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Verschiedene Welten Naturschützer und Skifahrer im Feierabend-Gespräch

Der eine ist Wanderer und Naturschützer, der andere Skifahrer, Schneekanonier und Bürgermeister: Peter Lutz und Stefan Wirbser. Am Kachelofen in einem gemütlichen Gasthaus diskutierten die beiden über den Druck der Freizeitindustrie, das Elend „verdappter“ Loipen und die Zukunft des Wintersports im Schwarzwald. 

von Florian Kech, 25. September 2017

AFTERWORK
PARTY
Afterwork Party
Afterwork Party - © Hochschwarzwald Tourismus GmbH

Worauf könnten Sie eher verzichten: aufs Wandern oder aufs Skifahren?

Stefan Wirbser: Als Kind bin ich von meinen Eltern oft zum Wandern, sagen wir, bewegt worden. Danach musste ich für ein paar Jahre eine Auszeit einlegen. Ein Leben ohne Skifahren konnte ich mir hingegen nie vorstellen.  

Peter Lutz: Bei mir ist es gerade umgekehrt. Alpines Skifahren habe ich früher ausprobiert, allerdings ohne große Begeisterung. Ich war bei der Abfahrt immer etwas gehemmt, weil ich nicht die besten Augen habe.

Herr Wirbser, können Sie sich noch an Ihr erstes Mal erinnern?

Wirbser: Ja. Mein Vater hat mich mit drei Jahren daheim im Garten auf seine Ski gestellt. Die waren so um die 2,20 Meter lang (lacht). Meine Skikindheit war so wie bei den meisten Buben damals im Schwarzwald: Die Ausrüstung war unzureichend, man hatte immer kalte Füße, kalte Hände und eine Rotznase. Aber es hat trotzdem Spaß gemacht.

Wandern Sie schon immer gern, Herr Lutz – also auch als Kind?

Lutz: Eigentlich schon. Gelernt habe ich das Wandern in der Wutachschlucht. Und mindestens einmal im Jahr zieht es mich heute noch auf die Brücke, zu der mich meine Eltern immer mitgenommen hatten.

Wie oft werden Sie von Ihren Kindern begleitet? Oder anders gefragt: Wie viel Überredungskunst kostet Sie es, bis sie mitkommen?

Lutz: Sehr viel, und mittlerweile leider mit nachlassendem Erfolg.

Herr Wirbser, Sie haben Ihre traumatischen Wandererfahrungen aus Kindertagen bereits angedeutet. Können Sie die präzisieren?

Wirbser (lacht): Ich komme aus einer einfachen Familie und am Sonntag hat man halt eine Wanderung gemacht. Unser Vater ist mit uns ausschließlich auf diesen breiten Forstwegen gelaufen und alle paar Minuten stellten wir die Frage: „Wie lange geht’s noch?“ Deswegen bin ich mit meinen Kindern immer nur kleine Wege oder auf Erlebnispfaden gelaufen.   

Gibt es Gebiete im Schwarzwald, wo sich Wanderer und Skifahrer ins Gehege kommen?

Wirbser: So gut wie gar nicht. Skifahren findet auf Pisten statt, wo keine Wanderwege sind. Beim Langlaufen kommt es vor, dass Wanderer zum Ärger der Langläufer die Loipe verdappen. Aber das ist selten. Das Verständnis auf beiden Seiten ist groß, zumal ja auch mindestens 30 Prozent der Mitglieder im Skiverband und im Schwarzwaldverein dieselben sind.

Langlauf - Loipe auf dem Feldberg
Langlauf - Loipe auf dem Feldberg - © Hochschwarzwald Tourismus GmbH

Herrschte schon immer so viel Harmonie zwischen den Lagern?

Wirbser: Früher ging es konfliktreicher zu. Ich bin in Hinterzarten groß geworden. Da schimpften Einheimische regelmäßig auf Kurgäste, die sorglos über Loipen dappten.

Teilen Sie die Ansicht, dass man beim Wandern die Natur intensiver erlebt als beim Skifahren?

Wirbser: Ohne Frage, Wandern ist entschleunigend, man sieht mehr Details in der Natur und der Landschaft. Beim Skifahren ist man aufgrund des Tempos stärker auf die Bewegung konzentriert.

Da werden Sie zustimmen, Herr Lutz.

Lutz: Nicht unbedingt. Beim Skifahren erlebt man die Natur anders. Geschwindigkeit, Kälte, Kontrolle über den Körper – sich selber zu erleben ist auch ein Naturerlebnis. Man kann sagen: Wanderer und Skifahrer leben in zwei verschiedenen Welten.

Herr Wirbser, wo fahren Sie im Schwarzwald außerhalb des Feldbergs am liebsten Ski? Haben Sie einen Geheimtipp?

Wirbser: Todtnauberg hat sich sehr gemausert. Auch in Altglashütten hat man einen tollen Blick. Wenn man da zum Dorfplatz runterschaut und der Christbaum brennt, hat man ein echtes Postkartenfeeling. Das ist fast schon kitschig.

Lutz: Was ist mit dem Belchen?

Wirbser: Nicht mein Fall. Einen ganz tollen Skilift gibt es am Rohrhardsberg. Mich beeindrucken auch die vielen Familienbetriebe im Schwarzwald oder der verrückte Skiclub in Ewattingen, der sich auf unter 800 Metern noch einen Skilift leistet - diese Kleinbetreiber, die gegen alle Widerstände und finanziellen Probleme kämpfen und den Betrieb aufrechterhalten. Das finde ich ganz wichtig, auch für die Kinder in den Dörfern.

Was halten Sie beide eigentlich vom Schneeschuhwandern? Schon ausprobiert?

Lutz: Selbstverständlich. Das ist eine neue Art, Natur zu erleben, vergleichbar mit Langlaufen, aber noch etwas freier. Und genau das ist wiederum das Problem, dass sich Schneeschuhwanderer zu individuell durch die Landschaft bewegen und Tiere stören. Ein Bekannter von mir hat neulich gesagt, ein einzelner Schneeschuhwanderer stört ein Tier mehr als eine Skipiste mit 10 000 Gästen am Tag, denn darauf kann es sich einstellen. Hinzu kommt, dass diese Leute inzwischen auch nachts mit ihren LED-Leuchten unterwegs sind.

Kamingespräch
Kamingespräch - © Florian Kech

Wie lässt sich das besser kontrollieren?

Lutz: Wir können nicht an jeden Waldeingang einen Aufpasser hinstellen, sondern nur an die Vernunft appellieren. Gegen nächtliche Schneeschuhtouren auf dem Feldberggipfel spricht ja nichts. Dort trifft man auf keine Tiere. Aber wenn man in den Wald geht, wird es zum Problem. Man muss die Laufstrecken eingrenzen. 

Wirbser: Die Nutzung der Natur und des Waldes nimmt zu, im Prinzip 24 Stunden am Tag. Die Freizeitindustrie erfindet immer neue Bewegungsmittel.

Sehen Sie diese Entwicklung nicht auch als Chance für den Feldberg?

Wirbser: Es ist eine Herausforderung, mit der wir als Tourismusanbieter umgehen müssen. Die Freizeitindustrie gibt den Takt vor, weil sie ständig neue Produkte erfinden muss. Wenn jeder zwei Fahrräder daheim hat, dann muss halt wieder etwas Neues auf den Markt, denn ein drittes Rad kauft keiner.

Lutz: Ich sehe den Tourismus in der Pflicht, sich Angebote auszudenken, die mit der Natur in Einklang sind, damit nicht jeder macht, was er will.

Wirbser: Wir hecheln immer hinterher. Nordic Walking war so ein typisches Beispiel. Das war einerseits ein unwahrscheinlicher Boom und hat Menschen, insbesondere ältere Damen, in Bewegung gebracht. Aber dann musst du Schilder aufstellen, Trails schaffen und auf gut Deutsch den Leuten das Laufen beibringen. Und das wiederholt sich alle paar Jahre mit neuen Produkten.

Trotzdem ist Skifahren natürlich nach wie vor das wichtigste Geschäft für den Feldberg. Können Sie sich vorstellen, dass sich das eines Tages ändert?

Wirbser: Wir haben auf dem Feldberg in den letzten Jahren festgestellt, dass die Zahl der Skifahrer nicht unbedingt zunimmt. Sie stagniert auf sehr hohem Niveau, aber die Leute machen in ihrem Urlaub viel mehr: Der Vater fährt Ski mit den Kindern, die Mutter geht Schneeschuhwandern. Gleichwohl hängt die Faszination Schnee untrennbar mit dem Feldberg zusammen und ist durch nichts ersetzbar.

Der Feldbergturm
Der Feldbergturm - © Hochschwarzwald Tourismus

Herr Lutz, Bürgermeister Wirbser investiert auf dem Feldberg viel in den Skibetrieb. Ist das alles noch im Einklang mit der Natur?

Lutz: Ich erinnere nur an den Riesenstreit um das Parkhaus, da haben wir auch im Schwarzwaldverein heftig diskutiert. Als Naturschützer wäre es uns natürlich lieber gewesen, wir hätten eine Lösung mit öffentlichen Verkehrsmitteln gefunden. Aber das war technisch nicht machbar.

Wirbser: Wir können den Verkehr nun mal nicht filtern wie ein Dorf in den Alpen. Der Feldberg ist der einzige besiedelte und mit Bundestraße erschlossene Berg im Schwarzwald – in fast ganz Deutschland.

Lutz: In den 80er-Jahren gab es Bestrebungen, die vier höchsten Berge im Schwarzwald autofrei zu machen: Kandel, Belchen, Schauinsland und Feldberg. Gelungen ist es nur beim Belchen. Die anderen Initiativen sind gescheitert, weil sich die Durchgangsstraßen nicht sperren ließen.

Wie nachhaltig sind Schneekanonen?

Wirbser: Was mich an der Diskussion immer ärgert: Ein einziger Flug nach Mallorca verursacht so viel CO2 wie unsere Beschneiungsanlagen den ganzen Winter. Es ist nicht fair, dass der Skisport oft als Prügelknabe herhalten muss – auch für Umweltapostel, die gerne nach Malle fliegen.

Lutz: Es wäre auch nicht umweltfreundlicher, wenn die ganzen Hochschwarzwälder zum Skifahren in die Schweiz fahren würden.

Herr Wirbser, Sie kennen sich auch in den großen Skigebieten aus. Wo hört für Sie der Spaß auf?

Wirbser: Ich höre immer wieder den Rat: „Überdacht den Seebuck und baut eine Skihalle, dann habt ihr eine hundertprozentige Betriebssicherheit!“ Das wäre ein No-go für mich. Im Gemeinderat haben wir eine ganz klare Regelung getroffen: Wir wollen uns in der Fläche nicht mehr ausdehnen. Auch von einer Flutlichtanlage, was vielfach gewünscht wird, halte ich nichts.

Warum?

Wirbser: Wir würden dann den Umsatz nicht zwischen 9 und 16 Uhr machen, sondern zwischen 9 und 22 Uhr. Das heißt, wir bräuchten auch ein Drittel mehr Personal und es bliebe kaum Zeit zum Beschneien und Präparieren der Piste.

Können Sie sich den Schwarzwald ohne Schnee vorstellen?

Wirbser: Nein.

Können Sie nicht, oder wollen Sie nicht?

Wirbser: Ich glaube schlichtweg nicht dran. Natürlich werden die Winter schwieriger werden. Aber im Schwarzwald wird es immer schneien. Ich rede jetzt von den nächsten 50 bis 100 Jahren.  

Lutz: Klimaforscher sagen, die Sommer werden trockener, während die Winterniederschläge zunehmen. Somit könnte die Schneemenge im Schwarzwald sogar wachsen, allerdings mit größeren Schwankungen.   

Wirbser: In jedem Fall haben wir es mit einer schleichenden Entwicklung zu tun. Der Mensch ist anpassungsfähig. Wenn es nicht mehr schneit, werden sich unsere Nachkommen etwas Neues überlegen.

 

Zu den Personen:

Stefan Wirbser, Jahrgang 1965, wuchs in Hinterzarten auf. Seit 1996 ist er Bürgermeister der Gemeinde Feldberg. Ehrenamtlich engagiert er sich in zahlreichen Gremien, unter anderem als Präsident des Skiverbands Schwarzwald, Vorsitzender des Liftverbundes Feldberg und Aufsichtsratsvorsitzender der Hochschwarzwald Tourismus GmbH. Wirbser hat eine Tochter und drei Söhne.

Peter Lutz, Jahrgang 1957, wurde in Hüfingen geboren. Der studierte Botaniker und Biologe ist Mitglied im Schwarzwaldverein und zuständig für den Fachbereich Naturschutz. Er vertritt außerdem den Regierungsbezirk Freiburg im Landesnaturschutzverband. Lutz ist ebenfalls Vater einer Tochter und dreier Söhne.

Gut zu wissen

Auf einem warmen Kachelofen tauscht es sich gleich viel besser aus. Den findet man nach einem Wintersporttag im Hochschwarzwald in den zahlreichen Hütten. Dort wird es bei Vesper und Heißgetränken gleich noch gemütlicher.

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