchen. Und dann kommt der berühmte Satz, dem ich natürlich nicht zustimme.

Warum nicht?
Weil Namen die allerwichtigsten Mittel sind, mit denen wir unsere Umgebung identifizieren können.

Woher es Höfle sein Name hat

Sie haben sich unter anderem damit beschäftigt, woher die Namen von Höfen im Schwarzwald kommen. Was haben Sie heraus gefunden?
Es ist ein typisch Schwarzwäldisches Phänomen, Personen nach ihren Höfen zu benennen. Wenn Sie fragen, „Wo wohnt denn der Herr Moser?“, werden die Leute sagen, den gibt es nicht. Wenn Sie nachbohren, werden die Leute fragen: Ja, wie heißt der denn richtig? Dazu müssen Sie wissen, dass das der Haldebuur ist, der Bauer, der auf dem Haldenhof wohnt. Die meisten Höfe im Schwarzwald sind nach Personen benannt. Da ist der Nazihof, wenn er Ignatius hieß oder der Tonihof, wenn der Besitzer mit Vornamen Antonius hieß. Kommt die nächste Generation hinzu, wird es der Tonihansenhof, und nach vier Generationen der Tonihansjörgenmartishof.

Viele Höfe werden auch nach ihrer Lage benannt oder?
Ja, wie beispielsweise der Winterhalderhof oder der Spiegelhalderhof, je nachdem, ob sie auf der Schatten- oder Sonnenseite vom Tal liegen. Das sind von der Natur her motivierte Namen. Ganz alte Höfe heißen etwa Schweizer Hof, Schwabenhof oder Behahof. Wenn die Leute aus der Schweiz gekommen sind, kann man das sehr schön besonders im Südschwarzwald ablesen. Schwabenhöfe gibt es vor allem im mittleren Schwarzwald und Beha ist der Böhme, also Leute, die aus Böhmen gekommen sind, und sich in verschiedenen Gegenden des Schwarzwalds angesiedelt haben.

Keltisch, italienisch oder doch deutsch? 

Können Sie auch etwas über Ortsnamen sagen, über die Ravennaschlucht? Was hat der Name mit der gleichnamigen Provinz in der Region Emilia-Romagna in Italien zu tun?
Gar nichts. Ravenna ist einer der umstrittensten Namen überhaupt im Schwarzwald. Auf jeden Fall hat es überhaupt nichts mit Ravenna zu tun (lacht). Es ist vermutlich ein galloromanisches Reliktwort. Unter Galloromanen versteht man die Bevölkerung, die hier in den ersten zwei nachchristlichen Jahrhunderten unter römischer Herrschaft lebte, also Kelten und Römer gemischt, die galloromanisch sprachen. Als die Alemannen eingewandert sind um das Jahr 260 nach Christus, haben sich die schon ansässigen Galloromanen in die Schwarzwaldtäler zurückgezogen und viele galloromanische Namen hinterlassen. Dazu gehört wahrscheinlich auch die Ravennaschlucht.

Woher hat der Kandel, die mit 1.241 Meter höchste Erhebung im mittleren Schwarzwald, ihren Namen?
Das geht noch ein bisschen weiter zurück und ist eindeutig keltisch. Kandel hängt mit dem keltischen Wortstamm cand- , weiß, zusammen, also der weiße, mit Schnee bedeckte Berg. Es gibt auch den Fluss Kander und den Ort Kandern, da steckt ebenfalls „weiß“ drin. Das hat in diesem Fall aber nichts mit Schnee zu tun, sondern mit weißem Wasserschaum.

Wieso hat der Feldberg, der höchste Berg in Baden-Württemberg, einen deutschen Namen, der Belchen aber, die vierthöchste Erhebung im Schwarzwald, einen keltischen?
Die Kelten saßen nicht im Schwarzwald, sie saßen außen herum. Den Schwarzwald fand man damals furchtbar. Man darf den Begriff Schwarzwald nicht falsch verstehen: Schwarzwald heißt das unheimliche, das abweisende Gebirge. Die dunklen Tannen und Fichten wurden erst im 19. Jahrhundert so massiv im Schwarzwald verbreitet. Die Kelten haben den Schwarzwald also von außen benannt, die keltischen Namen sind am Rand zu finden, Flüsse, die heraus fließen, oder der Berg Belchen, den man von außen sieht. Der Feldberg ist ein interessanter Fall, weil früher mit Feld alles bezeichnet wurde, was kein Wald war. Man müsste den Feldberg daher eigentlich mit „Waldfreier Berg“ übersetzen.

Traditionell aus dem Schwarzwald

Sie haben auch dazu geforscht, welche die häufigsten Familiennamen im Schwarzwald sind. Welche sind das?
Es kommt darauf an, wo man sich befindet. Es gibt typische Namen wie Winterhalder oder Spiegelhalder, die meistens aber falsch geschrieben werden, mit t statt mit d. Die Winterhalter oder Spiegelhalter halten nichts, sondern wohnen auf der Winterhalde oder der Spiegelhalde. Ein ganz typischer Name ist auch Ketterer, wie das berühmte Bier aus Hornberg.

Woher kommt dieser Name?
Das sind die Nachkommen einer Frau, die vor etwa 700 Jahren, als die Familienamen entstanden sind, Katharina geheißen hat, und im Dialekt Kätter gerufen wurde.

Welche Familiennamen sind noch häufig zu finden im Hochschwarzwald?
Bühler für jemanden, der an oder auf einem Bühl, einem Hügel, gewohnt hat. Rombach für jemanden, dessen Vorfahren aus einem jetzt nicht mehr existierenden Ort Rombach bei Bonndorf stammen. Fehrenbach(er) für jemanden aus Vöhrenbach. Saier für den Sämann. Weber für den Weber. Tritschler für Nachkommen eines Mannes namens Trudbert. Morath für Nachkommen eines Morhart. Kleiser für Nachkommen eines Nikolaus. Waldvogel für einen sangesfreudigen Menschen. Tröndle für jemanden mit tränenden Augen.

Familiennamen sind der einzige Bereich der europäischen Sprachen, der in seiner ausgeprägten räumlichen Vielfalt noch höchst unzureichend erfasst ist. Wie kommt das?
Wie hätte man die Verbreitung von vielen Millionen Familiennamen früher erfassen sollen? Das war unmöglich. Neue Möglichkeiten dazu eröffneten sich erst durch die elektronische Datenspeicherung und -verarbeitung. Die einzige Datenbank sind Telefonanschlüsse. Wir haben für den „Deutschen Familiennamenatlas“ von der Telekom die Festnetzanschlüsse von 2005 bekommen, die wir jetzt auswerten. Heute wäre ein solches Unternehmen nicht mehr möglich, weil die Zahl der Festnetzanschlüsse inzwischen wegen der vielen Handys rapide gesunken ist. Mit unseren EDV-Programmen können wir problemlos die Anzahl, Schreibweisen und Verbreitung aller Namen erfassen und auf Karten eintragen.

Sie betreuen seit etwa zehn Jahren im SWR-Radio eine Namenkunde-Sendung. Mit was für Fragen kommen die Hörer?
Die Sendung beschäftigt sich ausschließlich mit Familiennamen. Am Anfang haben die Hörer nach ihren eigenen Namen gefragt. Dann kamen plötzlich viele Frauen, die nach ihren Geburtsnamen gefragt haben. Es tauchen auch immer wieder fremde Namen aus Polen, Ungarn, Italien oder Schleswig Holstein auf, weil die hier besonders auffallen.

Sie haben sich auch mit der regionalen Verbreitung von Gasthausnamen beschäftigt und heraus gefunden, dass der häufigste deutsche Gasthausname die Linde ist. Trifft das auch auf den Schwarzwald zu?
Die Linde ist auch hier häufig. Aber ob es der häufigste Name ist, habe ich nicht ausgezählt. Vielleicht gibt es im Schwarzwald mehr Kronen, Adler, Sonnen, Sternen oder Löwen. Besonders aufregend ist der Hirschen.

Erzählen Sie!
Es gibt eine klare Grenze zwischen Hirschen und Hirsch. Im südlichen Dialektbereich, dem sogenannten Süd- oder Hochalemanischen, heißen die betreffenden Gasthäuser ausnahmslos „Hirschen“. Nördlich dieser Grenze aber „Hirsch“ und noch weiter nördlich heißen sie „Zum Hirsch“. Da sehen Sie, wie der Dialekt durchschlägt: Es gibt den Hirsch, das Tier, der Hirschen aber ist das Gasthaus.

Gut zu wissen

Konrad Kunze, 74, geboren in Titisee-Neustadt, Universitätsprofessor im Ruhestand, wohnhaft in Freiburg, gehört zu den bekanntesten deutschen Namensforschern. Neben der deutschen und lateinischen Literatur des Mittelalters und Legenden- und Heiligenforschung beschäftigt er sich mit Sprachgeschichte und Namensforschung. Das von ihm verfasste Taschenbuch „dtv - Atlas Namenkunde. Vor- und Familiennamen im deutschen Sprachgebiet“ liegt bereits in der 5. Auflage vor.

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