Lautlos bremst Aischa ihren Flug ab, die Schwingen weit geöffnet.

Auf der Pirsch mit dem Falkner

Franz Ruchlak und Steinadler Aischa - Königin der Lüfte
22.04.2013

von Birgit-Cathrin Duval

„Ja Aischa, ja du musch emol gucke, Aischa, es sind Leute hier, na komm, Aischa, komm.“ Von Aischa ist nichts zu sehen, nur ein Klingeln eines Glöckchen tönt aus dem Holzkasten. „Na hopp, ja, also, jetzt sind mer da, du bisch e weng nervös, gell.“ Dann guckt Aischa auf: Hellwach und stechend, ein archaischer Blick aus tiefschwarzen Pupillen auf einer leuchtend gelben Iris.

Franz Ruchlak ist Falkner und Aischa ist seine Königin. Wenn Ruchlak mit Aischa spricht, hat seine Stimme einen sanften, ja zärtlichen Ton. Behutsam holt Ruchlak den Steinadler aus dem Holzkasten seines Lieferwagens. Sie sitzt auf seinem ledernen Falknerhandschuh und späht in die Umgebung. Die Hand des Falkners wirkt im Vergleich zu den ausgebreiteten Schwingen winzig. Aischas Spannweite beträgt imposante 2,20 Meter.

Die perfekte Jägerin

Grüne Kluft, Stiefel, graubärtig und wettergegerbtes Gesicht. Franz Ruchlak sieht aus als hätte sich Robin Hood in unsere Zeit verirrt. Als Berufsfalkner gehört er zu einer immer kleiner werdenden Zahl von Falknern, der mit dem Abrichten von Greifvögeln und Greifvogel-Flugvorführungen seinen Lebensunterhalt verdienen.

Franz Ruchlak ist Falkner und Aischa ist seine Königin.
Franz Ruchlak ist Falkner und Aischa ist seine Königin. © Birgit-Cathrin Duval

Von Oktober bis März ist er stundenlang mit seinem Adler im Wald auf Pirsch. Den 13 Jahre alten Steinadler hat Ruchlak, der als Falkner einen Jagdschein besitzt, selbst abgerichtet. Aischa ist eine perfekte Jägerin. Ihren Adleraugen entgeht nichts. Ob Füchse oder Hasen, sogar Rehe kann Aischa erlegen. Für Ruchlak ist die Beizjagd eine faire Sache. Denn nicht immer ist Aischa schnell genug und der Hase schlägt dem Adler einen Haken und verschwindet im Unterholz.

Doch die Jagdsaison ist vorbei, es ist bereits Frühling, auch wenn man das angesichts des Schnees auf den Feldern nicht glauben will. Falkner Ruchlak wirft seinen Arm nach oben, Aischa startet, manövriert wendig im Dickicht des Waldes und landet wenige Sekunden später hoch oben auf dem Ast einer Tanne. In der Fachsprache nennt sich das „Freie Folge“, wenn der Greifvogel dem Falkner frei von Baum zu Baum folgt und in dessen Blickfeld bleibt.

Elegant segelt der Adler in Bodennähe über das Feld.
Elegant segelt der Adler in Bodennähe über das Feld. © Birgit-Cathrin Duval

Ruchlak geht langsam weiter. Die Glöckchen, die am Fuße des Adlers befestigt sind verraten dem Falkner wo sich der Adler befindet. Aischa fliegt wie ein Pfeil über die Köpfe, dreht nach links in den Wald. Unglaublich wendig und leicht steuert die Flugakrobatin zwischen den Tannenbäumen. Wie schafft sie das nur, durch den dichten Tannenwald zu fliegen, ohne mit ihren breiten Schwingen irgendwo hängenzubleiben? Jetzt setzt sie zur Punktlandung an. Von den Nadeln des Baumes stiebt der Pulverschnee nach allen Seiten, der dünne Ast schwankt mächtig unter dem Gewicht des vier Kilogramm schweren Adlers. Dann gibt der Ast nach, bricht. Selbst Aischa scheint davon überrascht. Sie öffnet ihre mächtigen Flügel, schwingt sich empor, landet sicher auf der nächsten Tanne.

Bei Schnuppertagen in der Falknerei von Franz Ruchlak in Löffingen können Naturfreunde die Greifvögel hautnah erleben.
Bei Schnuppertagen in der Falknerei von Franz Ruchlak in Löffingen können Naturfreunde die Greifvögel hautnah erleben. © Birgit-Cathrin Duval

Kunst, die in Fleisch und Blut übergeht

Doch wie kommt der Adler wieder zurück zum Falkner? Ruchlak hält ein Stück Fleisch auf seinem ledernen Falknerhandschuh parat und ruft nach seinem Vogel. Aischa fliegt los, dreht eine Runde und setzt zur Landung an. Ruchlak hält seinen rechten Arm hoch. Lautlos bremst Aischa ihren Flug ab, die Schwingen weit geöffnet, die Fänge mit den messerscharfen Krallen nach vorne gestreckt. Hätte der Falkner keinen Handschuh, die Landung wäre eine blutige Angelegenheit.Die Beizjagd und Freie Folge mit einem Steinadler zählt zur hohen Kunst der Falknerei. Sie erfordert jahrzehntelange Erfahrung. Eine Kunst, die Franz Ruchlak in Fleisch und Blut übergegangen ist. Er und sein Adler bilden eine Einheit. Doch der Steinadler bleibt ein Wildtier und ist und bleibt für den Falkner gefährlich. Blickt man auf Aischas Fänge und den mächtigen Schnabel, ahnt man weshalb.

Aischa folgt ihrem Falkner auf offenes Gelände. Hier ist sie in ihrem Element.
Aischa folgt ihrem Falkner auf offenes Gelände. Hier ist sie in ihrem Element. © Birgit-Cathrin Duval

Aischa folgt ihrem Falkner auf offenes Gelände. Hier ist sie in ihrem Element. Halboffene Landschaften gehören zum natürlichen Siedlungsgebiet des Steinadlers. Elegant segelt sie in Bodennähe über das Feld und landet auf einem Baum neben einem Hochsitz. Dann ist es mit der Ruhe vorbei: Ein Mäusebussard stößt schrille Rufe aus, kreist aufgeregt über dem Hochsitz. „Der Bussard hat den Steinadler zum Schein angegriffen“, erklärt Ruchlak. „Er ist in sein Revier eingedrungen. Es ist kein tatsächlicher Angriff, er fliegt nur darüber.“ Aischa bleibt gelassen. „Der Steinadler interessiert sich nicht für Mäusebussarde, das ist nicht seine Beute“.

Hätte der Falkner keinen Handschuh, die Landung wäre eine blutige Angelegenheit.
Hätte der Falkner keinen Handschuh, die Landung wäre eine blutige Angelegenheit. © Birgit-Cathrin Duval

Plötzlich ist Aischa wie vom Erdboden verschwunden. Selbst Franz Ruchlak kann den Adler nicht mehr ausmachen. Der Falkner packt ein metallenes Kästchen mit Antenne aus dem Rucksack. Es ist ein Empfänger, mit dem der Peilsender, dem sich am Fuße des Adlers befindet, geortet wird. Ruchlak erkennt, in welcher Richtung und Entfernung sich sein Vogel befindet. Schnell stapft er durch den dichten Schnee über Äste und umgestürzte Bäume bis er Aischa, die stoisch von einem Baum herabblickt, gefunden hat. Kaum haben die Adleraugen das Futter auf dem ledernen Handschuh erblickt, ist Aischa bereits im Anflug und schlägt mit ihren starken Fängen in den Handschuh ein.

Faszination und Wissen

Der Falkner und sein Adler. Zwei, die wie beste Freunde wirken, die durch Pech und Schwefel gehen. Doch Ruchlak weiß nur zu genau, dass die Liebe nicht erwidert wird. 

“Ein Steinadler ist ein freies Tier mit starkem Willen, doch das Schöne daran ist, dass er immer schaut, dass er in deiner Nähe ist.“
(Franz Ruchlak)

Zurück in seiner Falknerei im Löffinger Ortsteil Bachheim warten seine anderen Schützlinge: Falken, Schneeeulen, Uhu, Bussarde, Weißkopfseeadler, Steppenadler sogar ein Kolkrabe und ein kleiner Buntfalke names Litti. Franz Ruchlak ist Falkner mit Passion und Leidenschaft. Bereits als kleiner Junge erlag er der Faszination der majestätischen Vögel. Sein jahrzehntelanges Wissen als Berufsfalkner gibt er in Greifvogel-Flugschauen weiter.

Bei Schnuppertagen in seiner Falknerei können Naturfreunde die Greifvögel hautnah erleben. Außerdem gibt er Vorbereitungskurse für angehende Falkner und seine Show kann für Betriebs- oder Vereinsfeste gebucht werden.