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Der Zauber des Waldes bei Nacht Langlaufen im Hochschwarzwald

Eine Sonnenaufgangstour mit Langlaufski ist auch ohne Sonnenaufgang wunderschön! 

von Patrick Kunkel, 09. September 2016

Conny Gröbler spurt die Loipe vor unserer Hütte, wir können los!
Conny Gröbler spurt die Loipe vor unserer Hütte, wir können los! - © Patrick Kunkel

Schon praktisch, in einer urigen Schwarzwaldhütte direkt an der Loipe zu schlafen. So können wir richtig früh raus, direkt auf die Langlaufspur - und ab in die Dunkelheit! Praktisch ist es auch, dass wir keinen Wecker brauchen, um pünktlich zu unserer Sonnenaufgangstour auf den Feldberg loszukommen. Das Aufwecken erledigt die Mäusefamilie zwischen den Deckenbalken schon lange, bevor die Sonne aufgeht, durch stetiges Trappeln und Scharren.

Weniger praktisch: Die Sonne verbirgt sich hinter ganz, ganz vielen Wolken. Dafür pfeift der Wind den Pulverschnee vom Hüttendach, was sich nicht nur schön anhört, sondern auch hübsch aussieht. Allerdings ist von der Langlaufloipe nun auch nicht mehr viel zu sehen. Dafür ganz viel Winterwunderwelt. Wir sind eingeschneit!

Alle Bäume tragen eine Schicht Puderzucker
Alle Bäume tragen eine Schicht Puderzucker - © Patrick Kunkel

„Das Projekt Morgenröte verschieben wir wohl besser“, mein Sven, gähnt und setzt noch einen Kaffee auf: „Lassen wir uns eben noch ein bisschen Zeit.“ Draußen legt der Schneefall zu. Doch als eine halbe Stunde darauf die Hütte erbebt und Scheinwerferlicht durch die Fenster fällt, da wissen wir: Es kann losgehen. Loipenfahrer Conny Gröbler von der Todtnauer Hütte macht sich immer schon früh auf seine große Runde durch das Feldberggebiet, er spurt die Loipe direkt vor unserer Hütte. Der tonnenschwere Loipenbully donnert vorbei und hinterlässt eine frisch präparierte, perfekte Spur.

Geheimnisvolle Dunkelheit

Warm eingepackt, mit der Stirnlampe über der Mütze und den Ski an den Füßen starten wir ins Dunkel. Ohne Connys Scheinwerferbeleuchtung erkennen wir den Wald um uns herum nur schemenhaft. Der Schneefall hat etwas nachgelassen, nach wenigen Schritten gleiten wir auf der frischen Loipe fast wie von selbst durch die Winternacht. Schneeflocken schmelzen auf der Gesichtshaut. Die Lampen haben wir ausgeschaltet. Langsam gewöhnen sich unsere Augen an das Dämmerlicht. Schnell finden wir unseren Rhythmus, die Winterwelt um uns herum ist wie in Watte gepackt, der Schnee schluckt alle Geräusche und wir hören nur unsere Langlaufstockspitzen im Schnee knarzen und die Funktionsklamotten rascheln. Sonst ist es ganz still. Der Atem geht gleichmäßig. Ich pumpe mir die Lunge mit der kalten, klaren Schwarzwaldluft voll und genieße jeden Atemzug.

Die Winterwelt um uns herum ist wie in Watte gepackt
Die Winterwelt um uns herum ist wie in Watte gepackt - © Patrick Kunkel

Sonnenaufgangstour ohne Sonnenaufgang

Auf Langlaufski erlebt man die Winterlandschaft besonders intensiv. Doch nachts und mit Stirnlampe ist es nochmal so schön: Wir tauchen ein in den verschwiegenen Winterwald, der jetzt so düster wirkt und geheimnisvoll. Und langsam wird schwarz zu grau. Es dämmert. Den Sonnenaufgang werden wir definitiv nicht zu sehen bekommen. Und da wir es jetzt nicht mehr eilig haben, drehen wir noch eine Extrarunde auf der Rinkenspur und genießen deren geheimnisvolle, dunkle Seite, die man bei Tage nicht zu Gesicht bekommt.

Als die Nacht längst zum Morgen geworden ist, biegen wir endlich ab auf den schmalen Pfad hinauf auf den Feldberggipfel. Alle Bäume tragen eine Schicht Puderzucker, die leuchtend orangenen Wegweiser des Fernskiwanderwegs sind an die kräftigen Stämme genagelt, an deren Wetterseiten bizarre Schneeschichten haften. Der Pfad ist tief verschneit und schlängelt sich durch immer dichteren, immer wilderen Bergwald. Ein Loipenbully findet auf dem engen Trail jedenfalls keinen Platz: Wir treten uns die Spur zum Feldberg hinauf selbst. Sven geht vor. Dann wieder ich. Anstrengend ist das. Schön anstrengend. Aber vor allem schön! Schwer atmend stapfen wir durch den unberührten Schnee steil bergan Richtung Feldberggipfel. Ein vereister Wildbach gluckert, Sven bleibt stehen und wirkt völlig bezaubert von der weißen Welt um uns herum: „Das ist wirklich wildester Schwarzwald. Weißt Du: Eine Sonnenaufgangstour mit Langlaufski ist auch ohne Sonnenaufgang wunderschön!“

Langsam wird Schwarz zu Grau
Langsam wird Schwarz zu Grau - © Patrick Kunkel

Vom Schnee ausgebremmst

Es beginnt wieder zu schneien, erst in sanften Flocken, dann kommt Wind auf und die Schneekristalle piksen wie kleine Nadelstiche auf die wenigen freien Quadratzentimeter Haut zwischen Schneebrille und Sturmmaske. Als wir weiter oben aus dem Wald hinaus auf die Freifläche unterhalb des Grüblesattels treten, da trennen uns nur noch wenige hundert Meter Loipe vom Feldberggipfel – und eine undurchdringlich scheinende, weiße Wand aus wild wirbelndem Schnee. Ohne die schützenden Bäume nimmt der Wind hier oben richtig Fahrt auf und treibt uns erst vor sich her. Und dann wieder in den Wald zwischen die gekrümmten, vom rauen Wetter gezeichneten Bergfichten. Sven und ich blicken uns an. Der Eiswind dringt durch die dünnen Langlaufklamotten, wir sehen kaum noch etwas und nicken uns nur noch zu: „Zurück!“

Ohne die schützenden Bäume nimmt der Wind so richtig Fahrt auf
Ohne die schützenden Bäume nimmt der Wind so richtig Fahrt auf - © Patrick Kunkel

Wir drehen um und folgen der eigenen Spur bergab. Aber nach Scheitern fühlt sich das nicht an. Wieso sollte es auch? Eine Abfahrt auf Langlaufski durch Pulverschnee, was für ein Abenteuer! Mehr als einmal landen wir mit dem Gesicht voran im weichen Tiefschnee und schütteln uns vor Lachen. Doch dann wird das Schneetreiben auch im Wald immer heftiger. Wir erreichen die Loipe, sie ist kaum noch zu erkennen. Die Neuschneekristalle in der Spur bremsen jeden Schritt, wir müssen kräftig mit den Stöcken drücken, und als wir eine halbe Stunde später mit verfrorenen Fingern an der Hütte ankommen, ist von der Loipe schon nichts mehr zu sehen.

Aufgewärmt und umgezogen sitzen wir später drinnen im Dämmerlicht am wuchtigen Holztisch. Wir spachteln kräftigen Bohneneintopf, dazu dampfend heißer Tee aus der Blechkanne: „Wie wäre es . . .“, fragt Sven verschmitzt: „Wie wäre es mit einer Tour zum Sonnenuntergang heute Abend?“ Ich schaue durchs Fenster. Dichtes Schneetreiben: „Hmm. Keine schlechte Idee . . .“

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