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Finale mit Frühstück Warum der Weg von der Baldenweger Hütte nach Oberried auch mit leichtem Rucksack gangbar wäre

Einmal durch den Hochschwarzwald, von Süd nach Nord: Moritz hat sich auf einen Roadtrip begeben. Auf allen Sorten Rädern, im Kanu, zu Fuß. Heute: Endspurt über viel Stock und Stein – mit viel im Magen.

von Moritz Baumstieger, 22. August 2013

Der Wald ist hier dabei, sich wieder in einem Urwald zu verwandeln, deshalb bleibt liegen, was umfällt.
Der Wald ist hier dabei, sich wieder in einem Urwald zu verwandeln, deshalb bleibt liegen, was umfällt. - © Moritz Baumstieger

Es wäre jetzt unfair, der Wirtin der Baldenweger Hütte vorzuwerfen, dass gut gemeint nicht immer auch gut gemacht bedeutet. Aber an diesem finalen Wandertag – von der Hütte soll es über sieben Berge, sieben Wälder und sieben Wiesen bis ans Ende des Hochschwarzwaldes gehen und sogar noch ein wenig darüber hinaus bis Oberried – erwische ich mich manchmal bei diesem Gedanken. Das liegt an meinem Rucksack, der einfach nicht leichter werden will. Das wiederum liegt daran, dass in mir auch nach sechs Bergen, sechs Wälder und sechs Wiesen immer noch kein Platz ist, um den Vesperbeutel ein wenig leerer zu machen. Und daran ist die Wirtin dann doch ein klein wenig schuld.

Denn als Jan und ich – gut ausgeruht und fast mit der Sonne aufgestanden – in die Gaststube der Hütte treten, denke ich erst, über Nacht wären noch zwei Schulklassen zu Besuch gekommen. Gestern Abend waren wir die einzigen Gäste, jetzt ist ein ganzer Tisch dicht mit Tellern voll Wurst und Käse, voll Eiern und Brötchen, voll Joghurt und Orangensaft gedeckt. Schulklassen sind natürlich keine gekommen, das alles ist nur für uns. Und das alles aufzuessen, stellt sich als mindestens so anstrengend heraus, wie der Aufstieg am Tag zuvor.

Keine Menschenseele außer einem kleinen Schwarzwald-Mädel an der Zastler Hütte, aber das hat keine Lust auf Morgentratsch.
Keine Menschenseele außer einem kleinen Schwarzwald-Mädel an der Zastler Hütte, aber das hat keine Lust auf Morgentratsch. - © Moritz Baumstieger

Einen Vorteil hat die Völlerei aber: Als wir nach dem Gelage aufbrechen, bin ich im Gleichgewicht. Seelisch nach dem schönen Tag am Feldsee sowieso, aber auch körperlich: Hinten hängt der schwere Rucksack, vorne gleicht das ein schwerer Bauch aus. Wir folgen dem Feldberg-Steig, laufen an ein paar weiteren Hütten vorbei. Wir hören dem Vögeln beim Morgentratsch, zu Menschen treffen wir hingegen keine. Außer einem kleinen Schwarzwald-Mädel an der Zastler Hütte, aber das hat keine Lust auf Morgentratsch. Ist ja auch aus Holz.

Auf unserer Wegstrecke treffen wir auf so gewaltige umgestürzte Bäume.
Auf unserer Wegstrecke treffen wir auf so gewaltige umgestürzte Bäume. - © Moritz Baumstieger

Vom Wald zurück zum Urwald

Womit sie ein wenig das Leitmotiv der nächsten Stunde ankündigt: Auf unserer Wegstrecke treffen wir auf so gewaltige umgestürzte Bäume, dass man aus ihnen eine ganze Schwarzwald-Version der chinesischen Terrakotta-Armee schnitzen könnte. Der Wald ist hier dabei, sich wieder in einem Urwald zu verwandeln, deshalb bleibt liegen, was umfällt. Oder herunterfällt: Ein Schild warnt davor, zu lange unter Bäumen stehen zu bleiben, morsche Äste könnten sonst für etwas Kopfweh sorgen. Also besser schnell weiter.

Obwohl es so langsam Mittag wird und die Almwiesen sehr einladend sind: An eine Vesper ist immer noch nicht zu denken.
Obwohl es so langsam Mittag wird und die Almwiesen sehr einladend sind: An eine Vesper ist immer noch nicht zu denken. - © Moritz Baumstieger

Weite Wiesen, Sonne, Ausblick und bequeme Bänke rund um ein großes Jesuskreuz: Einen besseren Platz für ein zweites Frühstück als die Stelle, an der wir den Wald verlassen, kann es eigentlich nicht geben. Ich gucke Jan an. Jan guckt mich an. Ich halte meinen Bauch und schüttele stumm den Kopf. Jan nickt. Wir gehen weiter.

Wir treffen auf viele süße Kälbchen, aber Obacht, die dicke Bullen mit doch recht spitzen Hörnern verteidigen ihr Revier.
Wir treffen auf viele süße Kälbchen, aber Obacht, die dicke Bullen mit doch recht spitzen Hörnern verteidigen ihr Revier.  - © Moritz Baumstieger

Keine Katzen auf dem Katzensteig dafür jede Menge Rinder

Wir trollen den Katzensteig hinunter, treffen aber glücklicherweise keines der namengebenden Tiere, bei denen muss ich immer niesen, wenn sie mir zu nahe kommen. Dafür eine große Familie Rinder, mit einigen sehr süßen Kälbchen. Die würde ich gerne streicheln, weil sie aber ihre Papas dabei haben – dicke Bullen mit doch recht spitzen Hörnern – traue ich mich nicht. Sie sehen etwas ungemütlich aus, stellen sich mit gesenktem Kopf auf dem Katzensteig und damit uns in den Weg, akzeptieren aber letztendlich den Deal, dass wir uns gegenseitig in Ruhe lassen.

Obwohl es so langsam Mittag wird und die Almwiesen sehr einladend sind: An eine Vesper ist immer noch nicht zu denken. Selbst als wir uns verlaufen, uns einen einsam liegenden Schwarzwaldhof mehr als nötig angucken und somit guten Grund für etwas motivationsstiftende Würste oder Schokolade hätten, liegt uns das Baldenweger Gelage noch zu schwer im Magen.

Es geht runter nach St. Wilhelm. Es geht wieder hinauf in Richtung des Hochfahrn. Eine lange und steile Forststraße, immer im gleichen Neigungswinkel. Die Sonne brennt, der Rucksack hinten hängt immer noch schwer, nur das Wasser ist schon ausgetrunken. Beim Mountainbiken hätte ich geflucht und aus Protest eine Tüte Gummibärchen aufgegessen. Heute aber: Nichts zu machen. Ich fühle mich immer noch so dick und rund wie die Weißtannen, die hier seit ein paar hundert Jahren die Stellung halten. Wir sind mittlerweile seit fünf Stunden durchgehend auf den Beinen.

Wir hören dem Vögeln beim Morgentratsch, zu Menschen treffen wir hingegen keine.
Wir hören dem Vögeln beim Morgentratsch, zu Menschen treffen wir hingegen keine. - © Moritz Baumstieger

Das Finale

Von der Forststraße zweigt ein Steig ab, der Hochschwarzwald zeigt zum Finale noch einmal, was er so alles draufhat: Wilde Wälder, tolle Ausblicke ins dunkle Tal, schön zu gehendes Raufrunter um schroffe Felsen. Und ein komisches Geklimper: Hat man hier die Eichhörnchen, Füchse und Rehe mit Triangeln und Glockenspielen ausgerüstet? Als eine Art Spielmannszug der Waldbewohner, der satte Wanderer für den Endspurt anfeuert?

Nein. Die Schwarzwälder sperren zwar Kuckucke in Uhren, aber auf solche Ideen kommen sie dann aber auch nicht. Nach einer Wegbiegung entdecken wir Kletterer, die hier an den Gfällfelsen kraxeln, und wenn die Karabiner an ihren Gurten zusammenschlagen, machen sie eben ein wenig Musik dabei.

Unten im Tal meine ich nun schon das Auto zu erkennen. Eine letzte Rast, nach einer Woche Hochschwarzwald.
Unten im Tal meine ich nun schon das Auto zu erkennen. Eine letzte Rast, nach einer Woche Hochschwarzwald. - © Moritz Baumstieger

Unten im Tal meine ich nun schon das Auto zu erkennen. Eine letzte Rast, nach einer Woche Hochschwarzwald. Jan und ich setzen uns auf einen Felsvorsprung, gucken hinunter.
„Willst du ein Brot?“, frage ich.
„Hm. Muss ja“, antwortet Jan.
Wir haben jeder eines geschafft.

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