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16. Philosophischer Herbst - Kurs 2

09.11.-12.11.17

Informationen

Seit 2002 finden in Todtnauberg jährlich Anfang November, wenn sich die Ruhe des Spätherbstes ausbreitet, Seminare zum Thema Philosophie und Literatur statt - inspiriert durch die Verbundenheit des bekannten Philosophen Martin Heidegger zu Todtnauberg. Namhafte Dozenten erörtern und diskutieren hier die Werke bekannter Philosophen.

ÄSTHETISCHE WELTGESTALTUNG UND WELTBEWÄLTIGUNG IN KUNST...

Seit 2002 finden in Todtnauberg jährlich Anfang November, wenn sich die Ruhe des Spätherbstes ausbreitet, Seminare zum Thema Philosophie und Literatur statt - inspiriert durch die Verbundenheit des bekannten Philosophen Martin Heidegger zu Todtnauberg. Namhafte Dozenten erörtern und diskutieren hier die Werke bekannter Philosophen.

ÄSTHETISCHE WELTGESTALTUNG UND WELTBEWÄLTIGUNG IN KUNST UND LITERATUR DER MODERNE

Dr. Perdita Rösch, Konstanz

„Fremde sind wir auf der Erde alle“ (Franz Werfel, 1915)  „Und wenn dich das Irdische vergaß, / zu der stillen Erde sag: Ich rinne. / Zu dem raschen Wasser sprich: Ich bin.“ (Rainer Maria Rilke, 1922)

Die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert sowie die ersten zwanzig Jahre des neuen Jahrhunderts – das nun auch schon wieder ein vergangenes ist – war eine extreme Umbruchszeit, die sich vielleicht am treffendsten mit einem Aufsatztitel Lorenz Dittmanns beschreiben lässt: „Auflösung aller Vertrautheit“. Nie zuvor hatte sich die Erfahrungswirklichkeit der Menschen, bedingt durch die zweite industrielle Revolution und den damit einhergehenden sozialen, politischen und kulturellen Auswirkungen in so kurzer Zeit so grundlegend verändert. Kunst und Literatur, seit jeher schon Spiegel der spezifischen Verfasstheit ihrer jeweiligen Zeit, geben uns Auskunft über das Lebensgefühl der Menschen, lassen aber auch erkennen, wie Künstler versuchen, produktiv mit den ‚Auflösungstendenzen‘ der Moderne umzugehen.
Im Seminar werden wir durch die genaue Analyse sowohl von Sprach- wie von Bildkunstwerken verschiedene Strategien herausarbeiten, mit denen die Literatur und Kunst seit dem Ende des 19. Jahrhunderts auf Probleme wie Entfremdung, Beschleunigung, Brüchigkeit der Wirklichkeitserfahrung etc. reagieren.
Da sind zunächst jene KünstlerInnen, die wie Seismographen auf die Verwerfungen der Moderne reagieren und diese in ihren Werken aufzeichnen, wie beispielsweise Else Lasker-Schüler (18691945, Weltende, 1902) oder Vincent van Gogh (18531890, Weizenfeld mit Krähen, 1890), deren Werk sich außerhalb der Zuschreibungen zu gängigen –ismen bewegt. Doch schon Edvard Munch (1863-1944, Pubertät, 1893/1913), nur zehn Jahre jünger als van Gogh, begnügt sich schon nicht mehr mit dem seismographischen Aufzeichnen, sondern erstellt eine Diagnose der Zeit, eine vergleichbar ‚analytische‘ Vorgehensweise findet sich in den Gedichten Alfred Lichtenbergs (18891914, Nachmittag, Felder und Fabrik, 1913). Darüber hinaus gehen Ansätze, die versuchen, Weisen des Umgangs mit den spezifischen Erfahrungen und Anforderungen der Moderne zu finden. So zeigt Monet (18401926) mit seinen Serienbildern (Heuhaufen, 1890/91) als einer der ersten, dass ‚Wirklichkeit‘ in der Moderne etwas ist, das sich nur noch in einer potentiell unendlichen Gesamtheit von Momentaufnahmen zeigt, hält jedoch wie Cezanne an ihrer potentiellen ‚Abbildbarkeit‘ fest. Paul Klee (1879-1940, Blumenmythos, 1918; Landschaft mit gelben Vögeln, 1923; Eidola, 1940) dagegen glaubt längst nicht mehr daran, dass Kunst die Wirklichkeit wiedergeben kann oder soll, sondern schafft eine der unseren Welt parallele Kunst-Welt mit einer eigenen Realität, einer innerbildlichen Realität aus Farbe.
Mit ganz ähnlichen Mitteln versucht Rainer Maria Rilke (18751926, Römische Fontäne, 1906; Sonette an Orpheus, 1922) eine ‚Aufhebung der Wirklichkeit‘ in Sprache, um so eine immanente Transzendenz als Sinnangebot in einer Sinn-los werdenden Welt zu bieten. Trakl (18871914, Verwandlung des Bösen, 1914; aber auch in früheren Werkphasen wie z.B. Zu Abend mein Herz, Traum des Bösen, 1913) wiederum scheint sich geradezu in eine Irrealität der Sprache zu flüchten, de facto aber entsprechen seine sprachlichen Verfahren den Abstraktionstendenzen der Bildenden Kunst und stellen somit vielmehr einen Fluchtpunkt dar. Die Bandbreite der Weltbewältigungs- und Weltgestaltungsmodelle wird im Seminar durch genaue Analysen der Texte und Bilder erarbeitet. Als Literatur und Kunst verbindendes Element wird dabei die Betonung formaler und wort- bzw. bildmaterialer Elemente deutlich.

Texte /Bilder:
Ein READER mit allen Texten und Abbildungen wird vorab zur Verfügung gestellt

Die Dozentin:
Dr. Perdita Rösch, geb. 1967, hat an der Universität Konstanz und der University of Sussex Philosophie, Literaturwissenschaft und Kunstwissenschaft studiert. 2007 Promotion zum Thema des Engels als Denkfigur bei Paul Klee und Rainer Maria Rilke. Neben der Lehre im Fachbereich Literatur-Kunst-Medien an der Universität Konstanz betätigt sie sich als freie Kuratorin (zuletzt zwei Ausstellungen für das MAC-Museum Art & Cars in Singen: Bewegte Farbe (Herbert Vogt), 2015 und Wagen der Erinnerung/Carro della memoria (Marcello Mondazzi), 2016.
Im Moment Inventarisierung der Kupferstichsammlung des Freiherrn von Wessenberg für die Städtische Wessenberg-Galerie Konstanz (mit Ziel einer Ausstellung der Druckgraphik 2018/19)

Seminarzeiten:1. Tag: 16.00 – 18.00 Uhr, anschließend gemeinsames Abendessen im Hotel Engel2. Tag: 09.30 – 10.30 und 11.00 – 12.00 Uhr und 16.00 – 18.00 Uhr3. Tag: 09.30 – 10.30 und 11.00 – 12.00 Uhr und 16.00 – 18.00 Uhr4. Tag: 09.30 - 10.30 und 11.00 – 12.00 Uhr

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Anmeldung bis 02.11. unter +49(0)7652/1206-30 oder todtnauberg@hochschwarzwald.de

Karte & Anreise

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