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Rutsch mir doch den Buck runter! Im Feldberger Tiefschnee auf selbstgebauten Tourenski

Erste Erkenntnis: Eine Skitour ist keine Langlauftour. Zweite Erkenntnis: Schnee ist kalt. Vor allem, wenn er von hinten in die Hose rutscht. Dritte Erkenntnis: Schnee im Handschuh ist nicht so angenehm, aber besser als in der Nase. Vierte Erkenntnis: Das alles macht riesigen Spaß!

von Patrick Kunkel, 25. Februar 2014

Tourengehen, das bedeutet sportliche Herausforderung im traumhaften Gelände!
Tourengehen, das bedeutet sportliche Herausforderung im traumhaften Gelände! - © Patrick Kunkel

Aber eins nach dem anderen: Tourenskifahren ist enorm beliebt. Meinen halben Freiburger Freundeskreis zieht es inzwischen ins Gelände abseits der gesicherten Skipisten. „Man ist alleine, jenseits der Massen an den Liften“, schwärmt Simone. „So bin ich näher an der Natur“, sagt Silvia. „Das schönste ist es, im Tiefschnee den Berg hinabzuwedeln“, findet Gerhard. Tourengehen bedeutet einerseits sportliche Herausforderung während des Aufstiegs, andererseits traumhafte Abfahrten durch unverbrauchtes Gelände.

Ich habe mich bislang immer mit Langlauftouren begnügt, aber heute sind Sven, ein Freiburger Freund, und ich am Rinkenparkplatz mit Flo und Lea verabredet. Die beiden wollen mit uns eine Skitour zwischen Rinken, Feldberg und dem Hüttenwasen machen:

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„Aufstiege in einsamer Natur, Abfahrt im Tiefschnee“

" Flo Grimm

Flo Grimm ist sozusagen ein echtes Hochschwarzwälder Gewächs, auch wenn er inzwischen in Freiburg wohnt. Er kam in Lenzkirch vor 32 Jahren auf die Welt, vermutlich mit Skischuhen an den Füßen, so wie er später den Berg runterheizt. Aber ehe wir starten, gibt’s eine Einweisung in die Ausrüstung. Unverzichtbar bei Skitouren sind neben Tourenski mit Fellen und entsprechender, klappbarer Skibindung auch ein Klappspaten, ein Lawinensuchgerät und eine ausziehbare Sonde im Rucksack, mit der man im Schnee nach Verschütteten stochern kann.

Viele unterschätzen die Gefahren

Moment mal. Lawinen? Verschüttete? Am Feldberg? „Viele unterschätzen die Gefahr“, sagt Flo, „der Schwarzwald wirkt oft harmlos.“ Aber gerade im steilen Gelände rund um den Feldberg würden alpine Gefahren lauern. Flo kennt die echten alpinen Gefahren aus den Alpen. Da ist er nämlich oft unterwegs, wenn er nicht gerade um Herzogenhorn oder den Feldberg streift. „Schaut mal, von hier aus könnt ihr die Schneewächte am Baldenweger Buck sehen“, erklärt er – und weiter unterhalb sieht man deutlich die Reste eines erst kürzlich abgegangenen Schneebretts. „Vorigen Winter ist ein Freund von mir verschüttet worden. Ein sehr erfahrener Skifahrer. Er und seine Freundin hatten Glück und konnten sich selbst wieder ausgraben.“

"Ich liebe solches Gelände", sagt Flo Grimm - © Patrick Kunkel

Heute lugt die Sonne oberhalb des Feldberggipfels hervor, der Himmel ist blau und der Schnee schon ein paar Tage alt. „Da droht vermutlich keine Gefahr“, meint Flo: „Aber dennoch gehört eine Lawinenausrüstung immer in den Rucksack. Immer!“ Auch eine gute Karte mit einem großen Maßstab muss mit – selbst wenn man sich so gut auskennt wie Flo.

Felle angeklebt und los

Wir stapfen los. Die Felle, die wir für den Aufstieg unter die Ski geklebt haben, haften erstaunlich gut. Man gleitet auf ihnen zwar viel langsamer als etwa mit Langlaufski, aber schnell kommen wir in ein gemächlichen Rythmus. Nur sackschwer sind diese Teile an meinen Füßen: „Du darfst die Ski auch nicht bei jedem Schritt anheben, auf die Dauer ist das viel zu anstrengend“, sagt Lea. „Du musst eher schlurfen, auch bergauf.“

Also schlurfen wir. Durch verschneiten Bergwald und den steilen Hang hinauf zum Baldenweger Buck. Vereinzelte Nadelbäume wachsen hier, kein dichter Wald, aber dafür weite Blicke über die weiter nordwärts liegenden Schwarzwaldgipfel. Zwischen den mit Schnee beladenen Bäumen bahnen wir uns unseren Weg. Schön ist das!

Die Ski nicht bei jedem Schritt anheben, sondern
Die Ski nicht bei jedem Schritt anheben, sondern "schlurfen" ist der Trick! - © Patrick Kunkel

Aber der Meinung sind auch ein paar andere Leute heute früh: Direkt unterhalb des Baldenweger Bucks, dem 1460 Meter hohen Gipfel im Schatten des kaum höheren Feldbergs, funktioniert das Konzept: „Weg von der Masse“ nur bedingt. Skitourengeher, Schneeschuhwanderer und ein paar Snowboarder haben im tiefen Schnee unzählige Spuren hinterlassen. Das Bedürfnis nach unberührter Natur führt dummerweise dazu, dass diese nicht mehr ganz so unberührt ist, wie man es gerne hätte – macht aber trotzdem Spaß. Andere Leute kennen lernen ist ja auch einen schöne Sache: Eine 20-köpfige Gruppe von Winterwanderern schlurft an uns vorbei. Abends treffe ich ein paar von ihnen wieder, am heißen Kachelofen im Naturfreundehaus am Feldberg.

Den Ski von Hand gemacht

Flo wird da vermutlich wieder unten im Tal an seinem neuesten Ski herumwerkeln – die baut er nämlich auch selbst in seiner Freiburger Werkstatt. In einer eigens konstruierten Presse bringt er die Ski in Form. Sie bestehen aus Holzschichten, verstärkt mit Basaltmatten und Glasfasern, die vor dem Pressen zugesägt, gehobelt und geschliffen werden, in Handarbeit.

Neben der Aussicht gibt es hier auch Snowkiter zu bestaunen
Neben der Aussicht gibt es hier auch Snowkiter zu bestaunen - © Patrick Kunkel

Zweieinhalb Tage dauere es, einen solchen Ski herzustellen – reine Arbeitszeit, denn die einzelnen Schichten des Ski müssen nach dem Pressen 24 Stunden lang aushärten. Versteht sich von selbst, dass die Ski aus Flos Werkstatt nicht nur sehr edel aussehen mit ihrer Holzoberfläche und den breiten Schaufeln an beiden Enden. Sie fahren sich wohl auch ziemlich gut. Sagt jedenfalls Flo, der inzwischen sein siebtes Paar fertiggestellt hat. Er baut für Bekannte und Freunde. „Das nächste Projekt ist ein Snowboard und ein Pistenski. Und ein Kinderski.“

Sein Antrieb dabei ist die Leidenschaft fürs Tourenskifahren:

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„Das ist mir am liebsten: Wenn man mit seinem eigenen Sportgerät in der Heimat, die man kennt, unterwegs sein kann.“

" Flo Grimm

Er habe lange an der richtigen Form getüftelt: „Ich kann mir keinen besseren Ski mehr vorstellen.“

„Das Schöne am Tourengehen ist,“ sagt Flo: „dass du hier oben immer einen ruhiges Örtchen findest – naja, vielleicht nicht unbedingt am Wochenende auf dem Feldberggipfel.“ Denn den Höchsten im Schwarzwald haben wir inzwischen erreicht. Westwind faucht über die freie Fläche und treibt feine Schneekristalle vor sich her, die sich im Gesicht wie kleine Nadelstiche anfühlen. Hier oben ist neben der Alpensicht auch eine Großgruppe von Snowkitern zu bestaunen – wie die es bloß schaffen, ihre Segel nicht miteinander zu verknoten?

Das Abfahren mit Tourenski ist garnicht so einfach!
Das Abfahren mit Tourenski ist garnicht so einfach! - © Patrick Kunkel

„Weiter unten wird es richtig einsam“, sagt Flo. Allerdings müssen wir da erst noch hinkommen. Die Felle von den Tourenski abzuziehen, ist da noch das geringste Problem, das erledigen wir nämlich im Windschatten der Wetterwarte auf dem Feldberggipfel. Die Tiefschneeabfahrt über den Immisberg zum Hüttenwasen dagegen schon: Sven stand noch nie zuvor auf Abfahrtsski, von Tourenski ganz zu schweigen. Und ich bin ebenfalls niemals zuvor im Gelände abgefahren.

 Aufpassen! Zu spät…

Zum Glück ist Flo nicht nur Student der Geowissenschaften in Freiburg, sondern arbeitet nebenher noch als Skilehrer im Feldberggebiet. Er hat unschätzbare Tipps parat. „Heute sind die Bedingungen vielleicht nicht ganz so optimal für Anfänger“, meint Flo und zeigt mit ein paar eleganten Schwüngen und Sprüngen, wie es gehen könnte. Der Tiefschnee ist an der Oberfläche verharscht und wenn wir drüberfahren, brechen wir ein Stück weit ein, so dass der linke Ski nach links weiterfährt und der rechte nach rechts. Aufpassen! Zu spät…

Man könnte eine ganze Woche um den Feldberg streifen!
Man könnte eine ganze Woche um den Feldberg streifen! - © Patrick Kunkel

Immerhin kann man auch einfach viel besser zuhören, wenn man, statt schnell die Westseite des Feldbergs runter zu rauschen, in einer Schneeverwehung steckt. Und der Schnee hinten in der Hose angenehm kühlt. Ein paar Meter den Buck runterrutschen schadet auch nicht!

Unten am Hüttenwasen scheinen wir wieder völlig alleine auf der Welt zu sein. Der schmale Pfad Richtung St. Wilhelmer Hütte führt steil bergan und durch wildes Gelände. Baumstämme liegen quer, wir kraxeln gefährlich nah am Abgrund entlang: „Ich liebe solches Gelände“, sagt Flo später beim Wurstsalat in der St. Wilhelmer Hütte, einem Berggasthof unterhalb des Feldberggipfels: „Wenn es ein bisschen verspielt ist, mit viel Abwechslung. Mit Felsen, Bäumen, Schneeverwehungen und Aussichten. Man könnte hier rund um Feldberg und Herzogenhorn eine ganze Woche lang umherstreifen. Langweilen würde man sich da nicht.“

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