Zuerst war der Kuckuck eine Amsel Vor rund 300 Jahren begannen die Hochschwarzwälder damit, Uhren für den Weltmarkt zu produzieren

Die Kuckucksuhr ist und bleibt eines der Symbole für den Hochschwarzwald und sie ist in traditionellen sowie modernen Varianten weiterhin im In- und Ausland gefragt. Die ersten Uhren, die im Hochschwarzwald gebaut wurden, sahen allerdings noch ganz anders aus – und einen Kuckuck gab es damals auch nicht, der kam erst im Laufe der Jahre hinters Türchen. Die Entwicklungsgeschichte der Uhren zeigt, dass die Hochschwarzwälder geschäftstüchtige Tüftler sind.

von Daniela Frahm, 30. Juli 2019

Traditionelle Kuckucksuhr
Traditionelle Kuckucksuhr - © Hochschwarzwald Tourismus GmbH_Hannes Kutza

Auch wenn der mittlere Schwarzwald zwischen Neustadt und Triberg bereits Mitte des 18. Jahrhunderts ein „Uhrenland“ war, in dem Ende des 19. Jahrhunderts über anderthalb Millionen Uhren produziert wurden, ist die Uhr dort nicht erfunden, sondern kopiert, nachgebaut und weiterentwickelt worden. Ein Glasträger, der die Erzeugnisse der heimischen Glashütten in der Welt verkaufte, soll Mitte des 17. Jahrhunderts eine Uhr aus der Ferne mitgebracht haben, die auf dem Glashof Waldau von den Gebrüdern Kreuz nachgebaut wurde. Neu war allerdings, dass die Uhren aus Holz gefertigt wurden, mit Materialien aus der Umgebung, und sie dadurch billiger waren als Metalluhren, sodass sie sich auch Bürger und Bauern leisten konnten. „Darauf ist ihr weltweiter Erfolg zurückzuführen, heute würde man sagen, sie haben eine Marktlücke entdeckt und gefüllt,“ erklärt Herbert Mark, der sich ehrenamtlich im Klostermuseum St. Märgen engagiert, in welchem die Geschichte der Schwarzwälder Uhr eines der Hauptthemen ist.

Holzuhren
Holzuhren - © Daniela Frahm

Die ersten Schwarzwälder Uhren hatten Zahnräder aus Holz und Steine für den Antrieb. Es ging zunächst vor allem darum, sie verkaufen zu können und nicht darum, besonders schöne Uhren herzustellen. Angesichts des Niedergangs des Glasbläser-Handwerks waren zudem neue Wirtschaftszweige gefragt. Und nach den Glasträgern gab es immer mehr Uhrenträger, die mit ihren Rückentragen, den Krätzen, in die Welt hinauszogen, um die Holzprodukte aus dem Schwarzwald zu verkaufen. Um 1808 waren im Schwarzwald rund 3.000 Personen in Familienbetrieben beschäftigt und haben rund 160.000 Uhren pro Jahr hergestellt. Ab 1850 kamen Manufakturen und Fabriken hinzu, die arbeitsteilig jedes Jahr 600.000 Uhren produzierten. Diese Zahl wurde bis 1880 noch auf 1,6 Millionen gesteigert. Die familiären Strukturen und Uhrmacher-Sippen gingen verloren, die Produktion wurde rationalisiert und die Uhren wurden teilweise per Katalog verkauft. „Das widerspricht auch dem Klischee, dass Schwarzwälder unter sich bleiben wollen“, sagt Mark, „Sie haben für den Weltmarkt produziert.“

Die Lackschilduhr war die „Brotuhr“ - sie wurde am häufigsten verkauft

Dabei gab es regionale Besonderheiten und unterschiedliche Gestaltungen. Weil es in St. Märgen viele Glashütten gab, waren die Glasglocken für den Stundenschlag typisch, und sie waren deshalb später auch bei den Spieluhren führend, die mit Messing und Glas gefertigt wurden. Die „Brotuhr“ der Schwarzwälder, die sie am häufigsten verkauften, war hingegen die Lackschilduhr. An ihr waren Schildermacher und -maler, Uhrmacher, Seilmacher und Schmiede beteiligt. Im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert hatten sie als Front ein quadratisches weißes Schild, das mit den unterschiedlichsten Motiven, vor allem Blumen und Früchten im Stil der Bauernmalerei, verziert wurde. Meist verdeckte ein halbrunder Abschluss die Glocke.

Lackschilderuhren - die
Lackschilderuhren - die "Brotuhr" der Schwarzwälder - © Daniela Frahm

Das Hauptabsatzgebiet war England, da es die reichste Nation mit den größten Kolonien war und die Industrie dort schon sehr fortgeschritten war. Im Süden Englands gab es zu dieser Zeit etwa 230 Uhrenhändler aus dem Schwarzwald, die in den Städten auch eigene Geschäfte hatten.

Schon in der Zeit davor kamen jedoch auch aufwändigere und verspieltere Uhren hinzu, die meistens auf Bestellung angefertigt wurden, weil sie deutlich teurer waren. Um 1820 entstanden die Figurenuhren, und ab 1850 gab es eine immer größere Vielfalt. Bei den sogenannten „Augenwenderuhren“, den etwas einfacheren Automatenuhren, folgten die Augen der gezeichneten Personen dem Pendelschlag. Bei den Spieluhren, bei deren Entstehung im Schwarzwald die Organisten und Musiker der Klöster Pate standen, war die Zeitanzeige nicht mehr so wichtig wie die Musik. Verbreitet waren auch die Hochzeitsuhren für Brautpaare und die Wirtshausuhren, die verschiedene Lieder abspielen konnten, nach denen getanzt wurde.

Augenwenderuhr
Augenwenderuhr - © Daniela Frahm

Kuckucksuhr könnte eine Idee aus dem Orgelbau gewesen sein

Wie der Kuckuck letztlich in die Uhr kam, ist nicht verbrieft. Auf jeden Fall war zunächst ein anderer Vogel der Star im Gehäuse. Um die Uhren attraktiver zu machen, setzte Christian Wehrle vom Scheuerhaldenhof bei St. Märgen, ein Künstler unter den Uhrmachern, Mitte der 1770er Jahre zunächst eine Amsel ein, weil sie ein Singvogel ist und als schöner galt als der Kuckuck, der zudem als Nesträuber negativ besetzt war. Es entstanden Flötenuhren mit Figuren und Amseln als Prunkuhren für sehr reiche Adels- und Königshäuser, beispielsweise in St. Petersburg und Konstantinopel.

Den zweitönigen Ruf des Kuckucks nachzuahmen, könnte eine Idee aus dem Orgelbau gewesen sein. Die typische Kuckucksuhr, die heute noch nach Japan, China und in die ganze Welt verkauft wird, gibt es seit etwa 1850, danach wurde fast nur noch sie gebaut. Vorausgegangen war eine Phase der Überproduktion und des Preisverfalls, die mit betrügerischen Händlern und mangelhafter Qualität zusammenhing. Um die Ausbildung zu verbessern, wurde 1850 eine Uhrmacherschule in Furtwangen gegründet, die der Übergang zur industriellen Fertigung war.

Da die Uhren inzwischen auch als Wandschmuck dienten, entwickelte Friedrich Eisenlohr, Direktor des Polytechnikums in Karlsruhe, eine neue Uhr, die zur bürgerlichen Wohnkultur passte. Sie war angelehnt an die Bahnwärterhäuser im zeittypischen Baustil des Historismus, die er für die Rheintalstrecke der Badischen Eisenbahn entworfen hatte: die „Bahnhäusleuhr“, mit Laubsäge- und Schnitzarbeiten an der Front und dem aus dem Türchen kommenden Kuckuck - der im Laufe der Zeit nicht mehr daraus wegzudenken war.

Verschiedene Kuckucksuhren
Verschiedene Kuckucksuhren - © Daniela Frahm

Nachdem die Kuckucksuhr für jüngere Menschen in der Neuzeit eher ein Inbegriff für Spießigkeit war, haben Künstler sie in moderneren Varianten und bunten Farben längst wieder zu einem begehrten Objekt gemacht. Ein Beispiel dafür sind die Kuckucksuhren des aus Offenburg stammenden Street-Art-Künstlers Stefan Strumbel, der sich in seinen Arbeiten mit dem Thema „Heimat“ beschäftigt. Sie fallen durch sehr grelle Farben und Pop-Art-Elemente auf.

zum nächsten Reisebericht