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Schneegeflüster im Winterwald Erlebnisse einer Winterwanderung

Hat der Schnee einen Klang? Ich meine ja. Allerdings keinen, den man hört. Vielmehr ist es ein leises Flüstern, eine märchenhafte Melodie, die in der klirrenden Kälte durch den verschneiten Winterwald tönt.

von Birgit-Cathrin Duval, 17. Oktober 2016

Still und heimlich ist der Schnee in der Nacht gefallen...
Still und heimlich ist der Schnee in der Nacht gefallen... - © Birgit-Cathrin Duval

Noch bevor ich ihn sehe, spüre ich ihn. Es ist dieses wundersame, fast magisch anmutende Licht. Ich kenne diesen Glanz, der nur dann mein Zimmer mit seinem sanften Schein erhellt, wenn Schnee gefallen ist. Und tatsächlich, der Vorbote hat sein Versprechen gehalten: Still und heimlich ist der Schnee in der Nacht gefallen. Berge, Tannen und Häuserdächer sind von einer weißen Decke umhüllt. Gibt es etwas Schöneres, als früh morgens aus dem Fenster zu schauen und in eine weiße Wunderwelt zu blicken? Eine Schneelandschaft am frühen Morgen, wenn der Pulverschnee noch frisch und unberührt ist, strahlt eine meditative Ruhe aus. Und ich liebe es, dick eingepackt mit Daunenjacke, Handschuhen und Mütze, durch den Wintermärchenwald zu spazieren.

Hochschwarzwälder Champagnerschnee

Als ich die Haustüre öffne, sticht mir die Kälte wie feine Nadeln ins Gesicht. Die frostige Winterluft belebt meine Sinne, viel besser als es eine Tasse Kaffee je vermag. Ich ziehe die klare, eisige Luft durch die Nase. Nach den ersten Atemzügen bin ich hellwach und marschiere los.

Erste Sonnenstrahlen fallen auf die Spitzen der Tannenzweige.
Erste Sonnenstrahlen fallen auf die Spitzen der Tannenzweige. - © Birgit-Cathrin Duval

Unter meinen Stiefeln knarzt der weiche Pulverschnee. Das Knirschen verheißt eine besonders gute Schneequalität: Feiner, trockener Champagnerschnee. Von Osten her fallen erste Sonnenstrahlen auf die Spitzen der Tannenzweige. Glücksgefühle! Ich bin die erste, die ihre Spuren im Schneeweiß hinterlässt.

Als ich den Waldrand erreiche, betrachte ich staunend die dick verschneiten Tannenbäume. Die urigen Tannen wirken anmutig und majestätisch, als wären sie in weiße Roben gekleidet. Langsam gehe ich auf dem verschneiten Pfad weiter. Das Knirschen meiner Stiefel ist der einzige Laut im Wald. Mir kommt es vor, als hätte der Schnee alle Geräusche in Watte gepackt, so eigenartig still ist es. Und als wären alle Waldbewohner mitsamt den Bäumen in einen tiefen Winterschlaf gefallen.

Ich bin nicht allein. Neben dem Pfad zeichnen sich Spuren ab.
Ich bin nicht allein. Neben dem Pfad zeichnen sich Spuren ab. - © Birgit-Cathrin Duval

Und – auch das ist eigenartig: Obwohl ich nichts höre, empfinde ich es alles andere als stumm im Winterwald. Der Schnee verleiht dem Wald eine Sphäre voller traumhafter Bilder. Die feinen Wölkchen, die beim Ausatmen aus meinem Mund stieben, verwandeln sich mit einem Mal in tanzende Schneeelfen. Die feinen Eiskristalle, die von den Ästen rieseln, werden in der leuchtenden Morgensonne zu Feenstaub.

Mein Puls schlägt schneller, Glücksendorphine rauschen durch meinen Körper. Ich fühle mich auf wundersame Art beseelt.

Überall ist Leben, doch Vorsicht!

Dann stelle ich fest, dass ich nicht alleine bin. Neben dem Pfad zeichnen sich allerlei Spuren ab. Ob sie von einem Reh stammen? Und dort, eindeutig eine Pfote. Ein Fuchs, oder stammen sie sogar von einem Luchs?

Ich bleibe stehen, lausche. Da, etwas Schwarzes huscht über den schneebedeckten Waldboden. Ein Eichhörnchen. Eifrig sucht es nach seinen Nüssen, die es im Herbst versteckt hat. Auch in den Wipfeln über mir bewegt sich etwas. Ich entdecke einen Eichelhäher. An seiner schillernd blauen Federzeichnung ist er gut zu erkennen. Auch er sucht nach seinen Vorräten – hauptsächlich Eicheln – die er im Boden versteckt hat. Eichelhäher verfügen über ein erstaunliches Gedächtnis, ganz anders als das Eichhörnchen, das viele seiner Verstecke vergeblich sucht. Eichhörnchen sind während des Winters nur für wenige Stunden aktiv, um sich mit Nahrung zu versorgen. Den Rest des Tages, sowie bei sehr kaltem oder schlechtem Wetter, bleiben sie warm zusammengerollt in ihren Nestern.

Von einer Anhöhe kann ich nun auf eine Waldlichtung blicken, in der sich gerne Rehe aufhalten. Und tatsächlich, ich habe Glück. Das Reh hat mich nicht bemerkt. Ich verharre ganz still, um es nicht aufzuschrecken. Ruhe und Rückzug gehören zu ihren wichtigsten Winterstrategien.

Ich bleibe stehen. Lausche...
Ich bleibe stehen. Lausche... - © Birgit-Cathrin Duval

Denn jede unfreiwillige Bewegung – und dazu gehört Flucht durch plötzliches Aufschrecken – kann den sicheren Tod bedeuten. Im Winter reduzieren Rehe die Körpertemperatur und fahren den Stoffwechsel herunter. Sie brauchen weniger Nahrung, bewegen sich kaum und verharren oft stundenlang an einem Platz. Vorsichtig entferne ich mich wieder, um es nicht zu stören.

Mit offenen Augen und Ohren

Auf dem Rückweg entdecke ich weitere Spuren. Sie könnten von einem Feldhamster stammen oder einem Dachs. Auch sie halten Winterruhe und suchen nach ihren angelegten Vorräten. Dagegen halten Siebenschläfer, Igel oder Fledermäuse Winterschlaf und kommen erst im Frühjahr wieder aus ihren Verstecken hervor.

Der Wald ist keinesfalls ausgestorben, wie man es auf den ersten Blick vermutet. Wer mit offenen Augen – und Ohren rücksichtsvoll durch den verschneiten Winterwald spaziert, hört tatsächlich das leise Flüstern des Schnees und macht erstaunliche Entdeckungen.

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