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Mit Schneeschuhen im Dunkeln tappen Feldbergnacht mit Hüttenvesper und Auerhuhn

Auf der Karte sieht alles so einfach aus: Von der Zastlerhütte rauf zum Feldberggipfel, oben links halten und dann über den Baldenweger Buck wieder runter. Acht Kilometer auf Schneeschuhen. Ganz leicht. Doch in echt ist wie immer alles anders: Wo ist der Weg?

von Patrick Kunkel, 27. März 2014

Gerd kennt den Feldberg wie seine Westentasche
Gerd kennt den Feldberg wie seine Westentasche - © Patrick Kunkel

Denn es schneit nicht nur kräftig, sondern inzwischen ist es vor allem dunkel. Stockdunkel. Wir stapfen auf Schneeschuhen über ein unberührtes Schneefeld. Gerd bahnt die Spur, Lise und ich schlurfen hinterher. Im hellen Lichtkegel unserer Stirnlampen tauchen schattenhafte Umrisse schneebeladener Fichten auf. Der Wind faucht jetzt und treibt Eiskristalle vor sich her, die im Gesicht wie kleine Nadelstiche pieksen.

Im tiefen Schnee, vor allem an steilen Stellen, ist es anstrengend, einen Fuß vor den nächsten zu setzen. Der verwunschene Wanderweg vom Rinken zur Zastlerhütte war noch perfekt gespurt gewesen und fest getreten von etlichen Schneeschuhgängern vor uns. Jetzt aber sinken wir trotz der Schneeschuhe bei jedem Schritt ein bisschen ein, das erschwert das Vorwärtskommen. Und vor allem: Wo ist der Weg?

Gibt's hier nicht öfter Lawinen?

Gerd weiß natürlich Bescheid. „Jetzt laufen wir genau unterhalb der Zastler Wechte“, erklärt er. „Gibt's hier nicht öfter Lawinen?“, frage ich, als wir am Hang auf gut 1400 Metern Höhe entlangkraxeln. „Schon“, sagt Gerd, „da müssen wir echt aufpassen, aber jetzt birgt die Schneelage noch keine Gefahr.“ Sein Gesicht kann man zwar im Dunkeln nicht sehen, aber hören kann man es schon, das belustigte Grinsen.
Denn Wechten sind zwar überaus tückische Schneeablagerungen an Geländekanten und Bergkämmen und die Zastler Wechte ist im Feldberggebiet bekannt für ihre Lawinenabgänge. „Aber die gehen meist nach Neuschneefällen oder bei Tauwetter runter“, beruhigt Gerd. Überhaupt kennt er sich gut aus. Und findet den richtigen Weg hier oben auch bei Sicht unter Null, Schneefall und Dunkelheit mit schlafwandlerischer Sicherheit.

Der Wind faucht und treibt Eiskristalle vor sich her, die wie Nadelstiche pieksen
Der Wind faucht und treibt Eiskristalle vor sich her, die wie Nadelstiche pieksen - © Patrick Kunkel

„Es ist keine gute Idee“, sagt Gerd, „hier am Feldberg alleine loszulaufen, wenn man sich nicht ganz genau auskennt. Du musst hier oben immer mit plötzlichem Nebel rechnen oder mit Schneestürmen.“ Es sieht eben nicht nur alpin aus an Feldberg und Baldenweger Buck, die Gefahren sind auch ähnliche. Vor einer guten halben Stunde standen wir oben am Feldberggipfel, in der Ferne, im Westen, konnten wir noch das letzten Sonnenglimmen sehen. Und wir spürten vor allem den heftigen Westwind, der uns übers Gipfelplateau trieb, ehe wir dann am Osthang endlich Windschatten fanden. Ja, es wäre eine schlechte Idee, hier ohne Ortskenntnis herumzulaufen – die Schilder, die Auskunft über die Wegrichtung geben könnten, sind bizarr bereift und daher unlesbar. Und auf Wegweiser stößt man im Dunkeln ohnehin nur per Zufall. Lise meint: „Den Gerd kannst Du hier überallhin stellen und er würde sofort den richtigen Weg finden.“ Beruhigend.

Mein Leben in deinen Händen, mein Freund!

Nein, der Gerd weiß, was er macht, er ist hier im Winter ständig unterwegs und hilft gelegentlich als Wanderführer im Naturfreundehaus aus. Mein Leben in deinen Händen, mein Freund! Es sind auch die Lichter des Naturfreundehauses, die wir jetzt von oben, von der Anhöhe des Baldenweger Bucks aus, sehen. Warmes und einladendes Licht, das uns den Weg weist. Wird auch Zeit, denn so langsam bekomme ich richtig Hunger. Im Zickzack machen wir uns an den Abstieg und keine fünf Minuten später – die Schneereste sind von Schuhen und Klamotten abgeklopft – sitzen wir im warmen Naturfreundehaus und lassen unserer kleine Rundtour Revue passieren.
Das Naturfreundehaus unterscheidet sich wohltuend von vielen anderen Gaststätten: Hier sitzen große Gruppen am Tisch und reden miteinander. Die Einrichtung ist schlicht. Holzverkleidete Wände und Decke, robuste Tische und Stühle, ein Kachelofen. Im Regalbrett unter der Decke stapeln sich Gesellschaftsspiele.„Hier treffen sich eher Leute, die sich freuen, wenn sie mit anderen zusammen sind“, sagt Gerd „und die das Prinzip der gegenseitigen Hilfe schätzen. Ohne ehrenamtliche Unterstützer würde das hier oben nicht funktionieren.“ Dann holt er drei Flaschen Bier am Tresen und Hans, ein Naturfreund aus Freiburg, der hier oben aushilft, bringt uns ein Vesper mit dem besten Schwarzwaldschinken, den ich je im Schwarzwald gegessen habe.

Hüttenwirt Heinz setzt sich zu uns: „Ich werde heute nicht alt, ich bin so kaputt, seit zwei Wochen geht es hier hoch her“, stöhnt er: „Erst Langlaufwoche, dann hatten wir Tourenskiwoche und jetzt Schneeschuhtouren. Unsere geführten Touren werden immer beliebter.“ Der Heinz leitet das Haus seit sechseinhalb Jahren: „Es steht ein gemeinnütziger Verein dahinter. Wir erwirtschaften zwar etwas Gewinn, aber der fließt direkt in das Haus.“ Vor ein paar Jahren haben sie auf Ökostrom umgestellt, dann die Küche und den kompletten Einkauf auf Bio und Produkte aus der Region. Kürzlich flog Coca-Cola von der Speisekarte:

"

„Wir stehen hier eher für den sanften Tourismus“

" Heinz Blodek

„Hierher kommen alle, die sich aus eigener Kraft bewegen. Ohne am Draht zu hängen wie auf der anderen Seite“, meint er grinsend.

Ein Vesper mit dem besten Schwarzwälder Schinken
Ein Vesper mit dem besten Schwarzwälder Schinken - © Patrick Kunkel

Das Naturfreundehaus liegt, wie es sich gehört, natürlich mitten im Naturschutzgebiet. „Allein deshalb darf man nicht einfach querfeldein laufen“, meint Gerd zwischen zwei Scheiben Bioschinken: „Wegen des Auerwilds, das hier oben lebt.“ Im Schwarzwald gibt es mit gut 600 Tieren die noch größte Population in Deutschland und ein wichtiger Schwerpunkt bildet das Feldberggebiet. Allerdings hätten sie ein Problem, wenn sie im Wald überrascht werden, wo sie nicht mit Menschen rechnen, und deswegen auffliegen.
„Auf ausgewiesenen Wanderwegen darfst Du auch im Winter im Naturschutzgebiet unterwegs sein, denn dort sind die Tiere an die Präsenz des Menschen gewöhnt“, erklärt Gerd. „Und bei Schneelage auch auf freien Flächen.“ Allerdings müsse man immer einen Mindestabstand zum Waldrand einhalten von 50 Metern, es gibt eine genaue Karte für Wintersportler, auf denen diese Zonen verzeichnet sind. „Auch beim sanften Tourismus muss man eben immer daran denken, dass die Tiere nicht wie wir ins warme Gasthaus einkehren können und eine Vesperplatte vorgesetzt bekommen. Die Auerhühner ernähren sich fast ausschließlich von Fichten- und Tannennadeln“, meint Gerd und probiert eine Gewürzgurke: „Diese Magerkost reicht ihnen, aber sie sind immer an der Kante gebaut. Beim Energiehaushalt gibt es keine Überschüsse. Wenn ein Auerhuhn im kalten Winter zu oft flüchten muss, dann verhungert es.“ Nadeln sind eben schmalere Kost als Räucherschinken.


Gut zu wissen

Schneeschuhtour ab Rinkenparkplatz: 
Rinken – Naturlehrpfad – Zastler Hütte – Feldberggipfel – Baldenweger Buck – Naturfreundehaus Feldberg – Rinken, ca. 8 km, 320 Höhenmeter. Abkürzung möglich ab ZastlerHütte: Zastlerhüttenweg bis Naturfreundehaus, ca. 3,8 km, 165 Höhenmeter

Faltblatt „Wintersport im Naturschutzgebiet Feldberg“ mit Verzeichnis von Wildruhezonen und Winterwanderwegen

Naturfreundehaus Feldberg: Am Baldenweger Buck, Tel. 07676 336; Übernachtung: Mitglied: 11 Euro, Nichtmitglied: 15 Euro; Frühstück: 6 Euro; Internet: www.naturfreundehaus-feldberg.de‎ Dienstag ist Ruhetag
Buchtipp: Der Feldberg - Subalpine Insel im Schwarzwald, Thorbecke-Verlag, 492 Seiten, ISBN: 978-3799507578, 34,90 Euro

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